Die Männer des Zweiten Weltkrieges – Teil 2.840: Abbé Jean Brachmond

Der Pater Jean Brachmond wurde am 08.03.1892 in Rueder geboren, einem Ortsteil der luxemburgischen Gemeinde Clerf. Er wurde am 14.07.1918 zum Priester geweiht. Von 1918 bis 1919 war er Koadjutor in Iechternach, dann in Dikrech. Es schlossen sich Stationen als Kaplan in Déifferdeng, Pfarrer in Zowaasch, Kaplan in Stadgronn  (1926 – 1929), Pastor in Knapphouschent  (1929 – 1935), Pastor in Méischdref (Gemeng Mompech) ab dem 26.08.1935.

Am 25. November 1940 wurde er von den Nazis wegen seiner patriotischen Haltung verhaftet und kam schließlich in das Konzentrationslager Sachsenhausen und das KZ Dachau, wo er im Alter von nur 50 Jahren starb.

Über sein Leben und Sterben berichtet eine Broschüre/Buch über die Luxemburgische Kirche im Zweiten Weltkrieg:

„Jean Brachmond stammte aus Roder (Marnach), wurde 1918 zum Priester geweiht und war seit 1935 zum Pfarrer von Moersdorf an der Untersauer bestellt. Nic. Heinen nennt ihn einen Liebhaber der summenden, regsamen Bienen, einen beweglichen Geist, wie wenige, fröhlich und kühn.

Jules Jost schrieb von ihm im Sonntagsblatt:

„Als das Land überfallen wurde, stieg Pfarrer Brochmond ins Gestühl des Kirchturms und schwor, nachdem er die Stränge durchgeschnitten hatte, nun würden die Glocken schweigen, bis sie den Sieg Englands einläuten könnten.

Tempus loquendi? Er konnte nicht schweigen. Ob ihm sein Freund, der amerikanische Geschäftsträger Platt Waller, einen wirklichen Freundschaftsdienst erwies, als er im Herbst 1940 nach Moersdorf zur Kirmesfeier kam, wo Brachmond noch einmal alle nationalen Register seines rednerischen Könnens zog? Doch der Pfarrer stand bereits im schwarzen Buch der erst seit wenigen Monaten anwesesenden Gestapoleuten.

Als der erste im Dorf der VdB beigetreten war, hatte er öffentliche Gebete für die Heimkehr des verlorenen Sohnes verkündet, und als bald darauf sein Gebet erhört wurde, verkündete er ein Rosenkranzgebet in der Kirche, als öffentliche Danksagung. Solche Mätzchen konnte der Gestapo auf Dauer nicht verborgen bleiben, und so schritt sie am 25.011. zur Verhaftung den unbequemen Herrn von Moersdorf. Aus dem Gefängnis von Stadtgrund wurde er immer wieder in die Villa Pauly zum Verhör geholt. Der tollkühne Pfarrer glaubte sich stark genug, die Machthaber des Dritten Reiches direkt anzugreifen. Das Katz-und-Maus-Spiel dauerte bis zum 20.12. Dann kam Pfarrer Brachmond über Trier nach Berlin ins Gefängnis am Alexanderplatz. Von dort führte sein Weg ins Honzentrationslager Sachsenhausen-Oranienburg. Edy Moli schreibt von ihm: „Brachmonds schier unbesiegbare Dynamik wurzelte in einer ungewöhnlichen Körperkraft und einem an Übermut grenzenden Temperament, ließ ihn im Lager wohltuend unter den Häftlingen auffallen. Im Gegensatz zu Redakteur B. Esch hatte er die Belastungen des konzentrationären Lebens damals noch spielend ertrage. Übersprudelnder Optimismus hatte Trost und Freude in die allgemeine Trostlosigkeit gebracht. Dann führte sein Weg weiter nach Dachau.“

Jules Jost erzählt, wie Brachmond auch noch in Dachau nicht schweigen konnte: Er gehörte zu den ganz wenigen, die es wagten, SS-Leuten Aug in Auge zu widerstehen. Der spätere Weihbischof Neuhäusler von München wusste davin eine Episode zu erzählen:

