Die Männer des Ersten Weltkriegs – Teil 3.009: Theodor Bischoff

Der Soldat Theodor Bischoff war Beamter (Angestellter) der Depositen-Abteilung der Deutschen Bank in Berlin. Im Ersten Weltkrieg diente er als Gefreiter der Reserve in der 2. Kompanie des 64. preußischen Infanterie-Regiment. Am 20. September fiel er im Alter von 23 Jahren bei den Kämpfen an der Aisne in der Nähe der Folemprise-Ferm und  der Rouge Maison bei den beiden französischen Ortschaften Soupir und Ostel.

Über den Todestag und die Todesumstände von Theodor Bischoff berichtet die Regimentsgeschichte des 64. preußischen Infanterie-Regiments:

„Der Angriff am 20.09.1914

Im Morgengrauen des 20. September wies das I. Bataillon einen englischen Vorstoß ab.

Der Angriff der 6. Division sollte an diesem Tage fortgesetzt werden, er kam aber nicht einheitlich in Gang. In der Nacht hatte der Regimentskommandeur erfahren, dass links vom Regiment mit Hellwerden wieder vorgegangen werden sollte. Wann rechts die 24er antreten würden, war nicht bekannt. Oberst Jancke befahl deshalb, das I. Bataillon mit der 6. Kompanie sollten zum Angriff antreten, sobald das Regiment 24 vorginge. Das III. Bataillon erhielt Befehl, den Angriff des I. Bataillons aus dem vor der Front des III. Bataillons liegenden Walde heraus zu unterstützen.

Major von Decken führte darauf schon im Morgengrauen sein Bataillon in den Wald, dessen Nordteil als unbesetzt festgestellt war. Er glaubte mit Recht, dass er so bei fortschreitendem Angriff gegen die Flanke des auf der Höhe vor dem I. Bataillon haltenden Gegners wirken  könne. Die 9. Kompanie wurde dem I. Bataillon zur unmittelbaren Unterstützung zur Verfügung gestellt. Die 10., 11. und 12. Kompanie wurden im Ostrand des Waldes bereitgestellt, um vorzubrechen, sobald das I. Bataillon angriffe. Nach Süden waren im Wald zum Schutz der Flanke Sicherungen soweit vorgeschoben, wie es die Lage des eigenen Artilleriefeuers erlaubte. Ein dem Bataillon zugeführter Maschinengewehr-Zug unter Leutnant Meißenburg wurde eingesetzt, um feindliche Maschinengewehre, die gegen die linke Flanke des Bataillons wirkten, zu bekämpfen.

Das I. Bataillon hatte zunächst nicht angreifen können, weil die 24er nicht antraten. Erst um 10.30 Uhr konnte Hauptmann von Werder den Angriffsbefehl geben. Die 6. Kompanie rechts, das I. Bataillon links daneben verließen gegen Mittag ihre Gräben, um noch einmal den schweren Angriff über die kahle Fläche zu wagen. Er war befohlen, also gab es für den deutschen Sturmsoldaten von 1914 kein Zaudern.

Wieder kam die 6. Kompanie in dem günstigeren Gelände bei Rouge Maison, wenn auch unter erheblichen Verlusten, gut vorwärts. Auch der rechte Flügel des I. Bataillons gewann zunächst Boden, während die am linken Flügel vorgehende 2. Kompanie in kurzer Zeit durch Maschinengewehr- und Infanteriefeuer und durch starkes Artilleriefeuer aus der linken Flanke (von La Cour de Soupir her) zusammengeschossen wurde. Die Reste der braven Kompanie mussten den schützenden Graben wieder aufsuchen. (Anmerkung: Hier fiel Theodor Bischoff wahrscheinlich).

Auf Vorschlag des Hauptmanns Osterroht sandte Hauptmann von Werder Teile der 1. Kompanie zur 6., um dort den erfolgversprechenden Angriff fortzusetzen. Aber auch hier stellte es sich bald heraus, dass der Angriff der schwachen Teile des Regiments allein unmöglich war. Längst hatten die 24er das Vorgehen wieder einstellen müssen, auch die 11. Brigade links vom Regiment war nicht vorwärtsgekommen. So musste auch Hauptmann Osterroht auf weiteres Vorgehen verzichten.

Major von Decken hatte inzwischen auf die Nachricht, dass das I. Bataillon angriffe, den kühnen Entschluss gefasst, durch den Wald weiter nach Süden vorzudringen. Glückte es, den Südrand des Waldes zu erreichen, so stand das Bataillon tief in der Flanke des Feindes vor dem I. Bataillon. Er befahl zunächst gegen 12 Uhr mittags der 11. Kompanie, gegen den Südrand des Waldes vorzugehen, um die feindliche Stellung im Walde zu erkunden.

