Die Männer des Ersten Weltkriegs – Teil 2.886: Heinrich Eimansberger

Der Soldat Heinrich Eimansberger wurde am 20.02.1886 geboren und stammte aus Standkirchen, einem Ortsteil der bayerischen Gemeinde Weyarn, und war der Sohn eines Landwirts (Feichtsohn). Im Ersten Weltkrieg kämpfte er als Infanterist in der 3. Kompanie des bayerischen Infanterie-Leib-Regiments (die Angabe auf dem Sterbebild, er sei im Stab des I. Bataillons eingesetzt worden, ist wahrscheinlich falsch). Er wurde mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse und mit dem bayerischen Militär-Verdienstkreuz 3. Klasse mit Krone und Schwertern ausgezeichnet. Am 25.04.1918 fiel er im Alter von 32 Jahren nach 34 Monaten Kriegsdienst während der Schlacht um den Kemmelberg.

Über den Todestag und die Todesumstände von Heinrich Eimansberger berichtet die Regimentsgeschichte des bayerischen Infanterie-Leib-Regiments:

„Um 1 Uhr vormittags des 25. April hat II./L., um 2.15 Uhr vormittags III./L., um 3 Uhr vormittags I./L. seine Bereitstellung beendet. Beim Feind ist eine starke Nervosität unverkennbar. Er hat gegenüber II./L. offenbar im Schutze seines abendlichen Sperrfeuers seine Sicherungen weiter als sonst vorgetrieben. Seit Mitternacht nimmt auch seine Artillerietätigkeit zu, und insbesondere die Flankierungsbatterie aus Richtung Dranoeter fasst die bisherigen Gräben von II./L. Der Franzose unterhält ein dauerndes Postenfeuer und Maschinengewehr-Feuer, verschießt auch viele Gewehrgranaten und erleuchtet sein Vorfeld ständig mit Leuchtkugeln. Beim II./L., das sich erst eingräbt, entstehen nicht unbedeutende Verluste. Der Kompanieführer 5./L., Leutnant der Reserve Kammerer, wird durch Bauchschuss schwer verwundet. Der Ordonnanzoffizier beim Bataillonsstab, Leutnant der Reserve Maerz, übernimmt die Führung der Kompanie. Bis um 3 Uhr vormittags sind bei den Bataillonen vorderer Linie eingetroffen: beim III./L. ½ Zug Pionier-Kompanie 283, 4 Flammenwerfer; beim II./L. 1/3 Regiments-Pionier-Kompanie mit Kompanieführer, 1/3 Regiments-Minenwerfer-Kompanie (Zug Kübler) – 4 Flammenwerfer. Hinter III./L. können zwei mittlere Minenwerfer der Minenwerfer-Kompanie 175 in Stellung gehen.

Der aufgegangene Mond leuchtet schwach durch den Nebel.

Um 3.30 Uhr vormittags beginnt die deutsche Artillerie mit der Vergasung des Kemmel-Nordhangs, der Barackenlager, Schluchten und Batteriestellungen nördlich des Kemmel. Die Geschosse von 18 Feldbatterien mit durchschnittlich 2.000 Schuss und 10 mittleren Batterien mit 600 Schuss rauschen über unsere Köpfe. Die Windrichtung ist ungünstig; die sich über den Kemmelberg zurückwälzenden weißen Gaswolken fließen bis in den Douvebachgrund ab und zwingen auch die zum Sturm Bereitliegenden zum Aufsetzen der Gasmasken. Zunächst steigert sich das feindliche Artilleriefeuer, und auch von den Kemmelhängen setzt lebhaft Maschinengewehr-Feuer ein. Der Gasbeschuss dauert zwei Stunden. 6 Uhr vormittags wandelt sich das fast lautlose Gasschießen in Brisanzfeuer. Den 23 Feldbatterien im Alpenkorpsstreifen stehen für eine Stunde Wirkungsschießen je 600 Schuss, den 22 mittleren und schweren Steil- und Flachfeuerbatterien 240 – 90 Schuss zur Verfügung. Am Sturmreifschießen sollten sich auch 23 mittlere und 12 leichte Minenwerfer beteiligen, doch dürfte nur ein Bruchteil dieser Formationen bis in seine Feuerstellungen gelangt sein. Im Brisanzfeuer lässt die französische Infanterie- und Maschinengewehrtätigkeit ganz merklich nach, und vor allem die Maschinengewehre an den Kemmelhängen verstummen zunächst gänzlich. Es ist kurz vor 7 Uhr morgens, die Rauch- und Staubentwicklung ist eine ganz gewaltige, und – da es schon heller Tag sein sollte – herrscht um den Kemmel eine trübe Dämmerung, aus der nur die rote Explosionsflamme matt aufleuchtet.

Endlich ist der in fieberhafter Spannung erwartete Augenblick da. Es ist Schlag 7 Uhr und die vorderen Kompanien brechen los. Während sich II./L. teilweise unversehrten Stellungen gegenübersieht und dort sofort ein erbitterter Infanteriekampf einsetzt, haben im Angriffsstreifen vin III./L. Artillerie, Minenwerfer und die Gewehre der 3. Maschinengewehr-Kompanie vorzügliche Vorbereitungsarbeit geleistet. Geschickt sich dem Gelände anpassend stürmen die 9. und 10. Kompanie voraus. Der Bataillonsstab folgt mit der 11. Kompanie (Leutnant Freiherr M. von Godin) unmittelbar der 9. Kompanie.

Gleich beim Antreten erhält die 9. Kompanie heftiges Feuer von vorne und von rechts. Sofort schwenkt der rechte Zug rechts ein und nimmt mehrere Maschinengewehr-Nester im ersten Anlauf. Dann dringt die Kompanie, ohne wesentlichen Widerstand zu finden, unter der Gunst der Rauch- und Staubentwicklung in die Unterstandgruppen am Kemmelfuß ein und folgt fortan einem Hohlweg, der sich in Richtung auf den Kemmelturm hinaufzieht.

Die 10. Kompanie (Führer Leutnant der Reserve Großblotekamp) ist links neben der 9. zum Sturm angetreten. Mit den Zügen Weigand und Korb in erster Linie erreicht sie, ohne viel Widerstand zu finden, im ersten Anlauf den Bahndamm. Hier geht ein Teil der französischen Besatzung über, bergan flüchtende Franzosen werden wirksam mit Gewehr- und Maschinengewehr-Feuer gefasst. Der rechte Teil der 10. behält den Anschluss an die 9., dagegen sind die über offenes Acker- und Wiesenland vorgehenden Teile bald im flankierenden Feuer, das aus den Blockhäusern am Kleinen Kemmel aus 400 – 500 Meter Entfernung über die Feuerwalze hinüber entgegenschlägt. Mit Unterstützung eines Zuges der 3. Maschinengewehr-Kompanie wird der Feuerkampf auf halbem Kemmelhang zunächst aufgenommen; als aber II./L. und Teile der hinter der 10. Kompanie folgenden 12. die Blockhäuser im Nahkampf umschließen, lösen sich die Züge Korb und Bürger der 10. aus dem Feuerkampf, und alle Teile der Kompanie können der Angriffsbewegung der 9. folgen.

Unter der entschlossenen, tapferen Führung und mitreißenden Haltung des Oberleutnant der Reserve von Ruckteschell dringt die 9. Kompanie unaufhaltsam vorwärts. Französische Stollenbesatzungen, die den Hohlweg selbst und Stellungen im Walde besetzen sollen, werden aufgerollt. Ein starkes Maschinengewehr-Nest auf 2/3 Höhe wird von zwei Seiten angegriffen und im Handgranatenkampf erledigt. Ohne Aufenthalt geht es weiter, immer dicht hinter der Feuerwalze her, Noch einmal stellt sich der Gegner in stark besetzter Stellung unterhalb des Kemmelturms. Schießend arbeiten sich die Züge der 9. heran. Da bricht auch dieser letzte Widerstand zusammen. Ein Teil ergibt sich, ein anderer flieht, und um 8.05 Uhr vormittags erreicht die 9. Kompanie mit den letzten Granateinschlägen den Kemmelturm, eben rechtzeitig, um feindliche Reserven abzuwehren, die im Begriffe waren, den Grat wieder zu besetzen. Die starken Unterstände unmittelbar am Gipfel werden mit Handgranaten gesäubert. Der Große Kemmel ist genommen, die Bresche geschlagen, und als wenige Minuten nach der 9. Kompanie die links anschließende 10. den Gipfel erreicht und ihre Züge den Kemmelrücken überschreiten, steigen, den gelungenen Sturm kündend, Leuchtzeichen empor, und mitten unter ihnen schießt eine Brieftaube mit der Siegesmeldung des Bataillons-Kommandeurs davon. Wesentlich zum Erfolg der Infanterie hat die 3. Maschinengewehr-Kompanie (Führer: Leutnant der Reserve Boehmer) beigetragen. Ihre Züge sind aufgeteilt. Der 1. Zug ist in vorderster Linie mit der 9. Kompanie angetreten; die beiden anderen sind unmittelbar hinter ihr gefolgt. Die eigenen Linien überschießend halten sie von immer neuen Stellungen aus den Gegner an den Kemmelhängen nieder und helfen so in trefflichem Verfahren wechselnder Feuerunterstützung der 9. und 10. Kompanie beim Vorgehen. Der 3. Zug stößt im Vorrücken auf einen feindlichen Unterstand, dessen Besatzung den Widerstand nicht aufgeben will. Mit Handgranaten, die Leutnant der Reserve Mitterer mit einigen Leuten in den Eingang wirft, wird sie außer Gefecht gesetzt und ergibt sich. Sobald jeweils die Gewehre der nachfolhenden Maschinengewehr-Abteilung 205 die Ziele der 3 Maschinengewehr-Kompanie übernommen haben, sucht diese wieder Anschluss an die stürmenden Kompanien, um von neuer Stellung aus den Gegner niederzukämpfen.