„Eines Tages hatte ein SS-Sturmscharführer vor Hunderten von Geistlichen des Pfarrerblocks in obszöner Weise gegen Gott, Christus und seine Kirche gewettert. Als er schließlich pausierte, erdröhnte aus den Reihen der Kleriker die klare und deutliche Stimme des Luxemburger Pfarrers Johann Brachmond: und die Pforte der Hölle werden sie doch nicht überwältigen! Schrecken erfasste die anderen Geistlichen. Sie bangten um das Leben dieses mutigen Bekenners und fürchteten das Schlimmste für sich selber. Doch der SS-Mann war so betroffen…und feige, dass er sich wortlos umdrehte und wegging.“

Brachmonds schalkhaftes Temperament, das ihn nie verließ, sicherte ihm viel Freunde in den verschiedenen Arbeitskommandos, denen er zugeteilt wurde.

Zusammen mit Batty Esch arbeitete er auf dem Trockenspeicher der Plantage, wo sie eines Tages Suppenpulver klauten, das sich nicht bloß im Nachhinein als ungenießbar erwies, aber für beide noch furchtbare Folgen haben sollte, die letzten Endes den Verzehr ihrer Kräfte beschleunigen sollten. Jean Bernard erzählt:

„Ich habe gestohlen“, sagte Batty Esch mit verschmitztem Lächeln, wie wir uns eines Mittags mit der gefüllten Suppenschüssel in unsere Ecke des Schlafraumes verkriechen.

„Das ist Suppenpulver. Es ist ein Gemisch von verschiedenen Gemüsen, getrocknet und fein gemahlen. Auf dem Trockenspeicher steht ein ganzer Sack voll. Ich wette, das lässt sich gut in der Suppe verwenden. Der Bischof nahm auch davon.“

Wenn das letztere zum Zwecke hatte, moralische Bedenken bei mir zu verscheuchen, so war es überflüssig. Wir taten jeder eine gute Handvoll in die Möhrensuppe.

Doch, was geschah? Das Ding tat sich auf wie Küchenteich, die ganze Suppe wurde völlig steif und bekam einen derart scharfen Geschmack, dass wir schon nach dem ersten Löffel hinausstürzten, um am Wasserhahn den brennenden Mund zu kühlen.

Die Suppe war ungenießbar.

Das Schlimmste sollte noch kommen.

Wie wir am folgenden Tag zu Mittag einrückten, war ziemliche Aufregung vor dem Gewächshaus der Plantage.

Zwei Jammergestalten knieten dort auf dem Pflaster, mit dem Gesicht zur Mauer gedreht. Als wir abmarschierten, blieben sie zurück, von einem Posten bewacht. Es regnete und war windig kalt.

„Es sind zwei Pfarrer, die gestohlen haben“, sagt triumphierend ein Kapo. „Wenn die bis heute abend nicht verreckt sind, kriegen sie 25 auf den Bloßen. Ja, so sind sie alle!“

Eine schreckliche Ahnung stieg in mir auf, die leider bald zur Gewissheit wurde.

Batty Esch und Brachmond fehlten beim Mittagessen…

Wie wir am Nachmittag wieder am Gewächshaus vorbeimarschierten, knieten die Unglücklichen noch immer da, aber völlig nackt und vom Stockwerk herunter gossen SS-Lümmel eimerweise Wasser über sie aus.

Bei der Arbeit wußte jemand den Sachverhalt zu berichten.

Das Kommando war unerwartet gefilzt worden und die Taschenkontrolle fand bei Brachmond grüne Spuren vom Diebstahl am vorigen Morgen vor.

Zum Abendappell erst durften Esch und Brachmond, mehr tot als lebendig, ins Lager zurück.“

A. Turpel erzählt weiter:

„Es gibt Meldung, sagte Esch, und wir fliegen beide aus dem Trockenkommando. Aber das Schlimmste ist, dass wir Schmitz hereingelegt haben. Ich muss gleich morgen zu ihm.