Sobald die Kompanie angetreten war, schlug ihr im dichten Gestrüpp auf nächste Entfernung starkes Feuer entgegen. Sofort ließ Hauptmann Friedrichs Seitengewehr aufpflanzen und ging mit seinen tapferen Musketieren den Engländern mit dem Bajonett zu Leib. Schrittweise wich der Feind. Jetzt setzte Major von der Decken die 12. und 10. Kompanie rechts und links von der 11. ein, Leutnant Weißenburg brachte seine Maschinengewehre in Stellung und im wundervollen Angriffsschwung stürmten die Angermünder trotz schwerer Verluste unaufhaltsam vorwärts, bis sie den Südrand des Waldes erreichten. Hier am Waldrand gelang es dem Bataillon noch, einen englischen Schützengraben zu nehmen, obwohl die deutsche Artillerie, die den Kampf nicht beobachten konnten, zu kurz schoss. Dann aber war ein weiteres Vorwärtskommen unmöglich. Von drei Seiten traf feindliches Feuer das vereinzelte, so weit  durchgebrochene Bataillon. Es musste nach allen Seiten Front machen und sich eingraben.

Schwer waren die Verluste. Der schwerste aber war der Heldentod des ritterlichen, tapferen Führers, des Majors von der Decken. Mitten im tollsten Feuer aufrecht stehend – so erzählte am Abend sein treuer Adjutant, Leutnant Droysen – traf ihn ein Geschütz in den Arm. „Droysen, ich habe eins weg,“ sagte er lachend. Kurz darauf warf ihn ein Schuss in die Häfte halb zu Boden. „Droysen, jetzt habe ich Nummer 2!“ Die Führung seiner Musketiere gab er nicht ab, bis ein Kopfschuss dem Heldenleben ein Ende machte. Ein vorbildlicher Soldat, gleich hervorragend als Führer wie in der Sorge für seine Untergebene, hatte hier den schönsten Tod gefunden. Ihm sei an dieser Stelle ein besonderes Denkmal gesetzt. Major Averich von der Decken, geboren am 12.10.1868 in Bromberg, gefallen am 20.09.1914 bei Folemprise bei Ostel, begraben vermutlich auf dem Soldatenfriedhof Soupir in einem Massengrab)

Der blutige Tag ging langsam zur Neige. Hauptmann von Schenckendorff klammerte sich mit den Resten des III. Bataillons an den schwer erkämpften Boden. Der Regimentskommandeur sandte ihm die 7. Kompanie unter Hauptmann Jacobs zu Hilfe, die sich tapfer am Kampf beteiligte. Mehr zu schicken war unmöglich. So stellte Oberst Kancke dem Hauptmann von Schenckendorff anheim, das Bataillon in die alte Stellung zurückzunehmen, wenn es sich nicht mehr halten könne. Die Munition wurde knapp, Wasser für die Maschinengewehre fehlte, das feindliche Feuer forderte immer mehr Verluste. Da entschloss sich Hauptmann von Schenckendorff schweren Herzens zum Rückzug. Vom Feinde unverfolgt, unter Mitführung fast aller Verwundeten und mit 20 Gefangenen kehrte das heldenmutige Häuflein am Abend in den Nordteil des Waldes zurück. Nur noch wenig über 200 Gewehre zählten die drei Kompanien, beim Maschinengewehr-Zug waren nur noch fünf Mann gefechtsfähig. Die Fahne des Bataillons, getragen von dem Serganten Menndorf, war durch einen Infanterieschuss beschädigt worden.

Auch am rechten Flügel des Regiments musste am Abend Hauptmann Osterroht seine erfolgreiche Kompanie in die alte Stellung nördlich Rouge Maison zurücknehmen, nachdem die Verwundeten und die Gefallenen, darunter der vortreffliche Feldwebel Kasimir und der Fahnenjunker Tille, zurückgeschafft waren. Der rechte Flügel des I. Bataillons war schon vorher in die Ausgangsstellung zurückgegangen.

Die 5. und 8. Kompanie hatte der Regimentskommandeur während des Angriffs auf den „Hungerberg“ vorgezogen, wo sie die gefährdete linke Flanke gegen das Tal von Ostel schützen.