Der Kemmel um 1918

Die 12. Kompanie (Führer Leutnant Schoener) folgt zunächst in Reihenkolonnen der 10. dicht auf, dringt dann in die Talsenkung zwischen Großem und Kleinem Kemmel und in die dortigen Barackenlager ein, entzieht sich dadurch, dass sie der Tiefenlinie folgt, der Maschinengewehr-Wirkung aus der Blockhauslinie am Kleinen Kemmel. Noch im toten Winkel steigt sie links drehend gegen den Sattel zwischen beiden Hügeln hinan, um das heftige Maschinengewehr-Feuer gegen die Flanke des III./L. auszuschalten, und versucht mit dem Zug Bernhard Freiherr von Pechmann und einem Flammenwerfer einen entschlossenen Angriff auf die Blockhauslinie, der nicht gelingt. Franzosen, die von der Nordseite des obersten Kemmelrückens heraneilen, geraten ins Feuer der 12./L. und erleiden schwerste Verluste. – So sind Teile der 12. in den Gefechtsstreifen des II./L. gelangt. Als aber II./L. dicht an der Blockhauslinie liegt, löst sich die 12. aus dem Kampf, zieht sich in Reihenkolonne im toten Winkel um den Großen Kemmel und folgt ihrem Bataillon, das bereits im Abstieg am Nordhang begriffen ist.

Wesentlich zäher als bei III./L. entwickelt sich von Anfang an der Angriff beim II. Bataillon. Kurz vor 7 Uhr vormittags fallen mehrere schwere Geschosse – offenbar eigene mittlere Minen – in die Trichter der 5. Kompanie und bringen schwere Verluste. Da das Minenfeuer gleich unglücklich liegen bleibt, ist ein Teil der Kompanie zum Ausweichen nach der Seite und rückwärts gezwungen. Bei der Bergung der verschütteten Kameraden im feindlichen Feuer zeichnet sich Sanitäts-Sergant Huber der 5./L. besonders aus. Die Bewegung der 5./L. entgehen den nahen französischen Postierungen nicht, die mit Infanterie- und Maschinengewehr-Feuer lebhaft einsetzen.

Auch die erste Welle der 6. Kompanie, die wenige Minuten vor 7 Uhr sich näher an die Wirkungsgrenze der Feuerwalze heranarbeiten will, wird sofort mit Maschinengewehr-Feuer gefasst, der Zugführer, Leutnant der Reserve Bierling, fällt, der Zugführer, Leutnant der Reserve Kohl, wird schwer verwundet und mit ihnen eine ganze Anzahl ihrer Leute. Auf der ganzen Front des II./L. ist also noch vor Sturmbeginn der Infanteriekampf heftig entbrannt. Durch das sofort vorzüglich sitzende Feuer des Minenwerferzuges Kübler und durch den Einsatz der 2. Maschinengewehr-Kompanie (Führer: Leutnant von Stettner) gehen die französischen Stützpunkte – zwei Bauernhäuser, die noch unversehrt vor der Feuer- und Rauchwand der bereits beginnenden Feurwalze aufragen – bald in Trümmer, die Reste der französischen Besatzung, 70 – 90 Mann, kommen dem nun vorstürmenden Bataillon bereits mit erhobenen Händen entgegengelaufen. Aber die Maschinengewehre vom Kemmelhang haben den Angriff erkannt und feuern über die Feuerwalze hinweg den Stürmenden entgegen. An der Feldbahnlinie am Fuß des Kemmel schließt das ganze Bataillon wieder dicht auf; im Vorgehen wird neuerlich die Sturmeinteilung getroffen.

Am Kemmelfuß werden noch einmal zwei Widerstandsnester, die sich gut hielten, genommen. Dann begegnen die neugeordneten Linien schwierigeren Vormarschverhältnissen. Der niedere und stark verdrahtete Buschwald wurde in dem vorangegangenen Vernichtungsfeuer zum dichten Verhau, in dem die Patrouillen kaum vordringen. Ein Hohlweg, der gerade bergan führt, saugt daher die Kompanien geradezu auf. Zug Dusold der 8., dann 5. und 6. drängen in diesem Hohlweg aufwärts. Zweimal versuchen französische Stollenbesatzungen Widerstand, und es gelingt ihnen sogar, noch Maschinengewehre in Feuerstellung zu bringen; im Handgranatenkampf und Handgemenge wird aber rasche Entscheidung herbeigeführt. 7./L. und der Rest 8./L. gehen getrennt von der Gruppe im Hohlweg über die Abhänge vor. Als die Feuerwalze um 7.40 Uhr vormittags über den Rücken des Kleinen Kemmel springt, ist eine erste Welle aus Mannschaften der Regiments-Pionier-Kompanie und der 8./L. nahe am Erfolg. Beim Sprung über die 40 – 50 Meter offenes Ackerland, das die Betonblockhäuser umgibt, setzt aber Dauerfeuer aus zahlreichen Maschinengewehren ein, und alle Handgranaten- und Flammenwerferangriffe, die sofort und entschlossen geführt werden, scheitern an den dichten und beinahe unversehrten Hindernissen, die die Blockhauslinie umgeben, auf ein paar Meter Entfernung. Um diese Zeit liegt noch am Kemmelhauptgipfel das zusammengefasste Feuer von 11 Steilfeuerbatterien, während kaum 200 Meter davon entfernt fünf Betonblöcke aus Schießscharten, die dicht über dem gewachsenen Boden liegen, Maschinengewehr-Dauerfeuer sprühen. – Da nunmehr dieses Feuer alle Abhänge peitscht, werden alle Teile des II./L. in die Holhlwegkreuzung auf 100 Meter von den Blockhäusern als der einizigen Deckung zusammengedrängt, und es entsteht eine nicht unbedenkliche Anhäufung von Kräften auf engstem Raum. Der Bataillonsführer, Hauptmann von Prancky, bespricht sich kurz mit dem Führer der 12./L., und diese zieht sich dann aus dem Kampf im fremden Streifen. Als um 8.05 Uhr III./L. den Großen Kemmel überschreitet, stockt der Angriff bei II./L. völlig.

Am Hang des Kleinen Kemmel – Hohlweg

Der unerschütterte und sofort nach dem Wegrollen der Feuerwalze wieder bereite Feuerwiderstand des Verteidigers erklärt sich daraus, dass die Blockhauslinie und die sonstigen Verteidigungsanlagen am Kleinen Kemmel aller Erkundung entgangen waren, dass sie weder als ein besonderes Ziel für Zerstörungsfeuer, noch auch im Gang der Feuerwalze berücksichtigt waren. Die fünf, durch scharf eingeschnittenen, über mannstiefen Graben verbundenen Blockhäuser zeigten nach der Einnahme auch nur an einer einzigen Wand einen Volltreffer, die vier am höchsten und beherrschendsten gelegenen waren völlig unversehrt. Die Betonwände und Decken waren über 1 Meter stark, die Blockhauslinie selbst vollkommen von einem auch nach dem Angriffsfeuer beinahe unversehrten breiten Drahthindernis umgeben. Über die ganzen Anlagen (Blockhäuser – Verbindungsgraben – Hindernis) war zudem ein Drahtgeflecht mit eingeknüpften grünen und braunen Lappen gezogen, wohl in der auch erreichten Absicht, eine Feststellung aus der Luft unmöglich zu machen. Bei den Handgranatenkämpfen und den Versuchen, die Blockhauslinie im Grabenkampf aufzurollen, kam dieses Drahtgeflecht, unter dem sich zum Teil die Kämpfe auf ein paar Schritte Entfernung abspielen mussten, dem Verteidiger sehr zu nutzen.

