{"id":1692,"date":"2016-09-28T00:00:15","date_gmt":"2016-09-27T22:00:15","guid":{"rendered":"http:\/\/geschichte-hautnah.de\/html\/?p=1692"},"modified":"2016-09-25T13:06:07","modified_gmt":"2016-09-25T11:06:07","slug":"waehrend-der-abwehrschlcht-august-1918","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/geschichte-hautnah.de\/www\/?p=1692","title":{"rendered":"W\u00e4hrend der Abwehrschlcht August 1918"},"content":{"rendered":"<p>Aus einem Feldpostbrief von Stabsarzt Dr. Zechlin<\/p>\n<p>Unser Heeresbericht meldete k\u00fcrzlich: &#8222;Nordwestlich von <a title=\"Roye bei Google Maps\" href=\"https:\/\/maps.google.de\/maps?q=Roye,+Frankreich&amp;hl=de&amp;ie=UTF8&amp;ll=49.697838,2.789154&amp;spn=0.617343,1.234589&amp;sll=49.933071,2.933353&amp;sspn=0.153588,0.308647&amp;oq=Roye&amp;hnear=Roye,+D%C3%A9partement+Somme,+Picardie,+Frankreich&amp;t=m&amp;z=10\" target=\"_blank\">Roye<\/a> schlug eine seit dem 9. August an Brennpunkten des Kampfes fechtende aus Garde- und nieders\u00e4chsischen Reserve-Regimentern bestehende Division erneute starke Angriffe des Feinde ab. Im eigenen Vorsto\u00df in die feindlichen Linien machte sie Gefangene.&#8220; &#8211; Das ist meine 79. Res.-Division! Sie hat mit allen ihren Teilen recht herangemu\u00dft. Auch mein braves Res. inf. Regt. 263. Die Reihen unserer Kompanien waren recht gelichtet. Sie wurden verst\u00e4rkt durch die Pioniere unserer Division. Auch ich selbst als Truppenarzt lag eingeschw\u00e4rmt dazwischen und wir alle waren heilfroh, als wir f\u00fcr unseren Teil gestern Nacht zur\u00fcckgezogen wurden.<\/p>\n<p>Denn selbst f\u00fcr einen alten Krieger von Anno 14 war es &#8222;allerhand&#8220;, was einem da an neuen &#8222;Films&#8220; geboten wurde. Das wurde uns bereits am ersten Tage klar, an dem wir bei hellem Tageslicht n\u00f6rdlich von Roye hereingeworfen werden mussten und unter Sicht der vielen Fesselballons nur immer zu zweien in ganz gro\u00dfen Abst\u00e4nden nach vorne kommen konnten. Jedes Dorf hier &#8211; weit \u00fcber 10 &#8211; 12 km nach hinten &#8211; lag unter schwerstem feindlichen Flachfeuer, so da\u00df wir uns nur vorsichtig \u00fcber die Felder nach vorn bewegen konnten. Unser stilles Korps wurde noch schweigsamer, als es durch die feindliche Sperrfeuerzone ging, in der h\u00fcbsch ein gro\u00dfer Trichter neben dem anderen zu sehen war. Und wenn gerade das Hindurchkommen nach vorn gut geht, so fragt sich doch jeder unwillk\u00fcrlich: &#8222;Junge, Junge, siw sollst du da hindurch wieder zur\u00fcckkommen?&#8220;<\/p>\n<p>Dann kam der Aufenthalt in Sch\u00fctzenlinie, das hei\u00dft im schnell behelfsm\u00e4\u00dfig hergestellten Erdloch, das wenigstens gegen Gewehrgeschosse und einzelne Gescho\u00dfsplitter Deckung bieten sollte. Die Hitze begann unertr\u00e4glich zu werden. &#8211;<\/p>\n<p>Da geht der Feuerzauber wieder los! Schlagartig trommelt der Franzose pl\u00f6tzlich auf das alte Roye &#8211; jenes Roye, von dem ich 14 \u00f6fters schrieb &#8211; und auf unsere Linien. Das Feuer steigerte sich zur Raserei, wir alle sind in dichtesten Pulverdampf und Nebel geh\u00fcllt, \u00fcberall ringsum ein schwerer Einschlag neben dem anderen. Die Erde zittert, stampft und bebt. Das Rollen wird zum Orkan. Ich beobachte angestrengt durch mein gutes Glas, ob &#8222;er&#8220; etwa schon mit seinen Tanks vorankommt, doch es ist wegen des Pulverdampfes beinahe nichts mehr festzustellen. &#8211;<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich sehe ich, da\u00df der Gegner, gesch\u00fctzt durch den Qualm und Nebel, einen Fesselballon ganz dicht an seine Linien herangebracht hat und da\u00df er von dort aus nun den Einsatz jeder noch so kleinen Reserve, das Feuer jeder Batterie sehen k\u00f6nnen muss. Zahlreiche Flieger sch\u00fctzen das gewagte Unternehmen des Feindes. &#8211; Die Blinker k\u00f6nnen nicht arbeiten. Jeder Truppenteil, jede Kompagnie ist auf sich allein angewiesen.