Tatsächlich hatte der Wiener Oberbürgermeister seinen ganzen Einfluss eingesetzt, um zwei Pfarrer ein so feines Kommando zu verschaffen. Und nun hatten beide gestohlen!

Noch ein anderer Gedanke war Batty Esch unerträglich. Meine arme Mutter, sagte er wohl zwanzigmal an jenem Abend, im Trockenkommando hätte ich vielleicht durchgehalten. Nun aber ist es aus. Und ich bin selber schuld daran. Es geschieht mir recht. Aber meine arme Mutter…Es ist auch in unserm Kommando nicht so schlimm, tröstete ich. Und man findet dann und wann etwas zu essen. Wenn alles mal wächst, die Möhren und die Rüben….Gestern schenkte mir aus dem Treibhauskommando einen jungen Rotkohlkopf…

Aber während ich sprach, wurde mir plötzlich vor Schwäche übel, und ich ließ mich rasch auf den Strohsack gleiten.

Wir gehen bald zusammen, sagte er, als er sich zu mir legte.

Ja, sagte ich, und dann schliefen wir ein.

Anderentags wurden die beiden Diebe unserm Kommando zugeteilt, und zwar mit der Weisung, dass sie in Strafe seien.

Die eigentliche Meldung aber und die damit unfehlbar verbundene Strafe von 25 mit dem Ochsenziemer oder die zwei Stunden Baum blieben aus.

Das kam so.

Brachmond hatte sich kurz vorher beim Hauptsturmführer und Verwalter der Plantage als Imker gemeldet. Bienenzucht war das Steckenpferd des Verwalters, und er besaß im Bering der Plantage ein herrliches Bienenhaus. Nun wurde Brachmond dem Gestrengen vorgeführt, um eine Prüfung zu bestehen und gegebenenfalls dem Bienenkommando zugeteilt zu werden.

Der Verwalter erkannte Brachmond sofort als den vor wenigen Tagen ertappten Dieb.

Nun wurde der Unglückliche erst einmal ordentlich verhauen: wie er sich unterstehen könne…usw..

Dann entspann sich ein psychologisch-diplomatischer Zweikampf: Der Hauptsturmführer brüllte nur von Diebstahl und Pfarrergesindel: Brachmond sprach nur von Honig und süßen Dingen.

Und er siegte.

Zwar erhielt er das Bienenkommando nicht, noch wurden die beiden in den Trockenspeicher zurückbestellt, an der Meldung aber kamen sie vorbei.“

Nun waren Brachmond und Esch also auch in der Plantage. Im Moorwasser stehend mussten die Häftlinge Gräben ausheben, Torf ausstechen, Wälle aufwerfen und Lehmerde zur Bodenverbesserung herbeischleppen. Pfarrer wurden als Pflug und Egge gespannt, um den Boden zu beackern. Auf den riesigen Feldern hockten Hunderte von Geistlichen in langen Reihen auf den Knien, stundenlang, um Setzlinge in die Erde zu stecken. Die Köpfe mussten ständig gesenkt bleiben. Richtete ein Häftling sich auf, so erhielt er vom SS-Aufseher unbarmherzig den strafenden Schuss in den Rücken.

Mit dem verhängnisvollen Einsatz in der Plantage ging es auf einmal mit den Kräften der Priesterhäftlinge rasch bergab. Bereits im Frühjahr 1942 hatten Brachmonds Kräfte schnell abgenommen. Er, der starke Mann, wurde eines der ersten Opfer der Plantage. Anfang Juli war er total erschöpft. So wurde er in den Block 7 des Reviers verlegt, wo ebenfalls Bernard und Wampach todkrank lagen. Jean Bernard berichtet: Brachmonds Körper war mit Phlegmonen übersät. Wenn er vom Verbinden kam, war er vom Kopf bis zu den Füßen in Papier gehüllt, so dass er einer Mumie glich.

