SONDERBEITRAG: Arnold Tamm

Bei einem Spaziergang auf dem Alten Friedhof in Gießen wurde ich auf folgendes Schicksal aufmerksam: Der Soldat Arnold Tamm wurde am 17.03.1882 in Büdingen im heutigen Bundesland Hessen geboren. Im Ersten Weltkrieg kämpft er als Leutnant der Reserve in der 12. Kompanie des 81. Infanterie-Regiments. Am 22.08.1914 fiel er während der Schlacht bei Neufchâteau im Alter von 32 Jahren bei Bertrix in Belgien.

Über den Todestag und die Todesumstände von Arnold Tamm berichtet die Regimentsgeschichte des 81. Infanterie-Regiments:

„Bertrix. 22. August 1914

Die Feuertaufe des Regiments 81

In den Vormittagsstunden, in denen diese Bereitstellung stattfand, war die Lage ungeklärt. Nachrichten über den Feind lauteten sehr unbestimmt. Gegen den Abschnitt des XVIII. Armee-Korps sollten angeblich zwei französische Korps im Anmarsch sein.

Als sich in den weiteren Stunden des Vormittags vom Feinde nichts zeigte, wurden die Feldküchen an die Kompanien herangezogen und das Essen ausgegeben.

Erst auf genauere Meldungen des Ulanen-Regiments 6, Betrix sei vom Feinde besetzt, trat die 21. Infanterie-Division um 2 Uhr nachmittags auf Befehl des Generalkommandos auf der Straße Recogne auf Betrix mit den Hauptkräften den Vormarsch an.

In der Vorhut marschierte das Regiment 88 mit einer Abteilung des Feldartillerie-Regiments 63, am Anfang des Gros folgte 81, dann kam die lange Kolonne des Feldartillerie-Regiments 27 und der einen Abteilung Feldartillerie-Regiment 63, dann Füsilier-Regiment 80, welches in die Artillerie-Kolonne ein Bataillon eingeschoben hatte.

Die rechte Seitendeckung – Infanterie-Regiment 87 unter Generalmajor von der Esch – ging auf Ochamps vor.

Zu beiden Seiten der Vormarschstraße war dichter, hoher Wald, Foret de Luchy und Foret Huqueny. Außerhalb der Wälder stand der Ginster in prachtvoller goldgelber Blüte. Überall war das Gelände unübersichtlich, ein wenig hügelig, doch boten die Erhebungen keine Möglichkeit für Maschinengewehre, vorgehende eigene Infanterie mit Maschinengewehr-Feuer zu überschießen. Das Vorwärtskommen wurde erheblich erschwert durch die mit starkem Draht eingefassten Viehweiden, die Drahtschweren bekamen viel Arbeit.

Während des Vormarsches auf der großen Chaussee verstärkte sich der Gefechtslärm, besonders rechts von Ochamps her. Auch vorwärts von Bertrix her war Infanterie- und Artilleriefeuer vernehmbar. Die Vorhuten und die rechte Seitendeckung sind scheinbar überall auf den Feind gestoßen. Etwa 3.30 Uhr nachmittags erreichte der Anfang des Gros der 21. Infanterie-Division – das Infanterie-Regiment 81 – das Straßenkreuz Recogne – Fays les Veneurs und Ochamps-Huqueny. An dieser Stelle befanden sich alle höheren Stäbe, mitten unter ihnen der Großherzog von Hessen. Der Regiments-Kommandeur, Seine Hoheit Prinz Friedrich Karl von Hessen war bis zum westlichen Waldrand vorgeritten. Von Erkundung zurückgekehrt, befahl der Prinz: Vorhut ist überraschend auf den Feind gestoßen, Regiment 81 wird in Verlängerung des Regiments 88 – links von diesem – zu beiden Seiten der Chaussee eingesetzt.

Das II./81, Major Genthe, hatte bereits gleich nach 1 Uhr mittags, noch bei Neuvillers, den Befehl erhalten, die Sicherung der linken Flanke der 21. Infanterie-Division zu übernehmen. Major Genthe ging mit 5. und 8. Kompanie, Hauptmann von Oppeln und von Prittwitz, auf dem tief eingeschnittenen Bahngleise gegen Betrix vor, die 6. Kompanie, Hauptmann Frisch, war Bedeckung der schweren Artillerie Nr. 3, und die 7. Kompanie, Hauptmann der Reserve Hahn, schloss sich dem III./71, Major Robert, an.

Der Kommandeur des I./81, Major von Nostitz, entwickelte beiderseits der Chaussee, Richtung Bertix, seine Kompanien, 1./81 und 4./81, Hauptmann Hilken und Oberleutnant von Brandt (für den erkrankten Hauptmann Vollmer), in Verlängerung links des Regiments 88, nördlich der Chaussee, 2. und 3. Kompanie, Hauptmann Bullrich und Hauptmann Lueder, südlich der Chaussee. Das III. Bataillon, Major Robert, mit der Maschinengewehr-Kompanie, Hauptmann Ahlers, zog sich entwickelt südlich in den Wald von Huqeny, I./81 links verlängernd.

Lagekarte am 22.08.1914 bei Betrix

Bereits im Walde erhielten die Bataillone Artillerie- und Infanteriefeuer. Zum ersten Male vernahm man das eigenartige Sausen der französischen Infanterie-Geschosse, es klang wie „pfiu – pfiu“.

Sehr schwierig war die Entwicklung für die Artillerie, sie musste mitten im Walde auffahren und in Feuerstellung gehen. Eine Batterie 27 stand an der vrogenannten Chausseekreuzung und sperrte mit ihren Fahrzeugen die Straße.

Im Waldreichen unübersichtlichen Gelände entwickelten sich nun schwere Nahkämpfe, die eigentlich überall von den Kompanien einzeln durchgeführt wurden. Die Regiments-Kommandeure, der Prinz und die Bataillons-Kommandeure befanden sich mitten in der vorsersten Schützenlinie.

Der Regiments-Stab am 22.08.1914 an der Straße Recogne-Bertrix. Prinz Friedrich Karl von Hessen gibt Befehle X

Der Feind hatte sein ganzes XVII. Armee-Korps mit vier Brigaden in Front, zwischen Huqeny und Ochamps, gegen die 21. Infanterie-Division eingesetzt. Auch die französische Artillerie war, ebenso wie die deutsche, gezwungen, in den Waldstücken nordöstlich Bertrix und Assenois in Feuerstellung aufzufahren.