So endete der schwere, blutige Tag. Er entriss dem Regiment viele seiner Besten; er begrub die letzten Hoffnungen auf den baldigen endgültigen Sieg. Wenn es damals den Mitkämpfern auch nicht so klar geworden ist, der 20. September bezeichnete den Beginn des Stellungskampfes. Ein neuer Abschnitt des Krieges begann. Noch einmal hatte das zusammengeschmolzene Regiment im schneidigen Angriff sein Bestes gegeben. Es hatte nichts geholfen.

Die Verluste am 20. September betrugen:

Tot: Mahor von der Decken

Leutnant der Reserve Meynow, 10. Kompanie. (Leutnant Wilhelm Meynow, gefallen am 20.09.1914 bei Folembrise, begraben auf dem Soldatenfriedhof Soupir in Block 1, Grab 238)

Leutnant Meißenburg, Maschinengewehr-Kompanie (Leutnant Werner Meissenburg, gefallen am 20.09.1914, begraben auf dem Soldatenfriedhof Soupir in Block 1, Grab 235)

Leutnant Rack, Führer der 2. Kompanie (Leutnant Erwin Rack, gefallen am 20.09.1914, begraben auf dem Soldatenfriedhof Soupir in Block 1, Grab 241)

49 Mann.

Verwundet: 5 Offiziere (darunter Leutnant Praetorius, 10. Kompanie, der nach wenigen Tagen seiner schweren Wunde erlag), 214 Mann.

Vermisst: 38 Mann des III. Bataillons, die wohl durchweg im Waldgefecht tot oder verwundet liegen geblieben sind.

Allein das III. Bataillon verlor 6 Offiziere, 174 Mann, den Rest trugen vor allem 2. und 6. Kompanie.

Dem schweren Tage folgte eine ruhige Nacht. Die 6. Kompanie wurde durch die 5. abgelöst.

Am Abend des 20. traf der erste Ersatztransport aus der Heimat ein, zwei Offiziere, fünf Offizier-Stellvertreter und Fähnriche, 350 Mann. Eine willkommene Verstärkung nach allen Verlusten der letzten Tage.“

Theodor Bischoff wird auch in der Ehrenliste der Deutschan Bank geführt: http://www.denkmalprojekt.org/2019/verlustliste_deutsche-bank-1914_wk1.html

Offiziell ist für Theodor Bischoff keine Grablage bekannt. Ich bin mir jedoch sicher, dass seine Gebeine, wenn sie geborgen wurden, anonym in einem Massengrab auf dem Soldatenfriedhof Soupir begraben wurden, wo man auch seine Regimentskameraden begrub, die am gleichen Tag fielen (siehe  rote Anmerkungen in der Regimentsgeschichte oben).

 

Todesanzeige für Theodor Bischoff und seine Mutter Lina Bischoff, geborene Güllich

Sonderbeitrag: Wilhelm Peter

Der Soldat Wilhelm Peter stammte aus der hessischen Gemeinde Reiskirchen. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er als Gefreiter der Reserve in der 5. Kompanie des 116. Infanterie-Regiments. Am 22.08.1914 fiel er während der Kämpfe in der Walonie (Belgien) in der Nähe der Ortschaft Libin. Wilhelm Peter wurde 21 Jahre alt.

Über den Todestag und die Todesumstände von Wilhelm Peter berichtet die Regimentsgeschichte des 116. Infanterie-Regiments:

„Gegen 6 Uhr vorm. (22. August) trat das Regiment als Vorhut den Marsch über Ochamps nach Glaireuse an. Auf den Höhen nördlich von diesem Dorfe stellte es sich bereit. Die Bereitstellung war gegen 9 Uhr vorm. beendet, und die Truppen waren eben aus den Feldküchen verpflegt worden, da traf folgender Befehl ein: „J.R. 116 geht auf dem linken Flügel der 49. Inf.Brig. vor, mit dem linken Flügel an der Südecke von Anloy vorbei, rechts Anschluß an J.R. 115. Die Linie Anloy—Bournonwald soll vorerst nicht überschritten werden.“ Über die allgemeine Lage wurde bekannt, daß die 4. Armee mit dem VI. A.K. und VIII. R.K. die Flanken der angreifenden 3. und 5. Armee decken und in ihrer Mitte am Lesse-Abschnitt (XVIII. A.K.) und bei Neufchâteau (XVIII. R.K.) eine Bereitstellung einnehmen sollte. Die Nachrichten über den Feind waren immer noch sehr unbestimmt. Nach Fliegermeldungen sollten in den Wäldern jenseits des Lessebaches nur Kavallerieabteilungen stehen. Die feindliche Infanterie wurde etwa 50 km dahinter vermutet.