Der Oberpfleger, auch ein Häftling, nannte ihn nicht anders wie das Schreckgespenst. Ich hatte in meiner Umgebung geflissentlich von Brachmonds Resistenz-Husarenstück erzählt und ein Echo davon war bis zum Oberpfleger gedrungen. Das brachte Brachmond eine gewisse Sympathie beim ganzen Revierpersonal ein, und man ließ ihn gerne von der Heimat erzählen.

Die Phlegmonen an Kopf und Hals verursachten dem Schreckgespenst empfindliche Kopfschmerzen. Dann sah er nichts und hörte nichts, zog eine Rolle Abortpapier hervor und zeichnete stundenlang immer neue Modelle von Bienenkästen.

Eines Tages wurde ich erwischt, wie ich mit Brachmonds Decke in den Abortraum schlich, um sie heimlich auszuwaschen.

Wo ist der Saufing? Raus mit ihm, nach Stube 4.

Während die Anstalten für den Transport des Freundes getroffen wurden, wankte ich zurück zu seinem Lager, ihm ein Wort des Trostes zu sagen. Dabei glaubte ich jeden Augenblick zusammenzubrechen.

Dort erwartete mich das Schwerste, was ich in Dachau erlebte: der Freund war von Sinnen. Er redete wirres Zeug. Trotzdem erkannte er mich und fing plötzlich an, mir bittereste Vorwürfe zu machen. Weshalb, verstand ich nicht mehr.

Denn auf einmal wurde mir schwarz vor Augen. Ich sagte etwas und hörte, dass ich nicht das sagte, was ich sagen wollte.

Mit Mühe schlich ich zu meinem Lager zurück, glitt unter die Decke, hörte noch, wie Brachmond an mir hinausgetragen wurde, und befand mich plötzlich in einer anderen Welt.

Plötzlich wurde dicht neben meinem Kopf ans halboffene Fenster geklopft. Dann hörte ich die Stimme von Batty Esch: Brachmond ist tot…jetzt eben…in meinen Armen…Anderentags war Brachmonds Leiche noch nicht weg, lag aber ganz zuunterst auf dem Leichenhaufen, sodass wir nichts von ihm sehen konnten. Die Toten wurden im Waschraum nackt ausgezogen und vor der Baracke wie Holzscheite aufgeschichtet, bis das Kommando Krematorium sie mit dem Wagen abholen kam.“

Der kühne Pfarrer Brachmond von Moersdorf war 50 Jahre alt. Die Urne mit seinen Überresten wurde am 07.09.1942 in aller Stille auf dem Kirchhof von Roder beigesetzt.“

Sterbebild von Jean Brachmond
Rückseite des Sterbebildes von Jean Brachmond

Die Männer des Zweiten Weltkriegs – Teil 2.448: Hans Nordlohne

Der Soldat Hans Nordlohne wurde am 06.03.1914 in Cloppenburg geboren. Er diente in der Zeit des Nationalsozialismus im 16. Infanterie-Regiment. Am 31.05.1936 kam er im Alter von 22 Jahren durch einen Unglücksfall ums Leben.

Die Lage des Grabes von Hans Nordlohne konnte ich nicht ermitteln. Ich vermute, es existiert nicht mehr.

Sterbebild von Hans Nordlohne
Rückseite des Sterbebildes von Hans Nordlohne

Die Gefallenen des Frankfurter Hauptfriedhofs – Teil 31: Carl Heinrich von Stülpnagel

Der Soldat Carl Heinrich von Stülpnagel wurde am 01.01.1886 in der Reichshauptstadt Berlin geboren. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er als Oberleutnant in der 12. Kompanie des 115. Leiggarde-Infanterie-Regiments. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte er als General der Infanterie in der Wehrmacht. Am 30.08.1944 wurde er im Alter von 58 Jahren als Opfer des 20.07.1944 hingerichtet.

Auf dem Hauptfriedhof in Frankfurt am Main wurde am Familiengrab eine Gedenktafel angebracht.