Die Deckung gegen Sicht, die der Wald bietet, gestattete unseren angreifenden Kompanien, dicht an die französischen Batterien heranzukommen und mit gefälltem Bajonett in deren Feuerstellung einzudringen. Ein nicht zu schildernder Angriffsgeist beherrschte jeden einzelnen Musketier; fast ohne zu feuern, liefen die Kompanien im Sturmschritt in langen Sprüngen vorwärts. Sie hatten es ja vor noch nicht langer Zeit auf dem Übungsplatz bei Orb genügend geübt. Eine tropische Hitze herrschte am Nachmittag des 22. August. Der Wille, mit blanker Waffe an den Feind heranzukommen, lässt aber Durst und Hitze vergessen. Der Franzose hatte sich überaus geschickt flüchtig aufgeworfener Schützengräben bedient und leistete hartnäckigen Widerstand. Wo die Kompanien im Walde auf Artillerie stießen, wurden die Geschütze genommen. Hauptmann Bullrich, 2./81, stirbt mitten in einer französischen Batterie den Heldentod. Hauptmann Hilken, 1./81, erhält sechs Schritte vor einem Geschütz den tödlichen Schuss.

Der Kampf im Walde würfelte die Kompanien, ja die Regimenter durcheinander. Unter Führung von Oberleutnant von Brandt und Leutnant der Reserve Schmitz (7./81) wurde eine Batterie im Walde gestürmt, wobei sich besonders der Feldwebel Port durch sein tollkühnes Draufgehen auszeichnete. Der Fahnenträger Vizefeldwebel Filbert I/81 wurde verwundet. Überall  wurde der Franzose geworfen. Im Vorwärtsdringen schwenkte die 21. Infanterie-Division aus der anfänglich nach Westen gerichteten Angriffsfront allmählich mehr nach Süden in eine ungefähre Linie Assenois-Nordrand Bertrix ein. –

Der Vormarsch der 5. und 8. Kompanie unter Major Genthe auf dem tief eingeschnittenen Bahnkörper, von Schwelle zu Schwelle springend, gestaltete sich bei der großen Hitze recht anstrengend. In der Nähe des Waldrandes, 1 ½ Kilometer östlich Bertrix, kamen die Kompanien bei Durchschreiten eines Grundes in Artillerie-Strichfeuer, das aber glücklich durchlaufen wurde. Die Kompanien gingen durch den Wald und entwickelten sich nebeneinander zum Angriff gegen die Chaussee Bertrix – Aeremont. Im feindlichen Feuer ging es sprungweise vorwärts, hierbei schob sich die 11. Kompanie in die 8. Kompanie hinein. Mit aufgepflanztem Seitengewehr wurde die hochgelegene Chaussee gestürmt, der Gegner wich. Hierbei wurde Fahnenträger II. Bataillon, Sergant Ott, verwundet, trotzdem versuchte er noch vorzustürmen; als es nicht mehr ging, ergriff Musketier Pfleger, 11./81, die Fahne und trug sie vor. Leutnant Adolph, 5. Kompanie, fiel hier durch Kopfschuss. Die Kompanien stießen weiter vor. Die 8. Kompanie gelangte so bis auf die letzten Höhen vor Géripont; dort machte die Dunkelheit dem Vordringen ein Ende.

Die schweren Haubitzen des Fußartillerie-Regiment 3 konnten nach dem Heraustreten der Infanterie aus dem Waldgelände nördlich Bertrix auffahren. Dadurch wurde die 6./81, Hauptmann Frisch, frei. Die 6./81 beteiligte sich dann nördlich der Chaussee am Angriff gegen Ochamps.

Über die Gefechtstätigkeit der 6. Kompanie berichtet der damalige Kompanie-Chef, Hauptmann Alfred Frisch:

6./81 wurde während des Vormarsches der 24. Infanterie-Division über Neufchâteau-Recogne auf Bertrix erneut zum Schutz der schweren Artillerie des Brandenburgischen Fußartillerie-Regiments Nr. 3 befohlen. Keine angenehme Aufgabe für eine an den Feind drängende Truppe bei der nahen Aussicht auf eine bevorstehende Schlacht. Die Kompanie wurde auf die lange Artilleriekolonne verteilt. Nach längerem Halt hart westlich Recogne und anschließend weiterem Vormarsch auf der staubigen Landstraße bei glühender Hitze nach Bertrix hörte man lebhaften Kanonendonner. Die schwere Artillerie machte halt, ich löste die Kompanie sogleich von dem befohlenen Schutz und sammelte nach vorne. Die ersten Verwundeten der im Gefecht stehenden Truppen kamen uns auf der Straße entgegen. – Der Brigade-Kommandeur, Generalmajor Elstermann von Elster, welcher sich hier auf der Straße befand, ebenso wie der Stab der 21. Infanterie-Division und derjenige des Generalkommandos des XVIII. Armee-Korps, gab mir den Befehl: „Gehen Sie mit Ihrer Kompanie durch den Wald von Luchy in Richtung Ochamps vor zur Unterstützung der 87er, die sich in hartem Kampfe befinden.“ Zur Orientierung wurde mitgeteilt: „In dem dortigen Waldgelände ist eine belgische Brigade im Vormarsch.“ Die 6. Kompanie war die letzte Infanteriereserve. – 6./81 ging von der Straße über eine Wiese nach Durchschneiden der verschiedenen Drahtzäune in den Forêt de Luchy hinein. In dem mit mannshohen Farrenkraut und Gestrüpp durchwucherten dichten Wald war auf keine 10 Meter Sicht. Nach einer Linksschwenkung, im Glauben von der Richtung abgekommen zu sein, etwa 2 Kilometer im Waldesdickicht, erhielt der ausgeschwärmte 1. Zug des Leutnant Hansohm aus nächster Nähe Infanteriefeuer. Der sehr tüchtige tapfere Unteroffizier Stern fiel als Erster durch Kopfschuss, einige Schritte neben mir, mit dem Rufs: „Da sind sie!“ Dem Zuge Hansohm folgten der 2. Zug des Leutnant Maurhoff und der 3. Zug des Leutnant Stieglitz in Gruppenkolonnen mit weitem Zwischenraum. Zu sehen war nichts. – Zug Maurhoff wurde rechts neben Zug Hansohm eingesetzt. Wieder überraschendes Feuer. Befehl: „Seitengewehr pflanzt auf!“ Signal „rasch vorwärts!“ Mit Trommelschlag und Hurra stürmte die Kompanie durch den Wald. Da, an einer Lichtung angelangt, lag entwickelt auf einer langen breiten Wiese etwa 150 Meter vor uns eine intakte französische Kompanie, verstärkt durch in vorhergehenden Gefechten zerstreute Gruppen in etwa gleicher Stärke. Durch Schnellfeuer wurde der größte Teil des Gegners vernichtet, der Rest ergab sich. Einen ganz verdutzten Offizier , der auf einmal vor mir stand, nahm, ich gleich fest. Leutnant Stieglitz wurde schwer verwundet. – Wir hatten Glück. Durch unser schnelles Vorgehen waren die Franzosen wohl etwas aus der Fassung geraten. – Der Gegner war die zweite Kompanie des Infanterie-Regiments 11 unter Kapitain Henri Bastien und Versprengte des 10. und 25. Infanterie-Regiments. – Gefangen wurden abgeführt 1 Major, 2 Kapitaine, 2 Oberleutnants, 1 Leutnant, sowie 56 bis 58 Mann. Zum Teil wurden diese aus unserem Waldstück herausgeholt. Um zu verhindern, dass liegengebliebene Verwundete von hinten auf uns schossen, wie dies anderweitig geschah, wurden die Gewehre zerschlagen. Sich tot Stellende wurden durch kräftigen Zuspruch meiner braven Musketiere zum Leben erweckt. – Musketier Halbedel, Bursche des Leutnant Stieglitz, der seinen Offizier verband, sah sich plötzlich von 3 – 4 Franzosen angegriffen. Mit gefälltem Bajonett ging dieser Brave auf sie los, sie warfen ihre Waffen fort und gaben sich gefangen. Der tapfere Halbedel erhielt mit den ersten das Eiserne Kreuz. – Musketier Sauer mit blutüberlaufenem Gesicht und stark zerschossenem Unterkiefer lief mir nach und schwenkte in der Hand eine neue große Ledertasche, die er vom toten Pferd des französischen Kapitain abgeschnitten hatte. Neben viel Kartenmaterial und aufschlussreichen geheimen Schriftstücken enthielt die Tasche 450 Francs in neu geprägten 5 Francs-Stücken, die an das Bataillon weitergingen. Der pflichtgetreue Sauer wurde zum Eisernen Kreuz eingegeben.