Das Regiment nahm das II. und III. Batl. ins erste Treffen; hinter dem III. Batl. folgte die M.G.K. Das I. Batl. war hinter dem linken Flügel gestaffelt und stand zunächst der Brigade zur Verfügung. In guter Ordnung entfalteten sich die Kompagnien und gingen, nachdem der Südrand von Anloy überschritten war, in Schützenwellen vor. Weiter rechts, wo die 50. Inf.Brig. über Libin gegen Maissin vorging, wurde lebhaftes Gewehr- und Artilleriefeuer laut. Unsere Brigade (49. I.B.) dagegen hatte bereits die befohlene Linie erreicht, ohne auf einen Gegner zu stoßen. So wurde die befohlene Linie im Anschluß an die rechten Nachbartruppen überschritten. Doch kaum hatten die ersten Wellen des II. und III. Batls. gegen 2 Uhr nachm. die Höhen südwestlich von Anloy erreicht, als ihnen aus einer Entfernung von kaum 400 m lebhaftes Infanterie- und M.G.-Feuer entgegenschlug. Und doch war vom Gegner nichts zu sehen. In Getreidefeldern und am Waldrande hielt er sich vorzüglich gedeckt, so daß kein sicherer Schuß auf ihn anzubringen war. Aber dem ungestümen, unserem Infanteristen zur zweiten Natur gewordenen Drang nach vorwärts zeigte sich der Feind nicht gewachsen. Trotz des starken Feuers und trotz der hemmenden Drahtumzäunungen der Felder gelang es nach mehrmaligem Ansturm, die Getreidefelder allmählich vom Feinde zu säubern und die nächsten Waldstücke zu erreichen. Namentlich am rechten Flügel wurde der Angriff mit rasender Schnelligkeit vorgetragen. Trotz schwerer Verluste und trotz der Mahnungen der Offiziere zur Besonnenheit ging alles nach vorn durch.

Im Walde war zunächst das dichte Unterholz ein schwieriges Hindernis und verursachte viele Verluste. Ein weiteres Hemmnis waren die vielen gut versteckten französischen Baumschützen, die dem Angreifer aus unmittelbarer Nähe ihre verderblichen Schüsse entgesandten, eine Kampfesweise, auf die der Deutsche nicht gefaßt war, gegen die er aberbald wirksame Abhilfe fand. Auch das eigene Artilleriefeuer belästigte hier stellenweise die vorgehenden Kompagnien. In wildem Drauflosgehen und hartem Ringen dachte man wenig an die Verbindung nach rückwärts, so daß unsere Artillerie nicht wissen konnte, wie weit der Angriff an den einzelnen Punkten vorgetragen war. Aber alle diese Schwierigkeiten konnten den Siegeslauf der in blinder Wut vorstürmenden Hessen nicht aufhalten. Waldstück auf Waldstück wurde dem Gegner entrissen, wobei sich an den einzelnen Waldrändern besonders erbitterte Kämpfe mit dem zähen Gegner abspielten. Hier war es auch, wo die beiden unerschrockenen Führer der 10. und 11. Komp., die Hauptleute v. Weltzien und Mattel, einen frühen Heldentod fanden. Auch die Führer der 9. und 12. Komp., Hauptleute Wolf und Buhz, mußten schwer verwundet vom Schlachtfeld getragen werden.

So wogte beim II. und III. Batl. der Kampf in der heißen Augustsonne schon die dritte Stunde. Da drohte gegen 4 Uhr nachm. ein gefährlicher Rückschlag: Der vorher schon an Zahl überlegene Gegner des Regiments schob in der Front ein neues Bataillon ein und suchte gleichzeitig unsere linke Flanke mit zwei frischen Jägerbataillonen zu umfassen. Der Angriff in der Front aus dem Walde Derrière-Horimont konnte zunächst vom II. und III. Batl. nicht aufgefangen werden: Die beiden Bataillone waren zu hart mitgenommen, die Verbände zu sehr durcheinandergewürfelt. So mußten sie dem Stoß ausweichen. Aber bald stellte ein M.G.-Zug unter Lt. de Harde sowie eine Kompagnie der 21. Pioniere die Lage wieder her. Lt. Brendel, der Adjutant des II. Batls., warf sich mit etwa 100 Versprengten aus allen Kompagnien gegen die rechte Flanke. Von neuem kam der Angriff in Fluß, auch das frische Bataillon des Gegners wurde geworfen. Teile der 5. und 8. Komp. unterstützten die 4. und 6. Komp. des J.R. 115 beim Sturm auf eine feindliche Batterie, die nach hartem Ringen erobert und trotz mehrfacher wilder Gegenangriffe behauptet wurde. Vizef. Dutiné (8. K.) und Braun (5. K.) zeichneten sich dabei besonders aus.