Grab von Ludwig und Carl Heinrich von Stülpnagel
Grab von Ludwig und Carl Heinrich von Stülpnagel

Sonderbeitrag – Teil 2.013: Pater Augustin Rösch

Heute stelle ich wieder einmal ein Opfer des Nationalsozialismus vor: Pater Augustin Rösch

Pater Augustin Rösch wurde am 11.05.1893 in der bayerischen Stadt Schwandorf in der Oberpfalz geboren. Von 1904 bis 1909 besuchte er das Gymnasium in Rosenheim. Von 1909 bis 1912 war er Seminarist in Freising, wo er die Abiturprüfung ablegte. Von 1912 bis 1914 absolvierte er sein Noviziat in der Gesellschaft Jesu (Jesuiten) in Tisis (Voralberg).

Dann kam der große Einschnitt in seinem Leben: Von 1918 bis 1918, also während des gesamten Krieges diente er als Soldat und Kompanieführer. Er wurde zuletzt zum Oberleutnant der Reserve befördert und ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz 1. und 2. Klasse, dem Bayerischen Militär-Verdienstorden und mit dem Verwundetenabzeichen.

Nach dem Krieg absolvierte er ein Philosophiestudium und anschließend ein Studium der Theologie.

1925 wurde er zum Priester geweiht. 1930 legte er sein ewiges Gelübte ab.

Nach seinem Studium arbeitete er als Studentenseelsorger in Zürich, sowie als Generalpräfekt und Rektor der Stella Matutina in Feldkirchen (Voralberg).

Von 1935 bis 1944 war er Provinzial der Oberdeutschen Provinz der Jesuiten.

Am 11.01.1945 wurde er durch die Geheime Staatspolizei verhaftet und kam in dass Berliner Zellengefängnis Lehrter Straße.

1947 wurde er Direktor der bayerischen Caritas und Mitglied des bayerischen Senats. Er wurde mit dem Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland und mit dem Bayerischen Verdienstkreuz ausgezeichnet.

Am 07.11.1961 verstarb er im Alter von 68 Jahren.

Sterbebild von Pater Augustin Rösch
Rückseite des Sterbebildes von Pater Augustin Rösch

Sonderbeitrag: Dr. Engelbert Dollfuß

Dr. Engelbert Dollfuß wurde am 04.10.1892 in Texing geboren. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er als Oberleutnant der Reserve im 3. österreichischen Kaiserschützen-Regiment. Von 1932 bis zu seiner Ermordung war er Bundeskanzler Österreichs. Am 25.07.1934 wurde er im Alter von 42 Jahren von österreichischen Faschisten ermordet.

Das Grab von Dr. Engelbert Dollfuß befindet sich auf dem Hietzinger Friedhof in Gruppe 27, Nummer 12.

Dr. Engelbert Dollfuß u. a. war mit folgenden Orden ausgezeichnet: Goldenes Ehrenzeichen am Bande, päbstlicher Orden vom Goldenen Sporn, Großkreuz des päbstlichen Piusordens.

Sterbebild von Dr. Engelbert Dollfuß
Rückseite des Sterbebildes von Dr. Engelbert Dollfuß

Der Anstaltsfriedhof in Weilmünster | Ort des Schreckens

Ich entdeckte den ehemaligen Anstaltsfriedhof der Psychiatrischen Klinik in Weilmünster vor einigen Jahren eher durch Zufall, als ich ein wenig ziellos in meiner ehemaligen Heimat im Landkreis Limburg – Weilburg herumfuhr.

278 Menschen wurden hier zwangssterilisiert. Rund 3.000 psychisch Kranke wurden hier in der Zeit des Nationalsozialismus im Rahmen der Aktion T4 direkt oder indirekt getötet. Etwa 6.000 psychisch Kranke wurden von Weilmünster in die Tötungsanstalt Hadamar verlegt, um sie töten zu lassen.