Nach kurzem Aufenthalt ging es über die Wiese in den Wald hinein. Kaum eingedrungen, ein heftiger Feuerüberfall auf nahe Entfernung. Es war ein Sausen und Summen in der Luft, man hatte das Gefühl, in einen dichten Wespenschwarm geraten zu sein. Zum Überfluss schoss eine von uns zurückgebliebene Gruppe von hinten. Mein dabei befindlicher tapferer Spielmann machte dem rasch ein Ende. Er lief an den aufgeregten Schützen entlang und in Ermangelung einer anderen Verständigung in dem Lärm, brachte er durch einige wohlgemeinte Püffe mit dem Stiefel das Feuer rasch zum Einstellen. Kommandos drangen nicht durch. Durch Trillern der Signalpfeife konnte endlich abgestoppt und Ruhe zur Aufrechterhaltung der Feuerdisziplin geschaffen werden, um dann gleich das Feuer erneut lebhaft aufzunehmen. Die Feuerüberlegenheit wurde gewonnen, der Franzose in die Flucht geschlagen. Einige seiner Toten und schwer Verwundete lagen vor uns. – Der Wald war gesäubert, der Weg nach Ochamps frei. Später stießen wir auf die große Straße und erreichten an dunklen Abend um 9.30 Uhr Ochamps. Die Aufgabe war erfüllt. Verluste der Kompanie: 4 Tote, darunter Unteroffizier Stern und Musketier Klees, 14 Verwundete, zum Teil schwer darunter Leutnant Stieglitz und Musketier Sauer.

An allen Stellen wich gegen Abend der Feind. Verfolgt vom Feuer der Artillerie, artete der Rückzug der Franzosen in reglose Flucht aus. Gegen 8.15 Uhr abends ist das Gefecht beendet. Das Regiment sammelte sich auf Befehl des Regiments-Kommandeurs an der Wegegabel Ossange-Bertrix und Recogne-Fays les Veneurs, westlich der Bahn, bei einem lichterloh brennenden Hause.

Der 22. August 1914 wird immer in der Geschichte des Regiments ein Ruhmestag bleiben. Allerdings unter großen Blutopfern hatte die 21. Infanterie-Division einen für die französischen Waffen folgenschweren Sieg errungen. Das französische XVII Armee-Korps, welches gegen die 21. Infanterie-Division gefochten hatte, war restlos vernichtet worden.

Vom Regiment haben in der Schlacht von Bertrix neben vielen braven Unteroffizieren und Mannschaften den Heldentod gefunden: die Hauptleute Hilken, Bullrich und der Reserve Hahn; letzterer starb wenige Tage nach der Schlacht an den erlittenen Verletzungen. Ferner waren gefallen die Leutnants Adolh, der Reserve Heß, Resardt, der Reserve Tamm und von Wittgenstein.

Verwundet waren die Hauptleute Rhein (12. Kompanie) und von Frankenberg (11. Kompanie), die Leutnants Freytag, Günther Frisch, Fähnrich Pfeffer, Leutnant Orth, Stieglitz, von Wartenberg, von Boehn, Offizier-Stellvertreter Custodes.

Dem Kommandeur des I./81, Major von Rostitz, hatte ein Infanteriegeschoss den Backenknochen zerschmettert. Leicht verwundet war Hauptmann Lueder, er ließ sich auf dem Schlachtfelde verbinden und verblieb bei seiner Kompanie.