Nicht minder schwierig gestaltete sich der Kampf auf dem linken Flügel des Regiments. Hier klaffte eine bedenkliche Lücke in der deutschen Kampffront, da das XVIII. R.K. nach Süden vorgestoßen war. Der Gegner hatte diesen schwachen Punkt bald erkannt und holte von Stunde zu Stunde weiter nach links zur Umfassung aus. Als hier gleich zu Beginn der Schlacht das links gestaffelte I. Batl. in Marschkolonne aus einem Hohlweg südwestlich von Anloy heraustrat, wurde es mit einem Hagel von Geschossen überschüttet, so daß alles volle Deckung nehmen mußte. Die vorderen Kompagnien entwickelten sich gruppenweise nach links und arbeiteten sich in wütendem Infanteriefeuer durch hohe Getreidefelder, ohne indes vom Feinde etwas zu sehen. In einem toten Winkel konnten die 3. und 4. Komp. kurz Atem schöpfen. Ihre drei noch am Leben gebliebenen Zugführer, Lt. Pieper, Locher und Offzst. Petri, ordneten hier, was sich um sie gesammelt hatte, und griffen dann ein von den Haubitzen der 61er sturmreif geschossenes, stark besetztes Waldstück an. Mutig trug der Sergt. Pistler, umzischt von zahlreichen Geschossen, die entfaltete Fahne des Bataillons mit den stürmenden Kompagnien nach vorn. Der Waldstreifen wurde genommen und schnell durchschritten. Aber frische feindliche Kräfte setzten zum Gegenangriff an und trafen namentlich die Leibkompagnie sehr schwer. Viermal hatte sie einen französischen Vorstoß auszuhalten und verlor drei tüchtige Offiziere, Lt. v. Erhardt, Meinberg und Mühlberger. Auch in den Ginsterbüschen jenseits des Waldstücks waren die Kompagnien starkem feindlichen Strichfeuer ausgesetzt, das hohe Verluste brachte und zum Rückzug in das Waldstück zwang.

Entscheidend für die Abwehr der feindlichen Umfassungsversuche wurde das Eingreifen der Maschinengewehre. Ihnen hatte der Regimentskommandeur in richtiger Erkenntnis der Gefahr von vornherein die Sicherung der linken Flanke übertragen. Sie waren daher südlich von Anloy in Stellung gegangen. Dort hatten sie bald drei französische Maschinengewehre, die zwischen den Straßen Anloy—Sart und Anloy—Haie standen, außer Gefecht gesetzt. Infolge der feindlichen Umfassung kam jedoch Hptm. Poly mit den Gewehren in eine bedrängte Lage. Da ritt Oberst Schimmelfennig in schärfstem Galopp zur Artillerie, erhielt dort zwei Geschütze und brachte sie an der gefährdeten Stelle in Front. Ein fürchterliches Blutbad begann. Die beiden Geschütze rissen ungeheure Löcher in die überflügelnden feindlichen Reihen. Schwadenweise mähten die Maschinengewehre die vorgehenden Wellen nieder und schossen mit entsetzlicher Genauigkeit und Unerbittlichkeit die Schützenlinien des Gegners zusammen, so daß jedes Leben in ihnen erstarrte. Gefangene schilderten entsetzt die grauenhafte Wirkung dieses vereinigten Artillerie- und M.G.-Feuers, von der man sich am andern Tage beim Überschreiten des Schlachtfeldes mit Schaudern überzeugen konnte.