Gerade in Zeiten wie der jetzigen (2020), wo eine Partei wie die AfD, die sich an ideologischn Strukturen und Denkweisen der Nationalsozialisten anlehnen und offen Rassismus und völkisches Denken verbreitet, ist das Erinnern an unsere furchtbatre Vergangenheit wichtig. Solche Verbrechen wie die Ermordung geistig und körperlich behinderter Menschen dürfen sich nicht wiederholen!

Übrigens: KEINER der für diese Morde und andere Verbrechen in Weilmünster verantwortlichen Ärzte, Pfleger und sonstige Personen wurde jemals für diese Taten bestraft.

„Bereits 1945 führte die Staatsanwaltschaft Frankfurt/Main ein Ermittlungsverfahren gegen den Direktor der Anstalt Weilmpnster Dr. Ernst Schneider. Tatvorwurf waren die Deportationen nach Hadamar und mögliche Morde in Weilmünster sebst. 1949 wurde vermerkt, diese Vorwürfe seie nicht belegbar; es erfolgte die Abgabe der Ermittlungen an die Staatsanwatschaft Limburg. Dr. Schneider wurde 1953 außer Verfolgung gesetzt. „

Aus der Inschrift einer Hinweistafel auf dem Friedhof:

„Gedenkfriedhof für die Opfer der NS-„Euthanasie“

Seit Gründung der „Provinzial-Irrenanstalt“ 1897 gehört dieser Friedhof zum Klinikum Weilmünster. Bis Dezember 1996 wurden hier verstorbene Patientinnen und Patienten bestattet, wenn ihr Familien sie nicht in den Heimatgemeinden beerdigen ließen. Auch Gräber von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Einrichtung finden sich auf dem Gelände.

Seit 2003 ist der Friedhof als Gedenkstätte gestaltet. Er dokumentiert die wechselvolle Geschichte des Umgangs mit behinderten und psychisch kranken Menschen im zwanzigsten Jahrhundert.

Während des Ersten Weltkrieges starben viele Patientinnen und Patienten der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Weilmünster. Sie wurden Opfer mangelnder Ernährung, Beheizung und Versorgung. Innerhalb von drei Jahren stieg die Sterberate von 10 auf 36 Prozent.

Psychisch kranke und behinderte Menschen gehörten zu den Verfolgten des NS-Staates. Nach 1933 verschlechterte sich die Lebenssituation der Patientinnen und Patienten in Weilmünster schrittweise. Sie wurden zwangssterilisiert, sie litten an Nahrungsentzug, mangelnder Pflege, Überbelegung und reduzierter Beheizung.

Bereits 1937 begann die Sterblichkeit deutlich zu steigen. In einigen Kriegsjahren wurden 40 bis 50 Prozent der Patientinnen und Patienten zu Tode gebracht.

Unter den Opfern waren bereits 1940 überdurchschnittlich viele jüdische Patientinnen und Patienten. Die Verbleibenden gehörten 1941 zu den ersten Opfern der systematischen Mordaktionen. Ab 1941 lebten keine jüdischen Patientinnen und Patienten mehr in der Landesheilanstalt Weilmünster.

Als im Rahmen der „Aktion T4“ und 1941 über 70.000 kranke und behinderte menschen in den Gaskammern sechs großer Mordanstalten umgebracht wurden, wurde die Landesheilanstalt Weilmünster zur größten Zwischenanstalt für die Tötungsanstalt Hadamar bei Limburg. Von Januar bis August 1941 wurden 2.595 Patientinnen und Patienten aus Weilmünster nach Hadamar verlegt., zum großen Teil waren sie kurz zuvor aus anderen Anstalten in großen Transporten in die Zwischenanstalt gebracht worden.

Nach dem Ende der T4-Aktion war das Leben in der Landesheilanstalt Weilmünster durch deren Funktion als Vernichtungsanstalt bestimmt. Neben das Töten durch den Entzug der Lebensgrundlagen traten wahrscheinlich Medikamentenmorde.