Über einzelne Erlebnisse in der Schlacht berichtet Major von Nostitz:

Während des Vormarsches auf Bertrix hörte man gegen 3.30 Uhr nachmittags vorne lebhaftes Infanteriefeuer. Die Marschkolonne hielt, Seine Hoheit der Prinz befahl mir, bei der Truppe zu bleiben, während er selbst nach vorne ritt. In der Vermutung, dass die Chaussee bald unter feindlichem Artilleriefeuer liegen würde, nahm ich die 4. Kompanie, Oberleutnant von Brandt, und die 1. Kompanie, Hauptmann Hilken, rechts von der Chaussee in den Wald hinein, die beiden anderen Kompanien, Hauptmann Bullrich und Lueder, links von der Chaussee herunter. Als der Prinz zurückgekehrt war, gab er Befehl: „Vorhut ist überraschend ins Gefecht getreten. Das I./81 verlängert links das Infanterie-Regiment 88.“

Ich befahl der 2. und 3. Kompanie, sich links der Chaussee im Walde zu entwickeln und vorzugehen, die 1. und 4. Kompanie sollte diesen folgen. Dieser Befehl hatte diese beiden Kompanien nicht mehr erreicht. Beide waren bereits in nördlicher Richtung vorgegangen gegen ein französisches Artillerie-Regiment, das auf dem Waldwege marschierte. Hier entwickelten sich schwere, aber siegreiche Kämpfe, die zur völligen Vernichtung des Gegners führten. Die ganze Bespannung der Geschütze lag erschossen in den Sielen.

Inzwischen waren die 2. und 3. Kompanie auf südlicher Seite der Chaussee gegen Bertrix vorgegangen. Eigene Artillerie fuhr dicht hinter uns auf. Am Waldrand angekommen, hatten wir auf 600 Meter französische Schützen vor uns. Die 2. und 3. Kompanie entwickelten sich zum Angriff. Das III. und II. Bataillon war links gestaffelt von uns eingesetzt. Hiernach machte ich Seine Hoheit Meldung und begab mich selbst auf die Nordseite der Chaussee, wo ich bei der Kompanie Bullrich, die im Laufe des Angriffs auf die Nordseite gelangt war, eine schwierige und völlig ungeklärte Lage fand. Eingedenk „Schlieffenscher Mahnung“ in solchen Fällen von der Flanke her Erleichterung zu schaffen, eilte ich wieder auf die südliche Chaussee, um hier den Angriff vorzutreiben. Unter einer Tanne lag schwer verwundet der Leutnant Freytag. Wenige Tage vorher hatte mir sein Vater ihn besonders ans Herz gelegt. Ich musste weiter vor. Unsere Schützen, von Füsilieren 80 verstärkt, waren bis auf 150 Meter an den Feind herangekommen. Links von uns sah man die Schützen von II/81. Die hinter uns stehende Batterie schoss glänzend. Ich ließ den Bataillons-Tambour Kaiser blasen: „Seitengewehr pflanzt auf!“ und „schnell vorwärts!“ Im Schritt gingen wir an die Franzosen heran. Einige 100 Meter links von mir sah ich den Prinzen, er ging 20 Schritt vor den Schützen, neben ihm die Fahne des II. Bataillons, das er im Frieden einst geführt hatte. Die Franzosen waren größtenteils durch das Artilleriefeuer erledigt, was noch am Leben, ergab sich, wir nahmen ihnen die Waffen ab. Auch nördlich der Chaussee sah ich jetzt unsere Schützen vorgehen. Bei weiterem Angriff haschte mich auf der Chaussee ein französisches Infanteriegeschoss, zerschlug mir den Backenknochen und warf mich in den Chausseegraben; als ich wieder aufstehen konnte, brachte mich der Unteroffizier Heye mit noch zwei Mann zum Verbandplatz, den ich gegen 7 Uhr abends erreichte. Unsere Ärzte hatten sich dicht neben einem heruntergeschossenen deutschen Flieger aufgebaut. Die Verwundeten mehrten sich. Frankenberg, Wartenberg und Rhein saßen neben mir. Als es ganz dunkel war, kam der Prinz zu uns. Wir sprachen über das Gefecht, wie gut uns die Artillerie geholfen hatte, wie tapfer die Batterien vor dem Walde aufgefahren waren, obgleich sie erwarten mussten, hierbei sofort vom Feinde zugedeckt zu werden. Die Blutopfer aber hatten unsere brave Infanterie gebracht. Besonders mein I. Bataillon hatte schwer gelitten. Erst nach Jahren erfuhr ich die Lage beim Gegner. Unser Gegner, das XVII. französische Armee-Korps, war mit seinen 4 Brigaden auf unsere Division gestoßen. Nacheinander hatten wir diese Brigaden restlos vernichtet und die französische Linie durchbrochen. Hierdurch wurde die schwierige Lage der links neben uns fechtenden 25. Infanterie-Division erleichtert. Die Stellung dieses feindlichen Korps war nun in der Flanke bedroht, es musste zurückgenommen werden. Der französische Armeeführer, General Langle de Cary, befahl, dass seine Armee am anderen Tage den Angriff wiederholen sollte. Es war nicht möglich, er musste den Angriffsbefehl zurücknehmen. Dort, wo sein XVII. Armee-Korps stehen sollte, klaffte eine weite Lücke. – Wie mir später noch in Sedan erzählt wurde, soll der General Vollemejean, nachdem er seinem Armeeführer Bericht erstattet hatte, von eigener Hand gefallen sein. –

Der damalige Chef der 5./81, Hauptmann von Oppeln-Bronikowski, berichtet über diesen Tag:

5. und 8. Kompanie marschierten mit vorgenommener Spitze auf dem eingeschnittenen Bahndamm bis an den Waldrand von Bertrix. Am Waldrand wurde entwickelt, 5. Kompanie rechts, 6. Kompanie links, jede Kompanie zwei Züge in erster Linie. Bei mir folgte Leutnant Adolph mit dem dritten Zuge in Reserve. Vor uns war Wiesengelände mit drei- bis vierfachen Drahtzäunen. Vom Feinde war nichts zu sehen. In Sprüngen ging es vorwärts. Als wir den Bahndamm, der im großen Bogen um Bertrix herumführt, erreichten, sahen wir die ersten Franzosen. Erste Verluste! Ich selbst schoss mit Feldwebel Zwier von hier aus stehend freihändig, weil wir im Liegen nichts sehen konnten. Der Franzose stand gleichfalls in den Kornfeldern und schoss auf uns. Als die Leute rechts und links von uns verwundet wurden, rief mir Zwier zu: „Herr Hauptmann, wir müssen hier fort.“ – Ich überschritt dann mit der 5. Kompanie den steilen Bahndamm, jenseits desselben nisteten wir uns ein und blieben dort bis zum Abmarsch ins Biwak liegen. Am Bahndamm erlitt Leutnant Adolph, als er selbst stehend freihändig schoss, durch Kopfschuss den Heldentod. Mit ihm verlor 5./81 ihre beste und tapferste Stütze! Er hatte mich gebeten, mit seinem Zuge stets vorne sein zu dürfen. Am 22. August stand er mit seinem Zuge zufällig an 3. Stelle und kam in die zweite Linie. Als erster fand er den Heldentod. -.“

Man begrub Anold Tamm auf dem Soldatenfriedhof Vladslo in Block 9, Grab 1.467.