I./L. hat seine Bereitstellung nahe hinter dem III./L. um 3 Uhr vormittags beendet und bereits im Laufe der Nacht einige Verluste durch Artilleriefeuer erlitten. Es folgte als Bataillon zweiter Linie, im wesentlichen im Angriffsstreifen des III./L. Im Augenblick des Antretens wird es von einer Sperrfeuerlinie gefasst. Der Kommandeur, Hauptmann Graf Holnstein, fällt durch einen Granatsplitter ins Herz getroffen, als er eben das Zeichen zum Vorgehen gibt. Das Regiment verliert mit ihm, der seit dem Ausmarsch alle Kämpfe mitgefochten hat, wiederum einen besonders bewährten, ebenso tüchtigen wie beliebten älteren aktiven Offizier. Der Kompanie-Führer der 3. Kompanie, Leutnant der Reserve Halt, wird schwer verwundet. Die Kompanien durchlaufen das Sperrfeuer. Rittmeister von Spies übernimmt die Bataillonsführung. Den Infanterie- und Maschinengewehr-Feuer, das voim Kleinen Kemmel herüberschlägt, weicht das Bataillon in den Hochwald aus, und es erreicht beinahe ohne weitere Verluste die Höhenlinie schon bald nach dem III./L. Der Regimentsstab ist in der Bereitstellungszeit vorwärts der Ferme Alouette gestanden und mit Sturmbeginn vorgerückt. Ein Meldekopf ist dicht an den Bereitstellungsraum des II./L. herangeschoeben, die 1. Kompanie als Meldeläuferkette dorthin mit Teilen eingesetzt. Bald nach Sturmbeginn schlägt ein schwerer Volltreffer ein und tötet den Regiments-Arzt, Oberarzt der Reserve Tröger, den Leutnant der Reserve und Ordonanzoffizier Dressel der 2. Maschinengewehr-Kompanie und den Führer des Regimentsnachrichtenzuges, Offiziers-Stellvertreter Gerstner. Der Regimentsstab folgt zunächst im Angriffsstreifen des II./L.; als aber dieses aus dem Hohlweg nicht mehr vorwärts kommt, geht der Regimentskommandeur in den Angriffsraum des III./L. und erreicht die Höhe beim Kemmelturm, wo er verbleibt, bis der Kampf um die Hügel endgültig entschieden ist. Die 1. Kompanie hält mit Meldeläuferketten die Verbindung mit den Bataillonsstäben aufrecht, nicht ohne Verluste zu erleiden.

Ab 8.20 Uhr vormittags sind beim Regiment zwei Hauptkampfgruppen zu unterscheiden, die getrennt und beinahe ohne Zusammenhang fechten. II./L. ist auf nächste Entfernung an die Blockhauslinie angerannt, wird von dieser festgehalten und verliert so bald jeden Zusammenhang mit den erfolgreicher vorstürmenden Teilen des Regiments. Dagegen ist III./L. der Einbruch in die Hauptwiderstandslinie voll gelungen. Damit ist die Entscheidung gefallen. I./L. folgt dem glücklich vorwärts dringenden III./L. und schließt am Kemmel auf.

Der Anblick, der sich nach der Erstürmung des Großen Kemmel vom Gipfel aus bietet, ist überwältigend großartig. Der Gegner scheint voller Auflösung zu sein. In westlicher und nordwestlicher Richtung, wohin immer das Auge frei zu sehen vermag: Feind in aufgelöster Bewegung, marschierende Kolonnen, größere und kleinere Trupps teils zurückflutend in Richtung Loker und Scherpenberg, teils in gegenläufiger Bewegung in Richtung auf den Kleinen Kemmel. Von hier her ertönt noch wilder Gefechtslärm. Major Graf Bothmer nützt den Erfolg seines Bataillons sofort aus. Ein Zug der 11. Kompanie unter Leutnant der Reserve Mooseder erhält den Befehl, flankierend in den Kampf bei II./L. einzugreifen, der um den Kleinen Kemmel tobt. Die Maschinengewehre der 3. Maschinengewehr-Kompanie feuern in den zurückflutenden Gegner, wo immer sie ihn fassen können. Die 9. und 10. Kompanie werden zur Verfolgung angesetzt. Die 12. Kompanie erhält den befehl, mit Anschluss an die 9. und 10. die Sicherung der linken Flanke zu übernehmen. Immer noch ist der Anschluss an die Feuerwalze nicht aufgegeben. Aber die Verfolgung gestaltet sich wesentlich schwieriger, als es zunächst den Anschein hatte. Das Bataillon, durch seinen Sieg wie ein Keil in die Stellung des Feindes hineingetrieben, während zu beiden Seiten noch schwer gekämpft wird, sieht sich bald von links und rechts flankiert und überdies leistet der Gegner an den bewaldeten Nordabhängen des Kemmel noch Widerstand. Mit größter Entschlossenheit wird der Kampf gegen die einzelnen Widerstandsnester und Unterstandsbesatzungen geführt, und feindliche Unterstützungen werden in raschem Angriff überrascht und erledigt. So wird die Straße Deraet – Kemmel-Dorf bei Letteberg erreicht. Da erhalten die vorgestoßenen Kompanien starkes Flankenfeuer von rechts. Dort sind erhebliche Teile des Gegners, im Feuerkampf massierte Reserven, die hinter der Rückfallkuppe 97 bereitliegen. Vor dieser Kuppe stehen in scharfem Feuergefecht die preußischen Jäger. Sofort wird auch unsererseits der Feuerkampf aufgenommen. Vernichtend jagen die Maschinengewehre der 3. Maschinengewehr-Kompanie ihre Garben in den überraschten Gegner. Nicht lange dauert es und er verlässt fluchtartig seine Stellungen. Nun haben auch die Jäger Luft bekommen. Höhe 97 wird von ihnen genommen, und einige Jägerkompanien erreichen bald die genannte Straße. Da vom Kleinen Kemmel immer noch heftiger Gefechtslärm herüberschallt, setzt Major Graf Bothmer starke Stoßtrupps an und zwar außer dem schon vorher entsandten Zug Mooseder der 11. noch einen Zug der 12. Kompanie gegen den Rücken des vor II./L. noch haltenden Gegners; außerdem wird auch ein Zug der 4./L. hier eingesetzt. Am Nordwesthang des Großen Kemmel geraten alle diese Einheiten in ungemein heftige Nahkämpfe im Buschwald.

Sobald die Jägerkompanien angeschlossen sind, wenden sich die 9. und 10./L. und 3. Maschinengewehr-Kompanie nach links und treffen auf starke englische Kräfte, die eben in mehreren Linien über Deraet auf den Kleinen Kemmel vorgehen. In wildem Angriff und mit vorzüglicher Maschinengewehr-Wirkung in der Flanke angefallen, werden die Engländer aufgerollt und unter schwersten Verlusten zur Flucht in Richtung auf die Lager bei Bruloose gezwungen. Auch zwei englische Kompanien, die beim Burggravehof in Stellung gehen wollen, werden angegriffen und die ausgedehnten Barackenlager von Versprengten gesäubert. Maschinengewehre vermögen das ganze offene Ackerland bis zu den Bahndämmen vor Brulooze zu beherrschen und jeden Versuch zu neuem Widerstand sofort zu brechen. Die 9. und 10./L. folgen im allgemeinen nun der nack Loker führenden Straße und können um die Mittagszeit mehrere feindliche Linien, die noch vor der Front der 4. bayerischen Infanterie-Division halten, zurückdrücken und mehrere Widerstandsnester vernichten. Der enge Anschluss an die Nachbardivision lässt sich am Südende der Barackenlager von Brulooze herstellen; bis nach Loker hin scheinen alle feindlichen Truppen aufgelöst und vertrieben zu sein. Die 12. Kompanie hat inzwischen von Major Graf Bothmer Befehl erhalten, über die Lager beim Burggravehof in nordwestlicher Richtung vorzustoßen und weiterhin für das III. Bataillon Anschluss und Richtung zu geben; dichtauf folgt die 11. Kompanie. Westlich des Barackenlagers wird Verbindung mit der 9. und 10. Kompanie aufgenommen; ohne nennenswerten Widerstand wird die Feldbahn bei Brulooze erreicht, an der ein Maschinengewehr-Überfall auf schanzende Franzosen gelingt, die auf der Flucht durch das dortige Lager verfolgt werden. Dabei fällt eine leichte Feldhaubitzbatterie zu sechs Geschützen in Feuerstellung in die Hände des Zuges Pechmann der 12. Kompanie.