Der später in Hadamar ermordete Ernst P. beschrieb in einem Brief an seine Mutter, der in der Anstalt abgefangen wurde, die Situation im September 1943:

„… Die Menschen magern hier zum Sklett ab und sterben wie die Fliegen. Wöchentlich sterben rund 30 Personen. Man beerdigt die hautüberzogenen Knochen ohne Sarg.  … Die Kost besteht aus täglich zwei Scheiben Brot mit Marmelade, selten Margarine oder auch trocken. Mittags und abends je 3/4 Liter Wasser mit Kartoffelschnitzel und holzigen Kohlabfällen. Die Menschen werden zu Tieren und essen alles was man eben von anderen kriegen kann so auch rohe Kartoffeln und Runkel, ja wir waren noch andere Dinge fähig zu essen wie die Gefangenen aus Russland. Der Hungertod sitzt uns allen im Nacken, keiner weiß, wer der Nächste ist…Wir essen aus kaputtem Essgeschirr und sind in dünne Lumpen gekleidet, in denen ich schon mehr gefroren habe wie einen ganzen Winter in Hagen. Vor fünf Wochen habe ich zuletzt gebadet und ob wir in diesem Jahre noch baden, wissen wir nicht…“

Der Aufenthalt in der Landesheilanstalt bedeutete in den Jahren 1937 bis 1945 für über 6.000 Menschen den Tod – entweder in Weilmünster, oder nachdem sie nach Hadamar verlegt worden waren.

Das Ermittlungsverfahren gegen Personal der Landesheilanstalt Weilmünster wurde eingestellt, die Morde gerieten in vergessenheit. Neue Gräber wurden über den Euthanasie-Opfern errichtet.

Seit 1991 erinnert ein gedenkstein auf dem Friedhofsgelände an die in Weilmünster ermordeten Opfer der nationalsozialistischen Krnkenmordaktion. Seit 1997 werden hier keine Toten mehr bestattet.

Seit 2003 sind auf diesem Friedhof alle Namen der mehr als 3.000 hier beerdigten NS-Opfer dokumentiert. Hinter jedem dieser Namen verbirgt sich eine Biographie.“

(Quelle: Gedenktafeln auf dem ehemaligen Anstaltsfriedhof)

Im September 1942 schrieb der Patient Ernst P. an seine Mutter. Er schilderte die Zustände in der Anstalt, weshalb der Brief abgefangen wurde.

„Wir wurden nicht wegen der Flieger verlegt sonder ndamit man uns in dieser wenig bevölkerten Gegend unauffällig verhungern lassen kann. […] Die Menschen magern hier zum Skelett ab und sterben wie die Fliegen. Wöchentlich sterben rund 30 Personen. Man beerdigt die hautüberzogengen Knochen ohne Sarg. […] Die Menschen werden zu Tieren und essen alles, was man eben von anderen kriegen kann […] Früher ließ man in dieser Gegend die Leute schneller töten und in der Morgendämmerung zur Verbrennung fahren. Als man bei der Bevölkerung auf Widerstand traf, da ließ man uns einfach verhungern.“ 

Daher: NIE WIEDER FASCHISMUS!

Lage des Friedhofs:

 

Der Weg, der von Weilmünster aus zu dem Friedhof führt.
Der Eingangsbereich
Gräber auf dem Friedhof
Der jüdische Friedhof auf dem Anstaltsfiedhof
Das Grab von Helene Dornbusch
Der jüdische Teil des Friedhofs
Das Grab von Moses Nathan
Das Grab von Abraham Klausner
Hinweisschild zu den Regeln des jüdischen Friedhofs
Fast idyllisch: Der Weg auf dem Friedhof
Weg auf dem Friedhof – links und rechts des Weges wurden getötete Anstaltsbewohner beigesetzt
Blick über den Friedhof
Grab von Carl Raupert
Der Friedhof könnte besser gepflegt werden.
Instandhaltungsrückstände
Fast militärisch: Grabanlagen
Blick über den Friedhof