In Lich gedenkt man Arnold Tamm noch heute auf einem Denkmal: http://www.denkmalprojekt.org/2013/lich_stadtkirche_lk-giessen_wk2_hs.html

Grabstein mit Erinnerungsinschrift für Arnold Tamm

SONDERBEITRAG: Hans Schlosser

Bei einem Spaziergang auf dem Alten Friedhof Gießen fand ich folgende Inschrift auf einem Grab, die auf Hans Schlosser verweist. Hans Schlosser wurde am 15.07.1882 in Gießen im heutigen Bundesland Hessen geboren. Er war von Beruf Oberlehrer in Frankfurt. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er als Leutnant der Reserve in der 10. Kompanie des 99. Infanterie-Regiments. Am 31.10.1914 fiel er in Belgien vor Ypern (Flandern).

Über den Todestag und die Todesumstände von Hans Schlosser berichtet die Regimentsgeschichte des 99. Infanterie-Regiments:

„31. Oktober 5 Uhr vormittags stößt das Regiment auf heftigsten Widerstand an der Windmühlenhöhe südlich Gheluvelt. Die vordersten Linien erleiden sehr schwere Verluste und sehen sich zum Eingraben im ebenen flanderischen Boden gezwungen.

Mit Hellwerden setzt eigenes Artilleriefeuer auf die stark besetzte Windmühlenhöhe ein. Oberleutnant der Reserve Walter wird beauftragt, mit seiner 2. Kompanie die Windmühlenhöhe zu nehmen, während das übrige I. Bataillon zur Schließung einer links gegen das Infanterie-Regiment 136 klaffenden Lücke eingesetzt wird.

Maschinengewehre sollen den Angriff unterstützen.

In wenigen langen Sprüngen, doch nicht ohne Verluste, gelangt die 2. Kompanie von Hecke zu Hecke bis auf nahe Entfernung an den Feind und nimmt den Feuerkampf auf. Um 1 Uhr nachmittags soll zum Sturm angetreten werden, gleichzeitig mit dem rechts gegen das Dorf Gheluvelt angesetzten Infanterie-Regiment 105. Der Gefechtslärm lässt kaum mehr einen Befehl von Mann zu Mann durchkommen. Die Verluste im feindlichen Maschinengewehr-Feuer mehren sich.

Der Regiments-Kommandeur, Oberstleutnant Nollau wird schwer verwundet, der bewährte Kommandeur des III. Bataillons, Major Held, fällt. An ihre Stelle treten Major Reinicke vom I. Bataillon und Hauptmann von Kistowski, Hauptmann Bergere übernimmt die Führung des I. Bataillons. Außerdem fallen in kurzer Zeit 3 Offiziere, 10 werden verwundet, die Mannschaftsverluste steigern sich entsprechend. Da zeigt sich in einem Graben an der Windmühlenhöhe ein weißes Tuch, einzelne Engländer laufen fliehend bergan. Oberleutnant der Reserve Walter springt schnell entschlossen hinzu, noch ehe ihm seine hinter undurchdringlicher Hecke liegenden Mannschaften folgen können. Die Engländer werden abgeführt. Weiterstürmend gewinnt die Kompanie mit den rechts und links sich anschließenden anderen Teilen des Regiments Mühlengehöft und Höhe, die nach erbittertem Kampf 2.30 Uhr nachmittags in unserem Besitz ist. 200 Gefangene sind gemacht, 1 Maschinengewehr und zahlreiches Kriegsgerät erbeutet.

Der Feind geht flüchtend zurück, wirksam verfolgt vom Infanterie- und Artilleriefeuer der Unseren.

Dem einzelnen, in der Mitte des Geschehens Stehenden noch unbewusst, ist der Sieg in greifbare Nähe gerückt. Der Durchbruch durch die englischen Linien ist fast vollendete Tatsache und wurde, wie nachträglich geschichtlich feststeht, nur durch das Eingreifen des französischen Generals Foch verhindert.

In der Verfolgung vermischten sich die ohnehin durcheinander gekommenen Verbände noch mehr und erschwerten die Führung der ihrer Offiziere meist beraubten Truppe.

Der rechte Flügel des II. Bataillons drang bis zum Nordostrand von Gheluvelt vor und hielt ihn gegen starken Feind, dessen Gegenwirkung namentlich schwer war aus dem in der rechten Flanke liegenden Polygon-Wald, gegen den die rechte Nachbardivision nicht vorwärts gekommen war. Die links anschließende Linie lag hart südwestlich Gheluvelt.“

Man begrub Hans Schlosser auf dem Soldatenfriedhof Langemark in einem Massengrab.

Grabinschrift von Hans Schlosser auf dem Alten Friedhof in Gießen

Die Männer des Ersten Weltkrieges – Teil 1.583: Blasius Baumgartner

Der Obergefreite Blasius Baumgartner stammte aus Neukirchen in Bayern, heute ein Ortsteil der bayerischen Stadt Traunstein. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er in der 1. Batterie des 1. bayerischen Reserve-Fuß-Artillerie-Regiments und wurde mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse und mit dem Verdienstkreuz 3. Klasse mit Schwertern ausgezeichnet. Am 03.05.1918 fiel er im Alter von 25 Jahren in Belgien.

Man begrub Blasius Baumgartener auf dem Soldatenfriedhof Langemark in einem Massengrab.

Sterbebild von Blasius Baumgartner
Rückseite des Sterbebildes von Blasius Baumgartner

Die Männer des Ersten Weltkrieges – Teil 1.582: August Massinger

Der Gefreite August Massinger stammte aus Stetten und war der Sohn eines Landwirts. Im Ersten Weltkrieg diente er in der 45. bayerischen Flieger-Abteilung.  Am 12.10.1918 fiel er nach 49 Monaten Kriegsdienst auf dem Weg in den Urlaub im Alter von 29 Jahren in einem Lazarettzug durch eine Fliegerbombe.

Man begrub August Massinger auf dem Soldatenfriedhof Vladslo in Block 6, Grab 56.