Ganze Scharen feindlicher Schützen strömen nun in großer Hast dem Scherpenberg zu. Aber das Bataillon hat das Tagesziel Burggravehof erreicht, ja sogar überschritten. Die gewaltige Feuerglocke der eigenen Artillerie liegt vor dem Scherpenberg und vor Loker. Lange überlegt Major Graf Bothmer, ob er die weitere Verfolgung aufnehmen soll, es wagen soll, mit dem III. Bataillon allein die Feuerglocke zu durchlaufen. Aber vorerst ist das eigene Artilleriefeuer zu stark und macht das Nachstoßen unmöglich.

Ein ganz wesentlicher Teil der Erfolge des III. Bataillons ist der außerordentlichen Führertätigkeit des Majors Graf Bothmer, sowie der tapferen Führer der 9. und 10. Kompanie, Oberleutnant der Reserve von Ruckteschell und Leutnant der Reserve Großblotekamp, zuzuschreiben, die ihre Kompanien zu Höchstleistungen im Angriff und rücksichtsloser Verfolgung mitzureißen verstanden. Die Zugführer Leutnant der Reserve Betz, die Vizefeldwebel Ludwig und Sauer der 9., Leutnant der Reserve Weigand, Vizefeldwebel Bürger der 10., sowie Leutnant der Reserve Mitterer und Vizefeldwebel Kerscher der 3. Maschinengewehr-Kompanie hatten sie dabei in hervorragender Weise unterstützt. Der ununterbrochene Kampf und die dauernde Verfolgung ließen keine Zeit zur Zählung oder Feststellung der Gefangenenzahlen und der Beute an Kriegsgerät. Dass aber die Auflösung mehrerer englischer und französischer Regimenter gelungen war, ist sicherlich keine Übertreibung.

Seit 8.15 Uhr vormittags liegt II./L. mit allen Teilen eng gedrängt im Hohlkreuzweg dicht vor der Blockhauslinie. Zwar kann gegen 9 Uhr Leutnant der Reserve Maerz mit einem Zug der 5. und einer Gruppe der 6. aus dem Gefecht auf nächste Entfernung gelöst werden und seinen Auftrag, um den Großen Kemmel herumgreifend einen Angriff von Nordosten her auf die Blockhäuser zu führen, versuchen. Beim Erkunden einer Feuerstellung für seinen letzten feuerbereiten Minenwerfer fällt Leutnant der Reserve Kübler tödlich getroffen in den Hohlweg zurück. Ein nochmaliger Angriff mit Einsatz des letzten gebrauchsfähigen Flammenwerfers wird in wenigen Sekunden zusammengeschossen.

Flammenwerfer im Einsatz

Kurz nach 9 Uhr setzt aber ein Gegenangriff ein: Über den Hang des Großen Kemmel, den vor einer Stunde die 10. Kompanie ohne Widerstand zu finden überschritt, kommen in dichten Schwärmen Engländer und Franzosen gelaufen, und die Gräben, die dort bisher leer lagen, füllen sich mit entschlossenen Verteidigern. Im Hohlweg, den der Gegenangriff flankiert, entstehen neue schwere Verluste. Es gelingt aber, auf engstem Raum 12 leichte und schwere Maschinengewehre in kürzester Zeit in Stellung zu bringen, und diese erzielen auf 200 – 250 Meter Entfernung eine vernichtende Wirkung. Es dauert nur wenige Minuten, dann fliehen kleine Trupps waffenlos über den Kemmel zurück, die Mehrzahl der Überlebenden läuft aber mit erhobenen Händen den Hang in die Schlucht herab in Gefangenschaft. – Eine später aufgefundene französische Situationsmeldung lässt erkennen, dass ein englisch-französisches Bataillon „Santos“ aus dem Stollen unter dem Großen Kemmel heraus diesen Gegenangriff versuchte.

Als dann wiederum eigene Freiwillige gegen den Kemmelsattel vorspringen, feuert die unversehrte Blockhauslinie, und es gelingt auch jetzt nicht, die 50 Meter offenen Geländes, die vom Erfolge trennen, zu überwinden. – Das an II./L. links anschließende 2. bayerische Jäger-Bataillon steht im heftigsten Kampf um die Gebäude der Louis-Mühle; die Jäger dringen hauptsächlich mit Handgranatenwerfern langsam im verdrahteten Buschwald vor. Es ist etwa 10.30 Uhr, als es dem Hauptmann Freiherr von Pranckh mit Sergant Helliel, Gefreitem Winkler und Leiber Rottmann der 6. glückt, vom linken Flügel des Bataillons aus in die Blockhauslinie einzudringen. Mit Handgranaten und im Grabenkampf auf Schrittentfernung gelingt es, drei Blockhäuser wegzunehmen und damit bis auf den Höhenkamm des Kleinen Kemmel vorzudringen und die französischen Gegenstöße, die im Graben sofort einsetzen, auf ein paar Meter Entfernung abzuschlagen. Aber Dauerfeuer aus Maschinengewehren am Hinterhang des Großen Kemmel und den von Schützen noch dicht besetzten Häusern ostwärts Louis-Mühle lassen ein weiteres Vordringen zunächst nicht zu. Das über die Verbindungsgräben und Betonklötze gezogene Tarnungsgeflecht erschwert den Kampf, bei dem die Handgranate am wirksamsten wäre, ungemein. Die 6. Kompanie (Führer: Leutnant der Reserve Bretschneider) wird dicht an die drei genommenen Blockhäuser herangezogen mit dem Auftrag, den Grabenkampf unablässig zu führen. Die 7. Kompanie, die sich nun im Hohlweg besser rühren kann, bekommt den Auftrag zum entscheidenden Angriff auf den Kemmelsattel. – Der Kompanieführer, Leutnant Freiherr von Ow, einer der schneidigsten jungen Offiziere des Regiments, fällt dabei durch Granatsplitter; Leutnant der Reserve Neubert der gleichen Kompanie wird durch den gleichen Einschlag schwer verwundet.