Weiterführende Infos: Landes-Heil- und Pflegeanstalt Weilmünster in Gedenkort-T4

Die Männer des Widerstands – Teil 550: Die Opfer der Bürgermorde von Altötting

Der Geistliche Rat Adalbert Vogl, der städtische Verwaltungs-Oberinspektor Martin Seidel, der Landwirt und Mühlenbesitzer Josef Bruckmayer, der Lagerhausverwalter Hans Riehl und der Verlagsbuchhändler Adam Wehnerl wurden am 28.04.1945 von gewissenlosen Angehörigen der SS in ihrem fanatischen und sinnlosen Kampf gegen die eindringenden Alliierten ermordet. Dieses sinnlose Verbrechen geschah 10 Tage vor der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands und damit vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Der Krieg war schon lange verloren, nur die fanatischsten, verblendetsten und brutalsten Nazis versuchten noch, das Leiden der Bevölkerung zu verlängern und gegen den massiv vordrängenden Gegner aufzuhalten.

Der Wikipedia Artikel gibt näheren Aufschluss zu diesem Verbrechen: https://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%BCrgermorde_von_Alt%C3%B6tting

Sterbebild der Opfer der Bürgermorde von Altötting
Rückseite des Sterbebildes der Opfer der Bürgermorde von Altötting

Die Männer des Widerstands – Teil 463: Dr. Johann Maier

Der katholische Priester Dr. Johann Maier wurde am 23.06.1906 in Berghofen, heute ein Teil der Gemeinde Aham, geboren und wurde Domprediger in Regensburg. Am 24.04.1945 wurde er im Alter von 39 Jahren in Regensburg von fanatischen Nationalsozialisten hingerichtet, nachdem er sich für eine kampflose Übergabe der Stadt Regensburg an die amerikanischen Truppen eingesetzt hatte und sich gegen sinnlosen Widerstand ausgesprochen hatte, der unnötige Verluste auf Seiten der Zivilisten bedeutet hätte.

Das Grab von Dr. Johann Maier befindet sich in der Bischofsgrablege des Domes. Im Dom erinnert eine Gedenktafel an ihn. Ebenso erinnert eine Statue auf dem Dachauplatz an ihn und an Josef Zirkl und Michael Lottner.

In Wikipedia befindet sich ein guter Artikel über Dr. Johann Maier https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Maier_(Domprediger)

Sterbebild von Dr. Johann Maier
Rückseite des Sterbebildes von Dr. Johann Maier

Die Männer des Ersten Weltkriegs – Teil 450: Oscar Omer Cornille

Der Belgier Oscar Omer Cornille wurde am 01.11.1902 in Emelgem, einem Ortsteil der Gemeinde Izegem, geboren. Er war Mitglied der Feuerwehr und starb am 06.05.1945 in einem Konzentrationslager in der ehemaligen Tschechoslowakei. Es könnte das KZ Theresienstadt gewesen sein. Er war politischer Gefangener der Deutschen.

Sterbebild von Oscar Omer Cornille
Rückseite des Sterbebildes von Oscar Omer Cornille

Das Grab Franz von Papens

In den letzten Tagen war ich im Saarland, in dem ich geboren wurde, um private Grundstücksangelegenheiten zu ordnen. Aus diesem Anlass suchte ich das Grab des ehemaligen deutschen Reichskanzlers und Diplomaten Franz von Papen (* 29.10.1879 – 02.05.1969) auf dem Friedhof von Wallerfangen auf. Während der Nürnberger Prozesse war er in allen Anklagepunkten freigesprochen worden, in einem späteren Spruchkammerverfahren jedoch als Hauptschuldiger eingestuft und zu acht Jahren Arbeitslager verurteilt worden. Er war der Wegbereiter des Diktators Hitler, mitverantwortlich für ein Regime, das die Leben vieler Millionen Leben auf dem Gewissen hat, ein Mensch, der große Schuld auf sich geladen hat. Trotzdem gehört er in die Reihe der Kanzler Deutschlands.

Franz von Papen
Grabstein von Franz von Papen
Grab von Franz von Papen