Sterbebild von August Massinger
Rückseite des Sterbebildes von August Massinger

Die Männer des Ersten Weltkrieges – Teil 1.521: Philipp Jäckle

Der Hornist Philipp Jäckle wurde am 30.04.1897 in Oberschopfheim, einem Ortsteil der Gemeinde Friesenheim in Baden-Württemberg, geboren. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er im 114. Infanterie-Regiment.  Er verstarb am 23.07.1917 im Marinelazarett Ostende, nachdem er bei Nieuport, genauer gesagt bei Lombartzyde, verwundet worden war.

Man begrub Philipp Jäckle auf dem Soldatenfriedhof Vladslo in Block 3, Grab 2042.

Seine Heimatgemeinde Oberschopfheim gedenkt Philipp Jäckle noch heute auf einem Denkmal: http://www.denkmalprojekt.org/dkm_deutschland/friesenheim-oberschopfheim_wk1u2_bw.htm

Sterbebild von Philipp Jäckle
Rückseite des Sterbebildes von Philipp Jäckle

Der theoretische Weg von Philipp Jäckle von seinem Geburtsort über seinen Sterbeort zu seinem Grab:

Sonderbeitrag: Ernst Stadie

Bei meinen Recherchen in den Todesanzeigen der Berliner Volkszeitung von 1915 stieß ich auf folgende Kleinanzeige der Mutter von Ernst Stadie. Dazu habe ich folgendes recherchiert:

Der Soldat Ernst Stadie stammte aus Wilkendorf (heute polnisch: Wilkowo). Im Ersten Weltkrieg kämpfte er als Einjähriger-Kriegsfreiwilliger in der 3. Kompanie des 3. preußischen Garde-Regiments zu Fuß. Seit einem Sturmangriff bei Ypern am 11.11.1914 galt er als vermisst. Vermutlich wurde er beim Sturmangriff bei Koelberg getötet.

Über den vermutlichen Todestag und die Todesumstände von Ernst Stadie berichtet die Regimentsgeschichte des 3. preußischen Garde-Regiments zu Fuß:

„Am nächsten Tage soll das Regiment rechts Anschluss an das Reserve-Infanterie-Regiment 248 und links an das 1. Garde-Regiment an der Erstürmung der feindlichen Stellungen teilnehmen. Als Angriffsziel ist Ypern bestimmt. Das Regiment beabsichtigte, die drei Bataillone in der Reihenfolge I., II., F. einzusetzen. In der Nacht vom 10./11.11. schob das I. Bataillon stärkere Patrouillen vor bis in die verlassene vorgelegene englische Stellung. Die Aufgabe war dadurch erschwert, dass die Engländer vor ihrer Stellung Drähte aufgespannt hatten, die mit Blechbüchsen behangen waren. Doch das hier und da entstandene Geräusch aufmerksam geworden, feuerten kleinere feindliche Abteilungen. Gegen Morgen wurde auch das F. Bataillon vorgezogen. Am Morgen des 11., es war ein nebeliger nasskalter Tag, begann ein sich immer steigerndes Vernichtungsfeuer der deutschen Artillerie bis 10 Uhr vormittags. Leider blieben einige Teile des Vorgeländes, Hecken, in denen die Engländer Maschinengewehre eingebaut hatten, in unserem Abschnitt unbefeuert, und eine Änderung der Feuerrichtung war unmöglich, weil die Verbindungsdrähte zu den Batterien durchschossen waren. Punkt 10 Uhr traten die vordersten Linien, rechts die 2. Kompanie (Oberleutnant von Marck), links daneben die 3. Kompanie (Leutnant der reserve Henderkott) an. Die 1. Kompanie (Hauptmann Freiherr von Marschall) folgte zunächst in 2. Linie, ein Zug unter Feldwebel-Leutnant Renz schob gleich zu Beginn des Sturmes ein. Die 4. Kompanie (Leutnant der Reserve Albrecht I) blieb zur Verfügung des Bataillonskommandeurs. Die ersten Stellungen, in denen sich Cameroon-Highländers befanden, wurden glatt überrannt. Starkes flankierendes Maschinengewehrfeuer hemmte aber weiteres Vordringen, so dass noch die 4. und 5. Kompanie vorgeschickt werden mussten. Am Nachmittag wurde die 6. Kompanie (Leutnant der Reserve Grabowski) bei dem Nachbar-Regiment rechts eingesetzt, und es gelang ihr auch, den Angriff bis nahe an den Rand des Polygonwaldes vorzutragen. Abends traf der Brigadebefehl ein, die erreichte Stellung zu halten. Ein schwacher Gegenangriff der Engländer um 4 Uhr nachmittags war blutig abgewiesen worden.

War auch der volle Erfolg, die Einnahme Yperns, den heißen Kämpfen des 11. Novembers nicht beschieden, die Angriffskraft des Gegners war gebrochen, die deutschen Stellungen nicht unerheblich vorgeschoben und dem Ruhmeskranz des Regiments ein neues Blatt hinzugefügt. Im Harten Kampf Mann gegen Mann war eins der ältesten schottischen Regimenter, das berühmt ist durch seine Treue gegen die Stuarts, von preußischen Gardisten überwunden worden. Zahllose Gefallene in ihren kakibraunen Uniformen und kurzen Schottenröcken lagen auf dem Lehmboden, sie blieben dort liegen, bis der Schnee sie bedeckte. Aber auch unter den Unsrigen hatte der Tod von Flandern blutige Ernte gehalten. Major von Arentschild, Hauptmann der Reserve Freiherr Marschall von Bieberstein, Oberleutnant von Marck, Feldwebel-Leutnant Strelow, Offizierstellvertreter Fahlenberg, 1. Kompanie, Bauerschmidt, 11. Kompanie, sowie 112 brave Unteroffiziere und Mannschaften, vorwiegend vom I. Bataillon, hatten ihr Leben für ihr Vaterland hingegeben oder waren tödlich verwundet, groß war die Zahl der Verwundeten. Die 3. Kompanie hatte mit allein 49 Toten bei einer Gefechtsstärke von 19 Unteroffizieren, 147 Mann am meisten gelitten. 