Seit etwa 9 Uhr vormittags haben sich am Kemmel Nordwesthang, dann auch um die Schlucht hinter dem Kleinen Kemmel die schwersten Kämpfe, die nur von schwachen und vereinzelt fechtenden Zügen der 5., 11. und 4. Kompanie getragen werden, abgespielt. Der Zug Mooseder der 11. Kompanie hat um 8.30 Uhr von seinem Bataillonskommandeur, Major Graf Bothmer, den Auftrag bekommen, gegen Maschinengewehr-Nester am Kemmel-Nordwesthang vorzugehen. Zug Strauch der 4. Kompanie, die beim Gipfel als Sicherungstruppe zurückgeblieben ist, greift dann auch unterstützend ein, und in scharfem Feuerkampf lässt sich nun allmählich der Wald von einer großen Zahl von Widerstandsnestern säubern. Unteroffizier Haugg der 4. hat mit seinem leichten Maschinengewehr daran besonders rühmlichen Anteil. Auch französische Reserven, die mit Front nach Süden an den Hängen des Kleinen Kemmel bereit liegen, können außerordentlich wirksam mit Feuer gefasst werden, und Gegenangriffe, die Franzosen und Engländer aus den Stollenausgängen heraus immer wieder versuchen, lassen sich mühsam abwehren. Bei einem solchen Gegenangriff fällt Leutnant der Reserve Müller der 4. Kompanie. – Ein Zug der 5. mit einer Maschinengewehr-Gruppe der 6. Kompanie unter Leutnant der Reserve Maerz ist im untersten Drittel des Kemmel nach einigen Kampfaufenthalten bis an den Steilrand vorgekommen, der den Ausgang des Kemmelberges beherrscht. Auch hier kommt es zu heftigstem Feuerkampf, besonders als der Feind um 11 Uhr vormittags durch die Schlucht einen verzweifelten Durchbruchsversuch wagt, der im Feuer auf nächster Entfernung blutig zusammenbricht. Gefreiter Obermeier 5./L. und Leiber Laux 6./L. haben mit ihren leichten Maschinengewehren zu diesem Erfolg hervorragend beigetragen. Obwohl die beiden Kampfgruppen nur 2 – 300 Meter von einander entfernt fechten, bemerken sie einander nicht und halten sich für allein und ohne Unterstützung im Umfassungsangriff. Der Buschwald, der vollkommen zerhackt und zertrichtert die Abhänge deckt und eine Übersicht nur auf allernächste Entfernung erlaubt, und der andauernde gewaltige Feuerlärm, der die Schlucht erfüllt, vermögen es zu erklären, dass 1 ½ Stunden lang die beiden Gruppen ohne Kenntnis voneinander fechten. So entgehen auch den Angreifern einige Maschinengewehre, die oberhalb und bereits hinter ihnen und in gleicher Richtung mit ihnen feuern. Es sind vor allem jene, die dem II./L. das weitere Eindringen in die Blockhauslinie und den Vorstoß über den Sattel unmöglich machten. Bald nach 11 Uhr dringen aber Zug Mooseder und Leutnant der Reserve Maerz endgültig ins Lager ein, Leuchtpistolenschüsse und Handgranatenwürfe in die Stolleneingänge beenden den Widerstand. Zuletzt kapituliert ein von einem französischen Offizier bedientes Maschinengewehr, das am Kemmelwesthang nahe am Gipfel noch feuert, als sich die Lagerbesatzung bereits ergeben hat, etwa um 11.30 Uhr vormittags. An Gefangenen wurden im Stollenlager gezählt: ein französischer Oberst, ein englischer Oberst und Brigadeur, 38 weitere englische und französische Offiziere, an die 400 Mann. II./L. hat nun endlich freie Bahn, tritt sofort den Vormarsch an und ordnet seine im Gefecht stark durcheinander´gewürfelten Einheiten. Um 12.30 Uhr nachmittags ist es zwischen Burggravehof und den Lagern von Brulooze versammelt und hinter III./L. bereitgestellt. Der Frontschutz des eigenen Artilleriefeuers liegt feindwärts der Bahnlinie und der Barackenlager, die III./L. mit seinen drei Kompanien erster Linie besetzt hält; der Anschluss an das Jäger-Regiment 2 rechts und bayerisches 5. Infanterie-Regiment links besteht. Vom Feinde sind nurmehr einige Postierungen zu erkennen, und auch sein Artilleriefeuer beschränkt sich auf einige Schüsse aus Feldkalibern im Raume vorwärts des Kemmel. Sein Fernfeuer hinter den Kemmel scheint wesentlich heftiger zu sein. Das I./L. sammelt am Nordwesthang des Kleinen Kemmel, auf dem sich auch Jäger-Regiment 1 bereitlegt.

Rechts vom Alpenkorps hat die 56. Infanterie-Division zwar das Dorf Kemmel genommen, ist über die Ortschaft jedoch nicht wesentlich hinausgekommen. Der rechte Flügel des Alpenkorps ist daher stark zurückgebogen; das hier eingesetzte Jäger-Regiment 2 hat Front gegen Nordnordosten, während die Front des Leibregiments gegen Nordwesten gerichtet ist. Links vom Leibregiment hat die 4. bayerische Infanterie-Division eine Linie Hospiz Loker – Lokerhof erreicht, anschließend biegt die 22. Reserve-Division bis in Gegend Bleugelhoek zurück.

Beim Alpenkorps ist durch die Linksverschiebung des Leibregiments aus seinem Gefechtsstreifen heraus, welche eine Folge der Anziehungskraft des verfolgten Gegners bei Brulooze ist, das Jäger-Regiment 1 fast völlig in die 2. Linie gekommen und liegt mit seinen vordersten Teilen ostwärts und südostwärts Brulooze, mit der Masse westlich und südostwärts des Kleinen Kemmel.

Die ersten Nachmittagsstunden vergehen im Raume nördlich des Kemmel in ganz auffälliger Ruhe. Die Führer in der Front, welche die unverkennbare Unordnung und das gelähmte Widerstandsvermögen des Feindes deutlich vor Augen haben, empfiniden es bitter, ihren Einbruch in den stärksten Teil der feindlichen Front nicht zum Durchbruch ausgestalten zu können. Aber ein Vorgehen über das vorgeschriebene Tagesziel ist seitens der höheren Führung ausdrücklich als unerwünscht bezeichnet und durch die Feuerglocke der eigenen Artillerie längere Zeit unmöglich gemacht. Nachdem beiderseits des Alpenkorps die Nachbarn zurückhingen, hätte ein Nachstoßen auf schmaler Front auch kaum zu einem durchschlagenden Erfolg geführt, der behauptet oder ausgebaut hätte werden können. Zudem war die Artillerie des Alpenkorps am Nachmittag des 25.04.1918 noch nicht für die Unterstützung eines neuen Angriffs bereit, da ihr Vorziehen über die tief aufgeweichten, lehmigen Straßen und das Trichtergelände sehr lange Zeit in Anspruch nahm.

Das eroberte Material und die Zahl der vom Regiment gemachten Gefangenen lassen sich kaum in groben Zahlen schätzen. Ohne sie zu zählen oder zu bewachen, ließ man die Gefangenen zurücklaufen; es genügte, dass sie ohne Waffen und mit erhobenen Händen die Lienien der Stürmenden durcheilten. 4/5 der Gefangenen waren Franzosen, meist der 154. Infanterie-Division, etwa 1/5 Engländer. Die Gefangenenzahl im Abschnitt des Regiments ist mindestens gleich hoch mit der der Angreifer anzusetzen. Die blutigen Verluste des Feindes im Infanteriekampf waren ganz außerordentlich hoch. Am Höhenkamm und am Nordabhang des Kleinen Kemmel häuften sich stellenweise die Leichen. Das eroberte Gerät blieb liegen; auch in den Tagen nach dem Sturm hatte niemand Zeit es aufzusammeln oder zurückzuschaffen. Bei Brulooze waren eine leichte Feldhaubitzen-Batterie, in der Stollenschlucht mindestens eine schwere Feldhaubitzen-Batterie in Fahrstellung, eine Anzahl Feldküchen und Heeresfuhrwerk liegen geblieben. Die Kampfbereitschaft der Gegner war allgemein gut, nur Überraschte ergaben sich; die meisten Kampfgruppen wehrten sich erbittert und kapitulierten erst dann, wenn ihre Lage hoffnungslos war. Auffallend war, wie Engländer die Franzosen führten, wie sie beim Angriff des Bataillons „Santos“ voraussprangen. Engländer führten den Gegenstoß und den Durchbruchsversuch aus dem Stollenlager, sie veranlassten auch oft genug Franzosen, die die Gewehre schon weggeworfen hatten, zum Wiederaufnehmen der Waffen und zum Ausharren im Kampfe. Besonders rasch und genau war die Einweisung einiger feindlicher Batterien. – Bereits 8 Uhr vormittags lag heftiges Feuer am Kemmelfuß, beim Kampf um die Blockhäuser hatte II./L. häufige Granateinschläge unmittelbar hinter sich, und das Stollenlager bekam bereits Artilleriefeuer, als noch Gefangene aus dem Stollenlager herausgezogen wurden. Es ist wahrscheinlich, dass ein unterirdisches Kabel noch nach dem Sturm und auch noch in den folgenden Tagen in Tätigkeit bleiben konnte. – Das Wetter war von 8 Uhr vormittags an bis zum Abend ganz sonnenklar. Die Flieger, auf beiden Seiten sehr lebhaft tätig, blieben ohne bemerkbaren Einfluss auf die Gefechtshandlungen.

Um 4 Uhr nachmittags lebt die Feuertätigkeit beim Feinde entschieden auf. Einschläge auch mittlerer Kaliber liegen immer häufiger in der Gegend von Deraet und des Burggravehofs, und feindliche Patrouillen beginnen wieder vorzufühlen. An den Hängen des Scherpenberges sind Besetzungslinien nun zu erkennen, die sich an die Geländebedeckungen anlehnen. Mit zunehmendem Nachmittag werden die Postenschüsse und die Maschinengewehr-Feuerwellen häufiger. Ein Regimentsbefehl am späten Nachmittag stellt die Fortführung des Angriffs am 26. auf den Scherpenberg in Aussicht. In der Abenddämmerung bringen die Tragetierstaffeln volle Munitionsergänzung und auch die meisten Kochkistentragetiere treffen bei den Kompanien ein. Der Verkehr zur Truppe und die Bewegung auch mit Pferdekolonnen über den Kemmel, sein Vor- und Hintergelände ist also in dieser Nacht noch durchaus möglich. Der Regimentskommandeur hat am feindwärtigen Hang des Großen Kemmel bei Deraet seinen Gefechtsstand gewählt.