So tobte der heiße Kampf den ganzen Nachmittag, hier in wildem Handgemenge mit wüstem Schreien, dort in schrecklichem Zischen und Heulen der todbringenden Geschosse, in Angriff und Gegenangriff um den Besitz einzelner Waldstücke, in wildem Vorstürmen und entsetztem Zurückgehen. Die Wildheit hatte besonders beim II. und III. Batl. jede Einheitlichkeit über den Haufen geworfen. So wird erklärlich, daß Teile der 10. und 11. Komp. weit rechts beim J.R. 117 gegen das Dorf Maissin kämpften. Aber immer noch war die endgültige Entscheidung nicht gefallen. Zwar begann von 5 Uhr nachm. an unsere Artillerie kräftiger zu wirken. Die Waldstücke, in denen sich der Gegner noch hielt, wurden planmäßig beschossen. Immer tiefer stießen die Kompagnien dem Gegner nach Westen nach. Trefflich half dem I. Batl. eine Kompagnie der 21. Pioniere, deren Führer, Hptm. Peters, den Heldentod starb. Doch nur schrittweise gab der Feind eine Stellung nach der anderen auf. Da ertönten gegen 7 Uhr nachm. in unserem Rücken Kommandorufe. Die lang ersehnte Unterstützung war da! In vierstündigem Marsche war die 16. R.D. unter Generallt. Mooz von der Eisenbahn nach dem Schlachtfelde geeilt, um den Kameraden Hilfe zu bringen. Nun schwärmten die Kompagnien des R.J.R. 28 ein. Da gab’s kein Halten mehr. Mit Bajonett und Spaten wurde der bis zum äußersten sich wehrende Gegner aus seinen letzten Stellungen geworfen. Blau und rot quoll es aus den Waldstücken heraus. Auf wenige hundert Meter lief der nach Süden abziehende Gegner in das Flankenfeuer des I. Batls. hinein und erlitt schreckliche Verluste. Erst die Dunkelheit machte dem Kampfe ein Ende. Völlig erschöpft sammelten sich die Bataillone auf der Höhe bei Anloy. Bei der Unsicherheit der Gesamtlage — der rechte Flügel der Division hatte wegen drohender Umfassung das um 5 Uhr nachm. gestürmte Maissin wieder räumen müssen — wurde die Höhe und der Dorfrand zur Verteidigung eingerichtet.

Eine schwere Aufgabe harrte der Ärzte und Krankenträger. Im Kampfe mit Freischärlern, die aus den Häusern auf die durchziehenden Verwundeten schossen und die Gefechtsstaffel zersprengten, hatte Stabsarzt Dr. Szubinski am Westausgang des Dorfes den Verbandplatz des Regiments eingerichtet. Den ganzen Nachmittag über strömten die Verwundeten zu, und bald war alles überfüllt. Eine schier nicht zu bewältigende Arbeit für fünf Ärzte mit wenigen Helfern; dazu in stundenlangem Artilleriefeuer. Nach Mitternacht erschienen die Krankenträger der Sanitätskompagnie mit Fackeln. Sie wurden aber beim Absuchen des Schlachtfeldes noch vielfach vom Feinde beschossen. Trotzdem wurden die meisten der hilflos daliegenden und dem Verschmachten nahen Schwerverwundeten noch während der Nacht zurückgeschafft. Viele aber mußten in ihrer Todespein den kommenden Morgen abwarten, bis sie aufgefunden und geborgen werden konnten.Die erste Schlacht war geschlagen. Der blutigste Tag des ganzen Krieges lag hinter dem Regiment. Der Sieg hatte sich an seine Fahnen geheftet. Ein starker und tapferer Gegner war aus Stellungen gejagt worden, die er sich drei Tage lang mit Sorgfalt ausgesucht und ausgebaut hatte. Rühmliche Taten, die alle der Erwähnung wert wären, waren allerorten vollbracht worden. Aber groß, sehr groß waren auch die Verluste. Kein Tag des Feldzugs hat vom Regiment so viele Opfer gefordert wie der Tag von Anloy. Innerhalb weniger Stunden hat es über 1000 Mann, mehr als ein Drittel seines Bestandes, verloren. 13 Offiziere, darunter außer den schon erwähnten der bewährte Führer der 4. Komp., Hptm. v. Normann, und Oberlt. Ebel von der 6., der am nächsten Morgen seiner schweren Verwundung erlag, ferner Lt. Becker, v. Grolmann, Eichhoff, Klein, Walter und der Fahnenj. Schäfer waren auf dem Schlachtfelde geblieben; 340 brave Unteroffiziere und Mannschaften waren mit ihnen in den Tod gegangen. Fast doppelt so hoch war die Zahl der Verwundeten. Unter ihnen waren 20 Offiziere: Das I. Batl. hatte den Hptm. v. Thümen und die Lts. Locher, Malzahn, Pieper, Scherer und den Fähnr. Marquardt verloren; das II. büßte Lt. Schroeder, Johlen, Hellwig und Buchholz ein; am schwersten aber waren die Verluste beim III., wo außer den vier Kompagnieführern die Lts. Dingeldein, Flotho, Fischer, Loerbrocks, Schmidt, Meyer und Freytag fehlten. In der M.G.K. waren Oberlt. Kienitz und Lt. de Harde (D. E.) verwundet. An Unteroffizieren und Mannschaften waren 599 verwundet, 72 wurden vermißt. Der Name Anloy sollte einen schrecklichen Klang in der hessischen Heimat erhalten. Da war kein Städtchen und Dörfchen, in das nicht die Nachricht gedrungen wäre: „Bei Anloy gefallen!“ Aber darum ist der Name auch zum Ehrennamen der Kämpfer des 22. August geworden. Von allen Kränzen, die sich das Regiment in diesem großen Krieg errungen, ist der Kranz von Anloy der schönste. Er wird nie welken.“

Man begrub Wilhelm Peter auf dem Soldatenfriedhof Anloy-Heide in Block 3, Grab 4.