Ein anschauliches Bild von den Kämpfen gibt ein Auszug aus dem Bericht des damaligen Führers der 3. Kompanie, Leutnant der Reserve Henderkott, der später in Douai als Anerkennung für seine Tapferkeit aus der Hand Seiner Majestät des Kaisers das Eiserne Kreuz 1. Klasse empfangen hat. Er berichtet: „Am Tage hatten wir genügend Einblick in das Vorgelände gewonnen, um gleich die richtigen Entschlüsse fassen zu können. Vor der Front der Kompanie lag zunächst eine vom Gegner einzusehende, nasse Wiese, dahinter einzelne Häuser mit Gärten und auf 150 Meter eine Strohmiete. Die Überschreitung dieser Wiese hätte sicherlich schwere Opfer gekostet, deshalb ließ ich noch in der Nacht einen Laufgraben ausheben, der uns das Überschreiten der Wiese ersparen sollte.

Die Nacht vom 10. zum 11. war sehr dunkel, der Boden sehr lehmig, so dass keine Geräusche entstanden. So wurde der Laufgraben gegen 3 und 4 Uhr nachts fertig. Er ist am 11. und im Laufe des 12. von fast allen vorgehenden Unterstützungen benutzt worden. Mit dem Führer der Leib-Kompanie 1. Garde-Regiment zu Fuß, Hauptmann von Hahnke, verabredete ich morgens gegen 8.30 Uhr während des Artilleriefeuers nach einer Waldecke genau die Richtung des Vorgehens. Um 9.45 Uhr rückte ich mit dem 1. und 2. Zug meiner Kompanie im Schutze des durch die starke Artilleriebeschießung verursachten Pulverdampfes in den Laufgraben ein. Punkt 10 Uhr stieg die 3. Kompanie wie ein Mann aus dem Graben heraus, die Zug- und Gruppenführer vor der Front, fast ausgerichtet legte sie etwa 50 Meter unbeschossen zurück und erhielt erst dann Infanteriefeuer, das allerdings viele Opfer forderte. In die Gartenhecke eingebaute, von uns nicht vermutete Maschinengewehre, die mit grauen Bindfäden umwickelt und mit Lehmboden bestrichen waren, so dass sie kaum sichtbar waren, mähten die Angreifer nieder. Beim Zurückblicken nach meiner Kompanie sah ich, wie die Leute des linken Flügelzuges, vom Maschinengewehrfeuer erfasst, nach vorn niederstürzten. Ich selbst und die Leute hinter mir näherten uns mehr aus der Flanke den Maschinengewehren und konnten wir zwei mit stürmender Hand nehmen. Die Bedienung schoss bis zum letzten Augenblick, und manch Tapfere von uns fiel dem Blei noch zum Opfer, als er die todbringende Waffe nur noch wenige Schritte vor sich sah.

Nur flüchtig erkannte man im Weiterstürmen, dass die gesamten kleinen Hausgärten durch Anlage von Gräben und Schützenständen innerhalb der Hecken in kleine Festungen verwandelt waren. Wir hatten es mit einem zähen Feinde zu tun. Schottländer, von gewaltigem Körperbau, schottische Garde, trotz der späten Jahreszeit in der charakteristischen Uniform mit nackten Knien und Oberschenkeln, so dass meine Gefechtsordonanz mir zurief: „Herr Leutnant, da sind Weiber dabei!“ Sie schlugen sich bis zum letzten Augenblick, lagen aber bald tot oder mit schweren Wunden am Boden. Aber noch war eine hinterste Stellung des Feindes besetzt, und tödliches Blei von dort verlangte noch manches Opfer. Es galt jetzt, die eigenen Leute, die sich hinter Hecken und Bodenwellen einzunisten und festzusetzen begannen, zusammen zu raffen, um das letzte Grabenstück zu säubern. Die Arbeit war nicht so schwierig wie die erste, denn rechts von uns war mein 3. Zug und die 2. Kompanie herangekommen und begannen damit, den Graben von rechts nach links aufzurollen. Wir taten dasselbe von links nach rechts und hatten damit die feindliche Infanterie erledigt. Links von mir sah ich Leute des Brigade-Regiments hinter einer Hecke verschwinden, vor mir lag eine tief und breit in den Wald hineinspringende, freie Ackerfläche. Im Begriff, halblinks den Wald zu gewinnen, um die freie Fläche zu vermeiden, nahm uns die Artillerie unter Feuer und zwang uns, an einer niedrigen Wegeböschung Deckung zu suchen. Ich hatte noch etwa 15 Mann bei mir. Rechts von mir sah ich viele der Unsigen von der 2. Kompanie fallen. Das feindliche Artilleriefeuer fasste uns immer mehr, bald wurden von den wenigen Leuten, die noch bei mir waren, einige von Volltreffern zerrissen, da die Böschung zu niedrig war, um uns genügend zu decken.“

Als das heftig tobende Artilleriefeuer sich etwas legte, suchte ich festzustellen, was rechts und links von mir lag. Hierbei zeichnete sich der Radfahrer Kalisch aus, der als Gefechtsordonnanz den ganzen Tag unerschrocken bei mir ausgehalten hatte und nun im feindlichen Feuer an dem aus einzelnen Teilen bestehenden Graben entlang kroch und feststellte, dass links von mir auf erreichbare Entfernung nichts lag, während er rechts von uns etwa 30 Mann, hauptsächlich der 2. Kompanie feststellte. Ich nahm mit diesen Leuten Verbindung auf und stellte bei allen den unerschütterlichen Entschluss fest, die Stellung in jedem Falle zu halten. Inzwischen versuchte ich vergeblich, durch Ordonannzen nach rückwärts Verbindung zu bekommen. So entschloss ich mich, selbst mit 2 Leuten zurückzukriechen, um Verstärkung heranzubekommen. Es glückte. In dem von mir angelegten Laufgraben fand ich einen Zug der 1. Kompanie. Ich ließ ihn durch Kalisch mit einbrechender Dunkelheit nach vorn führen. Weiterhin traf ich auf die 10. Kompanie und veranlasste den Kompanieführer, einen Zug seiner Kompanie nach vorn zu schicken. Mit dieser Unterstützung wurde dann der ehemals englische Graben gehalten und ausgebaut.