An Verlusten sind am Abend feststellbar:

Offiziere vom Regimentsstab; tot: Oberarzt der Reserve Tröger, Regiments-Arzt; Leutnant der Reserve Dressel, 2. Maschinengewehr-Kompanie, als Ordonanz-Offizier zum Regimentsstab kommandiert; Offiziersstellvertreter Gerstner, Nachrichtenzugführer beim Regimentsstab.

Vom I. Bataillon tot: Hauptmann Graf Holnstein; Leutnant der Reserve Müller, Zugführer der 4. Kompanie; verwundet: Leutnant der Reserve Kemper, Ordonanzoffizier beim Stabe I.; Feldhilfsarzt Berninger, beim Stabe I.; Leutnant der Reserve Halt, Kompanieführer der 3. Kompanie.

Vom II. Bataillon; tot: Freiherr von Ow, Kompanieführer der 7. Kompanie; Leutnant der Reserve Bierling, Zugführer der 6. Kompanie; Leutnant der Reserve Kübler, Zugführer der Regiments-Minenwerfer.-Kompanie; verwundet: Leutnant der Reserve Kammerer, Kompanieführer der 5. Kompanie; Leutnant der Reserve Neubert, Zugführer der 5. Kompanie; Leutnant der Reserve Kohl, Zugführer der 5. Kompanie; Leutnant der Reserve Köppen, Zugführer der Regiments-Pionier-Kompanie.

Vom III. Bataillon verwundet: Feldunterarzt Kompter (gestorben 01.05.); Leutnant der Reserve Betz, Zugführer der 9. Kompanie.

Insgesamt Offiziere, Unteroffiziere und Leiber: Regimentsstab und I. Bataillon: 35 tot und 38 verwundet; II. Bataillon: 37 tot und 65 verwundet; III. Bataillon: 38 tot und 67 verwundet; Regiments-Minenwerfer-Kompanie: 8 tot und 12 verwundet; Regigemnts-Pionier-Kompanie: 1 tot und 7 verwundet.“

Offiziell ist für Heinrich Eimansberger keine Grablage bekannt. Ich vermute jedoch, dass er anonym in einem Massengrab auf dem rund 35 Kilometer entfernten Soldatenfriedhof Menen beigesetzt wurde, wo man auch seine Regimentskameraden begrub, die im gleichen Zeitraum fielen, u. a.

  • Leutnant Franz Bierling, gefallen am 25.05.1918, begraben auf dem Soldatenfrioedhof Menen in Block E, Grab 3.361

 

Sterbebild von Heinrich Eimansberger
Rückseite des Sterbebildes von Heinrich Eimansberger

Die Männer des Zweiten Weltkrieges – Teil 2.840: Abbé Jean Brachmond

Der Pater Jean Brachmond wurde am 08.03.1892 in Rueder geboren, einem Ortsteil der luxemburgischen Gemeinde Clerf. Er wurde am 14.07.1918 zum Priester geweiht. Von 1918 bis 1919 war er Koadjutor in Iechternach, dann in Dikrech. Es schlossen sich Stationen als Kaplan in Déifferdeng, Pfarrer in Zowaasch, Kaplan in Stadgronn  (1926 – 1929), Pastor in Knapphouschent  (1929 – 1935), Pastor in Méischdref (Gemeng Mompech) ab dem 26.08.1935.

Am 25. November 1940 wurde er von den Nazis wegen seiner patriotischen Haltung verhaftet und kam schließlich in das Konzentrationslager Sachsenhausen und das KZ Dachau, wo er im Alter von nur 50 Jahren starb.

Über sein Leben und Sterben berichtet eine Broschüre/Buch über die Luxemburgische Kirche im Zweiten Weltkrieg:

„Jean Brachmond stammte aus Roder (Marnach), wurde 1918 zum Priester geweiht und war seit 1935 zum Pfarrer von Moersdorf an der Untersauer bestellt. Nic. Heinen nennt ihn einen Liebhaber der summenden, regsamen Bienen, einen beweglichen Geist, wie wenige, fröhlich und kühn.

Jules Jost schrieb von ihm im Sonntagsblatt:

„Als das Land überfallen wurde, stieg Pfarrer Brochmond ins Gestühl des Kirchturms und schwor, nachdem er die Stränge durchgeschnitten hatte, nun würden die Glocken schweigen, bis sie den Sieg Englands einläuten könnten.

Tempus loquendi? Er konnte nicht schweigen. Ob ihm sein Freund, der amerikanische Geschäftsträger Platt Waller, einen wirklichen Freundschaftsdienst erwies, als er im Herbst 1940 nach Moersdorf zur Kirmesfeier kam, wo Brachmond noch einmal alle nationalen Register seines rednerischen Könnens zog? Doch der Pfarrer stand bereits im schwarzen Buch der erst seit wenigen Monaten anwesesenden Gestapoleuten.

Als der erste im Dorf der VdB beigetreten war, hatte er öffentliche Gebete für die Heimkehr des verlorenen Sohnes verkündet, und als bald darauf sein Gebet erhört wurde, verkündete er ein Rosenkranzgebet in der Kirche, als öffentliche Danksagung. Solche Mätzchen konnte der Gestapo auf Dauer nicht verborgen bleiben, und so schritt sie am 25.011. zur Verhaftung den unbequemen Herrn von Moersdorf. Aus dem Gefängnis von Stadtgrund wurde er immer wieder in die Villa Pauly zum Verhör geholt. Der tollkühne Pfarrer glaubte sich stark genug, die Machthaber des Dritten Reiches direkt anzugreifen. Das Katz-und-Maus-Spiel dauerte bis zum 20.12. Dann kam Pfarrer Brachmond über Trier nach Berlin ins Gefängnis am Alexanderplatz. Von dort führte sein Weg ins Honzentrationslager Sachsenhausen-Oranienburg. Edy Moli schreibt von ihm: „Brachmonds schier unbesiegbare Dynamik wurzelte in einer ungewöhnlichen Körperkraft und einem an Übermut grenzenden Temperament, ließ ihn im Lager wohltuend unter den Häftlingen auffallen. Im Gegensatz zu Redakteur B. Esch hatte er die Belastungen des konzentrationären Lebens damals noch spielend ertrage. Übersprudelnder Optimismus hatte Trost und Freude in die allgemeine Trostlosigkeit gebracht. Dann führte sein Weg weiter nach Dachau.“

Jules Jost erzählt, wie Brachmond auch noch in Dachau nicht schweigen konnte: Er gehörte zu den ganz wenigen, die es wagten, SS-Leuten Aug in Auge zu widerstehen. Der spätere Weihbischof Neuhäusler von München wusste davin eine Episode zu erzählen:

„Eines Tages hatte ein SS-Sturmscharführer vor Hunderten von Geistlichen des Pfarrerblocks in obszöner Weise gegen Gott, Christus und seine Kirche gewettert. Als er schließlich pausierte, erdröhnte aus den Reihen der Kleriker die klare und deutliche Stimme des Luxemburger Pfarrers Johann Brachmond: und die Pforte der Hölle werden sie doch nicht überwältigen! Schrecken erfasste die anderen Geistlichen. Sie bangten um das Leben dieses mutigen Bekenners und fürchteten das Schlimmste für sich selber. Doch der SS-Mann war so betroffen…und feige, dass er sich wortlos umdrehte und wegging.“

Brachmonds schalkhaftes Temperament, das ihn nie verließ, sicherte ihm viel Freunde in den verschiedenen Arbeitskommandos, denen er zugeteilt wurde.

Zusammen mit Batty Esch arbeitete er auf dem Trockenspeicher der Plantage, wo sie eines Tages Suppenpulver klauten, das sich nicht bloß im Nachhinein als ungenießbar erwies, aber für beide noch furchtbare Folgen haben sollte, die letzten Endes den Verzehr ihrer Kräfte beschleunigen sollten. Jean Bernard erzählt:

„Ich habe gestohlen“, sagte Batty Esch mit verschmitztem Lächeln, wie wir uns eines Mittags mit der gefüllten Suppenschüssel in unsere Ecke des Schlafraumes verkriechen.

„Das ist Suppenpulver. Es ist ein Gemisch von verschiedenen Gemüsen, getrocknet und fein gemahlen. Auf dem Trockenspeicher steht ein ganzer Sack voll. Ich wette, das lässt sich gut in der Suppe verwenden. Der Bischof nahm auch davon.“

Wenn das letztere zum Zwecke hatte, moralische Bedenken bei mir zu verscheuchen, so war es überflüssig. Wir taten jeder eine gute Handvoll in die Möhrensuppe.

Doch, was geschah? Das Ding tat sich auf wie Küchenteich, die ganze Suppe wurde völlig steif und bekam einen derart scharfen Geschmack, dass wir schon nach dem ersten Löffel hinausstürzten, um am Wasserhahn den brennenden Mund zu kühlen.