In seiner Heimatgemeinde Reiskirchen gedenkt man Wilhelm Peter noch heute auf einem Denkmal: http://www.denkmalprojekt.org/2022/reiskirchen_lk-giessen_wk1_wk2_hs.html

Die Todesanzeige für Wilhelm Peter im Gießener Anzeiger

Gefallene Soldaten aus Mittelhessen: Karl Kirschbaum

Der Soldat Karl Kirschbaum stammte aus Hergersdorf, einem Ortsteil der hessischen Gemeinde Schwalmtal. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er als Gefreiter der Reserve in der 10. Kompanie des 178. Infanterie-Regiments. Am 20.09.1914 fiel er an der Aisne in Frankreich.

Die Lage des Grabes von Carl Kirschbaum ist unbekannt.

Die Todesanzeige für Karl Kirschbaum im Gießener Anzeiger vom 05.10.1914

Die Männer des Ersten Weltkriegs – Teil 2.390: Xaver Schuh

Der Soldat (Franz) Xaver Schuh stammte aus Roßhaupten in Niederbayern und war der Sohn eines Landwirts. Im Ersten Weltkrieg diente er als Gefreiter der Reserve  in der 9. Kompanie des 13. bayerischen Reserve-Infanterie-Regiments. Am 05.09.1914 fiel er während der Schlacht vor Nancy – Epinal im Alter von 23 Jahren beim Schloss Leomont in der Nähe von Lunéville.

Offiziell ist für Xaver Schuh keine Grablage bekannt, ich vermute jedoch, dass er, wenn sein Leichnam geborgen wurde, er anonym in einem Massengrab auf dem Soldatenfriedhof Gerbéviller begraben wurde, wo auch seine Regimentskameraden beigesetzt wurden, die im gleichen Zeitraum fielen, u. a.

  • Wehrmann Wolfgang Hertrich, gefallen am 05.09.1914, begraben auf dem Soldatenfriedhof Gerbéviller in einem Massengrab;
  • Wehrmann Peter Wassermann, gefallen am 26.08.1914 bei Luneville, begraben auf dem Soldatenfriedhof Gerbéviller in einem Massengrab;
  • Unteroffizier Karl Beck, gefallen am 25.08.1914 bei Maixe, begraben auf dem Soldatenfriedhof Gerbéviller in einem Massengrab;
  • Gefreiter Martin Siglhofer, gefallen am 26.08.1914 bei Luneville, begraben auf dem Soldatenfriedhof Gerbéviller in einem Massengrab;
  • Julius Kramer, gefallen am 26.08.1914 bei Luneville, begraben auf dem Soldatenfriedhof Gerbéviller in einem Massengrab.

 

Sterbebild von Xaver Schuh
Rückseite des Sterbebildes von Xaver Schuh

Die Männer des Ersten Weltkriegs – Teil 2.246: Max Klaffl

Der Soldat Max Klaffl stammte aus Enhofen, einem Ortsteil der bayerischen Gemeinde Winhöring, und war der Sohn eines Kleinbauern. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er als Gefreiter der Reserve in der 3. Kompanie (Falschangabe auf Sterbebild) des 15. bayerischen Infanterie-Regiments. Am 26.08.1914, also direkt zu Beginn des Krieges wurde er während eines Gefechts im Rahmen der  Schlacht vor Nancy – Epinal bei Baccarat, genauer gesagt Doncières, verwundet und geriet in französische Gefangenschaft. Später wurde gemeldet, dass er im Alter von 24 Jahren in in französischer Gefangenschaft verstorben ist.

Über den Tag der Gefangennahme berichtet die Regimentsgeschichte des 15. bayerischen Infanterie-Regiments:

26.08.1914 Am Morgen grub sich III./15 auf Höhe 316 ein, I/15. blieb am Südrand des Bois de la Russe, die Maschinengewehr-Kompanie im Walde nördlich Chateau de Villers. Während ursprünglich Linie 316 – Chateau de Villers gehalten, keinesfalls aber ein Angriff auf Doncières gemacht werden sollte, kam auf den Hilferuf der Flügeldivision des XXI. Armeekorps, die im Angriff bei Doncières starke Verluste erlitten hatte und sich allein nicht mehr zu halten vermochte, der Befehl der Berigade zur Unterstützung des Infanterie-Regiments 17 die Höhen 320 und 312, westlich und südwestlich Doncières anzugreifen.