Der Grenadier Frick, 3. Kompanie, der sich wie bei früheren Gelegenheiten, so auch am 11. November beim Sturm ganz hervorragend mutig und umsichtig benahm, fiel durch eine Granate, als er die von der Kompanie eroberten Maschinengewehre holen wollte, da die Gefahr vorlag, dass sie wieder in die Hand des Feindes fielen. Frick war wohl der beste Soldat der 3. Kompanie. Jeder Überlebende hat um ihn getrauert. Neben seiner unerschrockenen Tapferkeit lobten alle seine uneigennützige, große Kamaradschaftlichkeit.“

Die Sturmkompanien blieben, wie der Bericht des Leutnants Henderkott zeigt, zunächst ohne genügende Verbindung mit den rückwärtigen Truppenteilen in den eroberten englischen Stellungen und litten stark unter dem Mangel an Trinkwasser. Einige Leute, die sich verleiten ließen, aus den Pfützen zu trinken, erkrankten an Typhus (Fähnrich von Jastrczembski +). Erst in der Nacht vom 12. zum 13. November konnten die braven Stürmer von dem F. Bataillon abgelöst werden.“

Offiziell ist für Ernst Stadie keine Grablage bekannt. Ich vermute jedoch, dass er anonym in einem Massengrab auf dem Soldatenfriedhof Menen begraben wurde, wo man die Gefallenen der Region Ypern begrub.

Suchanzeige der Mutter von Ernst Stadie

Sonderbeitrag: Dr. Johann Johannsen

Bei meinen Recherchen für zukünftige Beiträge fand ich folgende Todesanzeige samt Schicksal:

Der Soldat Dr. Johann Johannsen wurde am 18.09.1871 geboren und war Journalist. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er als Hauptmann der Landwehr in der 4. Kompanie des 241. Reserve-Infanterie-Regiments. Am 17.04.1915 fiel er im Alter von 43 Jahren bei Ypern in Belgien. Er wurde bei Kämpfen um ein Straßenkreuz bei Broodseinde getötet.

Über den Todestag und die Todesumstände von Dr. Johann Johannsen berichtet die Regimentsgeschichte des 241. Reserve-Infanterie-Regiments:

„Am 17. April stürmte die 4. Kompanie. Dieser kühne Angriff wurde aber abgewiesen, und Hauptmann der Landwehr Johannsen, der erst kurze Zeit beim Regiments war, fiel. Die Kompanie ließ aber keine Ruhe. 7.45 Uhr nachmittags gingen 20 Pioniere und 2 Züge Infanterie mit Schutzschilden gegen die feindlichen Gräben vor unter Führung der Leutnants der Reserve Eysen und Groß (4. Kompanie), des Pionierleutnants Patinsky und des Feldwebelleutnants Hentze (1. Kompanie). Langsam, aber sicher, drangen sie in den feindlichen Graben ein und wiesen einen englischen Gegenstoß ab.“

Man begrub Dr. Johann Johannsen auf dem Soldatenfriedhof Langemark in einem Massengrab.

In einer Festschrift des Akademischen Turnbundes wird Dr. Johann Johannsen gedacht: http://www.denkmalprojekt.org/2020/akademischer-turnbund_wk1.html

Todesanzeig für Dr. Johann Johannsen in der Berliner Volkszeitung vom 25.04.1915

Die Männer des Ersten Weltkrieges – Teil 1.398: Andreas Langwieder

Der Tambour Andreas Langwieder stammte aus Saaldorf-Surheim in Bayern. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er in der 9. Kompanie des 1. bayerischen Reserve-Infanterie-Regiments. Am 02.11.1914 fiel er im Alter von 25 Jahren in der Nähe von Courtrai bei Arras.

Man begrub Andreas Langwieder auf dem Soldatenfriedhof St.-Laurent-Blangy in einem Massengrab.

 

Sterbebild von Andreas Langwieder
Rückseite des Sterbebildes von Andreas Langwieder

Sonderbeitrag: Gefallen mit 17 ½ Jahren – Alfred Gzylewitz (richtig: Szylewicz)

Wie ich bereits schrieb, recherchiere ich im Moment im Rahmen eines Projektes die Todesanzeigen des Ersten Weltkrieges in der Berliner Volkszeitung. Heute bekam ich einen sehr bemerkenswerten Fall auf den Tisch. Es ist die Todesanzeige für Alfred Szylewicz in der Ausgabe vom 29.11.1914. Bemerkenswert ist einerseits die Tatsache, dass der Nachname des Gefallenen falsch angegeben ist, andererseit die Tatsache, dass er erst 17 ½ Jahre alt war. Er stammte aus Kolmar in Posen (heutiges Polen, Chodzież) und hatte sich freiwillig als Soldat gemacht, wozu seine Mutter, die bereits verwitwet war, zugestimmt haben muss. Alfred kämpfte in der 2. Kompanie des 9. Brigade-Ersatz-Bataillons. Am 17.11.1914 fiel er im Gefecht bei Dixmuide und Tervate in Belgien an der Westfront.

Man begrub Alfred Szylewicz auf dem Soldatenfriedhof Vladslo in Block 3, Grab 292.

Todesanzeige für den Kriegsfreiwilligen Alfred Alfred Gzylewitz – gefallen mit 17 ½  Jahren (Berliner Volkszeitung vom 29.11.1914)

SONDERBEITRAG: Die Todesanzeige für Oberleutnant der Reserve Otto Heckler

Der Soldat Otto Heckler stammte aus Sprendlingen im heutigen Bundesland Rheinland-Pfalz. Er war Mitglied des Vorstands der Julius Berger Tiefbau AG und Regierungsbaumeister a. D.. Dieses Unternehmen ist die Wurzel der heutigen Firma Bilfinger AG (bis vor einigen Jahren hieß es Bilfinger und Berger AG) und wurde von Julius Berger gegründet. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde er seiner Firma beraubt, rechtlos gestellt und mit seiner Frau nach Theresienstadt in das dortige Konzentrationslager deportiert. Dort starben Flora und Max Berger an Hunger und Entkräftung – Julius Berger am 13.07.1943 im Alter von 80 Jahren. Eine Schande, begangen von Deutschen und im Namen Deutschlands!

Im Ersten Weltkrieg kämpfte Otto Heckler als Oberleutnant der Reserve in der 11. Kompanie des 115. Leibgarde-Infanterie-Regiments. Am 22.08.1914 fiel er während der Schlacht bei Neufchâteau im Alter von 35 Jahren bei Anloy-Maissin in Belgien an der Westfront.

Man begrub Otto Heckler auf dem Soldatenfriedhof Maissin-National in Grab 313.

Auf dem Alten Friedhof in Darmstadt gedenkt man Otto Heckler noch heute auf einem privaten Gedenkkreuz: http://www.denkmalprojekt.org/2020/darmstadt_alter-frdh-private-grabsteine_70-71_wk1_wk2_he.html

Todesanzeige für Oberleutnant der Reserve Otto Heckler
2. Todesanzeige für Oberleutnant der Reserve Otto Heckler