Die Suppe war ungenießbar.

Das Schlimmste sollte noch kommen.

Wie wir am folgenden Tag zu Mittag einrückten, war ziemliche Aufregung vor dem Gewächshaus der Plantage.

Zwei Jammergestalten knieten dort auf dem Pflaster, mit dem Gesicht zur Mauer gedreht. Als wir abmarschierten, blieben sie zurück, von einem Posten bewacht. Es regnete und war windig kalt.

„Es sind zwei Pfarrer, die gestohlen haben“, sagt triumphierend ein Kapo. „Wenn die bis heute abend nicht verreckt sind, kriegen sie 25 auf den Bloßen. Ja, so sind sie alle!“

Eine schreckliche Ahnung stieg in mir auf, die leider bald zur Gewissheit wurde.

Batty Esch und Brachmond fehlten beim Mittagessen…

Wie wir am Nachmittag wieder am Gewächshaus vorbeimarschierten, knieten die Unglücklichen noch immer da, aber völlig nackt und vom Stockwerk herunter gossen SS-Lümmel eimerweise Wasser über sie aus.

Bei der Arbeit wußte jemand den Sachverhalt zu berichten.

Das Kommando war unerwartet gefilzt worden und die Taschenkontrolle fand bei Brachmond grüne Spuren vom Diebstahl am vorigen Morgen vor.

Zum Abendappell erst durften Esch und Brachmond, mehr tot als lebendig, ins Lager zurück.“

A. Turpel erzählt weiter:

„Es gibt Meldung, sagte Esch, und wir fliegen beide aus dem Trockenkommando. Aber das Schlimmste ist, dass wir Schmitz hereingelegt haben. Ich muss gleich morgen zu ihm.

Tatsächlich hatte der Wiener Oberbürgermeister seinen ganzen Einfluss eingesetzt, um zwei Pfarrer ein so feines Kommando zu verschaffen. Und nun hatten beide gestohlen!

Noch ein anderer Gedanke war Batty Esch unerträglich. Meine arme Mutter, sagte er wohl zwanzigmal an jenem Abend, im Trockenkommando hätte ich vielleicht durchgehalten. Nun aber ist es aus. Und ich bin selber schuld daran. Es geschieht mir recht. Aber meine arme Mutter…Es ist auch in unserm Kommando nicht so schlimm, tröstete ich. Und man findet dann und wann etwas zu essen. Wenn alles mal wächst, die Möhren und die Rüben….Gestern schenkte mir aus dem Treibhauskommando einen jungen Rotkohlkopf…

Aber während ich sprach, wurde mir plötzlich vor Schwäche übel, und ich ließ mich rasch auf den Strohsack gleiten.

Wir gehen bald zusammen, sagte er, als er sich zu mir legte.

Ja, sagte ich, und dann schliefen wir ein.

Anderentags wurden die beiden Diebe unserm Kommando zugeteilt, und zwar mit der Weisung, dass sie in Strafe seien.

Die eigentliche Meldung aber und die damit unfehlbar verbundene Strafe von 25 mit dem Ochsenziemer oder die zwei Stunden Baum blieben aus.

Das kam so.

Brachmond hatte sich kurz vorher beim Hauptsturmführer und Verwalter der Plantage als Imker gemeldet. Bienenzucht war das Steckenpferd des Verwalters, und er besaß im Bering der Plantage ein herrliches Bienenhaus. Nun wurde Brachmond dem Gestrengen vorgeführt, um eine Prüfung zu bestehen und gegebenenfalls dem Bienenkommando zugeteilt zu werden.

Der Verwalter erkannte Brachmond sofort als den vor wenigen Tagen ertappten Dieb.

Nun wurde der Unglückliche erst einmal ordentlich verhauen: wie er sich unterstehen könne…usw..

Dann entspann sich ein psychologisch-diplomatischer Zweikampf: Der Hauptsturmführer brüllte nur von Diebstahl und Pfarrergesindel: Brachmond sprach nur von Honig und süßen Dingen.

Und er siegte.

Zwar erhielt er das Bienenkommando nicht, noch wurden die beiden in den Trockenspeicher zurückbestellt, an der Meldung aber kamen sie vorbei.“

Nun waren Brachmond und Esch also auch in der Plantage. Im Moorwasser stehend mussten die Häftlinge Gräben ausheben, Torf ausstechen, Wälle aufwerfen und Lehmerde zur Bodenverbesserung herbeischleppen. Pfarrer wurden als Pflug und Egge gespannt, um den Boden zu beackern. Auf den riesigen Feldern hockten Hunderte von Geistlichen in langen Reihen auf den Knien, stundenlang, um Setzlinge in die Erde zu stecken. Die Köpfe mussten ständig gesenkt bleiben. Richtete ein Häftling sich auf, so erhielt er vom SS-Aufseher unbarmherzig den strafenden Schuss in den Rücken.

Mit dem verhängnisvollen Einsatz in der Plantage ging es auf einmal mit den Kräften der Priesterhäftlinge rasch bergab. Bereits im Frühjahr 1942 hatten Brachmonds Kräfte schnell abgenommen. Er, der starke Mann, wurde eines der ersten Opfer der Plantage. Anfang Juli war er total erschöpft. So wurde er in den Block 7 des Reviers verlegt, wo ebenfalls Bernard und Wampach todkrank lagen. Jean Bernard berichtet: Brachmonds Körper war mit Phlegmonen übersät. Wenn er vom Verbinden kam, war er vom Kopf bis zu den Füßen in Papier gehüllt, so dass er einer Mumie glich.

Der Oberpfleger, auch ein Häftling, nannte ihn nicht anders wie das Schreckgespenst. Ich hatte in meiner Umgebung geflissentlich von Brachmonds Resistenz-Husarenstück erzählt und ein Echo davon war bis zum Oberpfleger gedrungen. Das brachte Brachmond eine gewisse Sympathie beim ganzen Revierpersonal ein, und man ließ ihn gerne von der Heimat erzählen.

Die Phlegmonen an Kopf und Hals verursachten dem Schreckgespenst empfindliche Kopfschmerzen. Dann sah er nichts und hörte nichts, zog eine Rolle Abortpapier hervor und zeichnete stundenlang immer neue Modelle von Bienenkästen.

Eines Tages wurde ich erwischt, wie ich mit Brachmonds Decke in den Abortraum schlich, um sie heimlich auszuwaschen.

Wo ist der Saufing? Raus mit ihm, nach Stube 4.

Während die Anstalten für den Transport des Freundes getroffen wurden, wankte ich zurück zu seinem Lager, ihm ein Wort des Trostes zu sagen. Dabei glaubte ich jeden Augenblick zusammenzubrechen.

Dort erwartete mich das Schwerste, was ich in Dachau erlebte: der Freund war von Sinnen. Er redete wirres Zeug. Trotzdem erkannte er mich und fing plötzlich an, mir bittereste Vorwürfe zu machen. Weshalb, verstand ich nicht mehr.

Denn auf einmal wurde mir schwarz vor Augen. Ich sagte etwas und hörte, dass ich nicht das sagte, was ich sagen wollte.

Mit Mühe schlich ich zu meinem Lager zurück, glitt unter die Decke, hörte noch, wie Brachmond an mir hinausgetragen wurde, und befand mich plötzlich in einer anderen Welt.

Plötzlich wurde dicht neben meinem Kopf ans halboffene Fenster geklopft. Dann hörte ich die Stimme von Batty Esch: Brachmond ist tot…jetzt eben…in meinen Armen…Anderentags war Brachmonds Leiche noch nicht weg, lag aber ganz zuunterst auf dem Leichenhaufen, sodass wir nichts von ihm sehen konnten. Die Toten wurden im Waschraum nackt ausgezogen und vor der Baracke wie Holzscheite aufgeschichtet, bis das Kommando Krematorium sie mit dem Wagen abholen kam.“

Der kühne Pfarrer Brachmond von Moersdorf war 50 Jahre alt. Die Urne mit seinen Überresten wurde am 07.09.1942 in aller Stille auf dem Kirchhof von Roder beigesetzt.“

Sterbebild von Jean Brachmond
Rückseite des Sterbebildes von Jean Brachmond

Sonderbeitrag: Emil von Apell

Während eines Ausflugs nach Fulda entdeckte ich das folgende Grab: Emil von Apell wurde als erstes von drei Kindern der Eheleute Friedrich Wilhelm und Emilie von Appel (damals noch in anderer Schreibweise) in Kassel geboren. Sein Vater diente als Leutnant, stieg später zum Oberst und Flügeladjutanten auf. Die Familie fand ihre letzte Ruhestätte gemeinsam mit Emil am Alten Städtischen Friedhof.