I./15. wurde 3.45 nachmittags angesetzt. Es kam glücklich über den Grund des Belville-Baches und suchte den bedrängten Preußen auf Höhe 320 Hilfe zu bringen, 1. und 2. Kompanie in vorderer Linie, 3. und 4. Kompanie links gestaffelt. Doch das Artilleriefeuer, das diese zu zertrümmern gedroht hatte, legte sich, vereint mit heftigem Infanteriefeuer aus der Nordecke des Bois de la Grande Coinche, beim Ersteigen der Höhe mit solcher Wucht auf das Bataillon, dass es in wenigen Augenblicken die schwerten Verluste erlitt (4 Offiziere tot: Leutnant Konrad, Leyh, Meixner, Leutnant der Reserve Wettstein, 17 Unteroffiziere und Mann tot, 79 verwundet, 10 vermisst) und sich an den Fuß des Steilhangs zum Sammeln zurückziehen musste.

Glücklicher war inzwischen das Vorgehen des (von der Division entlassene) II./15. und des III./15. links davon. Zwar wurden sie gerade beim Überschreiten des Baches vom heftigsten feindlichen Feuer empfangen, doch wurde der Angriff ohne Stocken vorgetragen. Die stürmisch vorgehenden Schützen übersprangen den Bach oder durchwateten  ihn und drangen unaufhaltsam den Hang hinauf. Gemeinsam mit den Resten der Preußen stießen sie bei glühender Sonnenhitze in den Gegner hinein, der den stark besetzten Waldrand verließ und sich haufenweise zur Flucht wandte.

Auch das I. Bataillon erklomm, nachdem es sich gesammelt, die Höhe wieder, griff in den hartnäckigen Kampf ein und erreichte mit den übrigen Verbänden eine Linie, die weit über die übrige Front vorbuchtete. Hitzige Einzelgefechte hatte es namentlich beim Durchstoßen und Säubern des Nordteiles des großen Waldes gegeben. Dem weichenden Gegner brachte die vom Wege Doncieres – Badelieu eingesetzte Maschinengewehr-Kompanie/15. starke Verluste bei.

Nach Einbruch der Dunkelheit wurde das Regiment, das seinen Auftrag, dem bedrängten Nachbar Hilfe zu bringen, in glänzender Weise gelöst hatte, in die alte Stellung zurückgenommen. (Der Brigade-Kommandeur wurde für seinen selbsttätigen Entschluss zum Ritter des Militär-Max-Joseph-Ordens ernannt.)

Nachts biwakierte das Regiment bei Punkt 312 südlich Ménarmont.“

Man begrub Max Klaffl auf dem Soldatenfriedhof Bertrimoutier in einem Massengrab.

Sterbebild von Max Klaffl
Rückseite des Sterbebildes von Max Klaffl

Die Männer des Ersten Weltkrieges – Teil 1.502: Karl Fischer

Der Gefreite der Reserve Karl Fischer stammte aus Mardorf, heute ein Ortsteil der hessischen Stadt Homberg (Efze). Im Ersten Weltkrieg diente er in der 2. Kompanie des 167. Infanterie-Regiments. Am 03.07.1916 fiel er im Alter von 24 Jahren in Galizien bei Nowy Tok nach 23 Monaten Kriegsdienst während der Kämpfe am oberen Styr-Stochod.

Wie meist Gefallenen in Galizien ist auch für Karl Fischer keine Grablage mehr bekannt.

Sterbebild von Karl Fischer
Rückseite des Sterbebildes von Karl Fischer

Die Männer des Ersten Weltkriegs – Teil 832: Albert Frey

Der Gefreite Albert Frey wurde am 21.12.1891 in Beuren – Gmünd geboren. Im Ersten Weltkrieg diente er im 124. Infanterie-Regiment und wurde mit der Silbernen Verdienstmedaille ausgezeichnet. Am 08.08.1915 fiel er im Alter von 23 Jahren im Argonnenwald im Norden Frankreichs vor Verdun.

Man begrub Albert Frey auf dem Soldatenfriedhof Buzancy in Block 8, Grab 141.

Sterbebild von Albert Frey
Rückseite des Sterbebildes von Albert Frey