Ausbildung und Militärlaufbahn
Nach dem Umzug der Familie im Jahr 1884 von Kassel nach (Bad) Arolsen begann Emil seine militärische Ausbildung im Kadettenkorps in Oranienstein und Lichterfelde. Am 18. August 1898 wurde er zum Leutnant befördert.

Einsätze im Ausland

  • China-Expedition (1900/1901): Teilnahme an der Niederschlagung des Boxeraufstands.
  • Rückkehr nach Deutschland: Wiedereintritt ins alte Regiment, später Versetzung zum Husaren-Regiment Landgraf Friedrich II. von Hessen-Homburg in Kassel (1902).
  • Deutsch-Südwestafrika (1905): Eintritt in die Schutztruppe zur Bekämpfung des Herero-Aufstands. Ankunft in Swakopmund am 26. Juli 1905 mit dem Schiff „Ernst Woermann“. Zuteilung zur 3. Etappenkompanie, später Versetzung ins 2. Feld-Regiment.

Tod und Bestattung
Am 8. September 1905 verstarb Emil von Apell in seinem Biwak nördlich von Geitsabis an einem Herzschlag. Die Todesursache wurde in den amtlichen Verlustlisten sowie in der Deutsch-Südwestafrikanischen Zeitung vom 20. September 1905 dokumentiert. Ein Grabstein mit der Inschrift „Hier ruht Leutnant Emil von Appel, gest. 8.9.1905 i. Geitsabis“ befindet sich auf dem Friedhof bei der ehemaligen Schutztruppenstation Kub – mit fehlerhafter Namensschreibung.

Später wurde Emil von Apell exhumiert und nach Deutschland überführt. Seine endgültige Ruhestätte fand er im Erbbegräbnis der Familie auf dem alten Friedhof in Fulda.

Das Grab von Emil von Apell auf dem Friedhof von Fulda
Die Inschrift für Emil von Apell auf dem Friedhof von Fulda

 

Sonderbeitrag: Josef Brand

Der Soldat Josef Brand wurde am 15.10.1910 in der bayerischen Stadt Rosenheim geboren. Im Zweiten Weltkrieg diente er als Sanitätsfeldwebel in der deutschen Wehrmacht. Am 06.03.1945 fiel er nach 5 ½ Jahren Kriegsdienst im Alter von 34 Jahren in Hessen nahe der Stadt Bad Nauheim.

Man begrub Josef Brand in Bad Nauheim auf dem Friedhof am Deutergraben in Grab 146.

Das Sterbebild von Josef Brand
Rückseite des Sterbebildes von Josef Brand

Die Männer des Zweiten Weltkriegs – Teil 2.596: Hermann Leitenmüller

Der Soldat Hermann Leitenmüller wurde am 19.03.1942 geboren und war Warenübernehmer bei der Firma H. Rechberger in Haslach. Im Zweiten Weltkrieg diente er als Gefrei in einem Jäger-Regiment der Wehrmacht. Er wurde mit dem Infanterie-Sturmabzeichen ausgeszeichnet. Am 06.10.1944 fiel er im Alter von 20 Jahren in Italien.

Man begrub Hermann Leitenmüller auf dem Soldatenfriedhof Futa-Pass in Block 56, Grab 109.

Sterbebild von Hermann Leitenmüller
Rückseite des Sterbebildes von Hermann Leitenmüller

Die Männer des Zweiten Weltkriegs – Teil 2.595: Otto Stippel

Der Soldat Otto Stippel wurde am 21.10.1920 in Leobendorf geboren, einem Ortsteil der bayerischen Stadt Laufen. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte er als Leutnant in einem Infanterie-Regiment der Wehrmacht. Er wurde mit dem Eisernen Kreuz 1. und 2. Klasse, dem Verwundetenabzeichen in Silber und mit der Ostmedaille ausgezeichnet. Am 25.04.1944 fiel er im Alter von 23 Jahren bei Iași (Rumänien), ostwärts Vuturul.

Man begrub Otto Stippel auf dem Soldatenfriedhof Iași in Block 1, Parzelle F, Reihe 50, Grab 12.

In Laufen gedenkt man noch heute Otto Stippel auf einem Denkmal: http://www.denkmalprojekt.org/dkm_deutschland/laufen_1866_1870-71_wk1u2_bay.htm

Sterbebild von Otto Stippel
Rückseite des Sterbebildes von Otto Stippel

Die Männer des Zweiten Weltkriegs – Teil 2.580: Franz Sterner

Der Soldat Franz Sterner wurde am 11.11.1924 in Nürnberg in Bayern geboren. Im Zweiten Weltkrieg diente er als Gefreiter in der deutschen Wehrmacht – u. a. an der Ostfornt in Russland. Am 03.07.1944 ertrank er im Alter von 19 Jahren während der Operation Bagration bei Borisaw in der Berezina (Russland).

Die Lage des Grabes von Franz Sterner ist unbekannt.

Auf dem Sterbebild ist auch die Schwetser von Franz Sterner abgeildet, die am 30.10.1942 im Alter von 15 Jahren verstarb.

Sterbebild von Franz Sterner
Rückseite des Sterbebildes von Franz Sterner

Die Opfer des Zweiten Weltkriegs – Teil 2.575: Familie Graf

Ein grausames Schicksal steckt hinter dem Sterbebild der Familie Graf. Am 28.12.1944 kam die komplatte Familie bei einem Bombenangriff ums Leben, die Eltern, vier Kinder, ein Schwiegersohn und ein Neffe. Dem Text des Sterbebildes kann man entnehmen, dass die Mutter angesichts der grauenvollen Monate am Ende des Zweiten Weltkrieges den Wunsch geäußert hatte, gemeinsam mit der Familie zu sterben. Fast hat es den Anschein, als habe die Mutter ihren Tod geahnt.

Es starben:

  • Josef Graf, Bäckermeister von Regensburg, geboren am 25.09.1885, [Vater], 59 Jahre alt,
  • Annie Graf, geborene Stigler, geboren am 05.05.1885 [Mutter], 59 Jahre alt,
  • Annie Schindler, geborene Graf, geboren am 13.07.1920 [Tochter], 24 Jahre alt,
  • Feldwebel Xaver Schindler, geboren am 01.02.1920 [Schwiegersohn], 24 Jahre alt,
  • Marianne Graf, geboren am 06.10.1922 [Tochter], 22 Jahre alt,
  • Josefine Graf, geboren am 25.11.1927 [Tochter], 17 Jahre alt,
  • Klothilde Graf, geboren am 17.04.1932 [Tochter], 12 Jahre alt,
  • Josef Schübler, geboren am 11.01.1929 [Neffe], 15 Jahre alt.

Nur die Tochter Hilde überlebte.

Am 28.12.1944, dem Tag der unschuldigen Kinder, fand der schwerste Luftangriff auf Regensburg statt. Die Familie Graf lebte in den Kumpfmühler Straße, wo ein Volltreffer das Haus zerstörte.

Sterbebild der Familie Graf

Die Männer des Zweiten Weltkriegs – Teil 2.574: Johann Lukas

Der Soldat Johann Lukas wurde am 09.12.1915 in Manholding, einem Ortsteil der bayerischen gemeinde Chieming, geboren. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte er als Feldwebel in einem Panzerjäger-Regiment der Wehrmacht. Er wurde mit dem Eisernen Kreuz 1. und 2. Klasse ausgezeichnet. Am 12.12.1944 fiel er nach 7 Jahren Kriegsdienst im Alter von 29 Jahren bei Mitschdorf im Elsass.

Man begrub Johann Lukas auf dem Soldatenfriedhof Niederbronn-les-Bains in Block 23, Reihe 14, Grab 418.

Sterbebild von Johann Lukas
Rückseite des Sterbebildes von Johann Lukas

Die Männer des Zweiten Weltkriegs – Teil 2.573: Alois Schmidhuber

Der Soldat Alois Schmidhuber stammte aus Simmel in Siboling, einem Ortsteil der bayerischen Gemeinde Kienberg. Im Zweiten Weltkrieg diente er als Gefreiter in einer Baukompanie der Wehrmacht. Am 04.04.1943 fiel er im Alter von 37 Jahren bei Przemyśl in Polen an der Ostfront.

Man begrub Alois Schmidhuber auf einem Soldatenfriedhof bei Przemyśl.

Sterbebild von Alois Schmidhuber
Rückseite des Sterbebildes von Alois Schmidhuber