<\/p>\n<p>Ich beobachte weiter das Verhalten des Feindes mit meinen Leuten und habe mich gerade entschlossen, an eine andere Stelle hin auszuweichen, da der Franzose nun augenscheinlich sein Sperrfeuer vorverlegt. Kaum Sind wir denn auch am neugew\u00e4hlten Ort, als er auf unsere alte Stelle hin die ganze Wut seines schwersten Sperrfeuers lenkt. Haushoch spritzt die braune Erde, haushoch bleibt eine dicke Staubwolke minutenlang in der Luft. Hier bei einem Gefechtsstand, dort bei einer Batterie, dort an einem Wegekreuz! &#8211; Ein \u00fcbers andere Mal liegen wir da, klein und h\u00e4\u00dflich auf dem Bauche, um uns den herumsausenden Splittern, &#8222;Flederm\u00e4usen&#8220; und Kreiss\u00e4gen&#8220;, die mit grauenvoller Musik meist ihre Nahen kurz vorher verk\u00fcnden, etwas zu entziehen. Doch nur nicht laufen. Es hat keinen Zweck und g\u00e4be dem angestrengt arbeitenden, bis in alle Adern hinein pochenden Herzen den Rest. &#8211;<\/p>\n<p>Der Abend neigt sich allm\u00e4hlich herab. Etwa hundert taubenblaue franz\u00f6sische Infanteristen schl\u00e4ngeln sich, obwohl gefangen, fast ohne Bedeckung mit hurtigen Schritten durch feuer\u00e4rmere Zonen nach hinten. Meist \u00e4ltere Kerls. Und was scheinen sie froh zu sein, nun endlich Ruhe zu haben. Sie sind bei uns angest\u00fcrmt, an kleiner Stelle eingebrochen, aber sofort von rechts und links abgeschn\u00fcrt worden. &#8211;<\/p>\n<p>Es wird ruhiger. Wir buddeln uns an neuer Stelle ein. Gleich, ob Offizier oder Mann. Rock aus, Spaten her und einen &#8222;Sarg&#8220; gegraben! Einer h\u00fcbsch neben dem anderen mit 1\/2 Meter Erdwand Zwischenraum. Ei, das geht schnell! &#8222;Ja, was man nicht alles f\u00fcr sein bi\u00dfchen Leben tun mu\u00df&#8220;, meint schwitzend neben mir ein t\u00fcchtiger Pionier mit seinem breiten Ostpreu\u00dfisch &#8211; und ich mu\u00df ihm beistimmen. Einer meiner &#8222;Schildknappen&#8220; schneidet derweilen schon in dem uns umgebenden Weizenfeld einen Arm voll Halme mit dem Taschenmesser ab. \u00dcberall ist prachtvoller gelber Weizen daran. Wir decken sie auf unsere frischen Erdausw\u00fcrfe und legen sie auch als Unterlage in unser Loch. Wenn in der Morgenfr\u00fche die feindlichen Flieger dicht herunterkommen werden, um mit Falkenaugen nach Lebewesen zu sp\u00e4hen, sollen sie das wenigstens nicht gar zu schnell entdecken.<\/p>\n<p>So liege ich denn in meinem &#8222;Erdsarg&#8220;, 1,70 Meter lang und 60 Zentimeter breit, und habe \u00fcber mir den gl\u00e4nzenden Sternenhimmel. Kassiopeia leuchtet dort oben am Firmament, dort das Siebengestirn, hier der G\u00fcrtel des Orion.<\/p>\n<p>Wie lange mag dieser Friede so dauern? Er ist verd\u00e4chtig. Neben mir die Leute in den L\u00f6chern beginnen langsam sich etwas zu unterhalten. &#8222;Oh, Herrmann (so hei\u00dft mein bester Krankentr\u00e4ger, den ich meist bei mir habe), ich hab so`n furchtbaren Durst. Hast du nicht noch einen Schluck Wasser?&#8220; &#8211; und der biedere Herrmann M\u00fcller aus Ostpreu\u00dfen gibt dem Klagenden noch seinen letzten Rest aus der Flasche. &#8211; Da kommt von links her noch einer gekrochen: &#8222;Herrmann, bitte gib mir doch eene Zigarre f\u00fcr 3 Zigaretten, oh ich habe so`n Kohldampf!&#8220; &#8211; Auch er erh\u00e4lt das Gew\u00fcnschte. Der besagte Herrmann ist fast seit ihrem Bestehen bei der Truppe als Krankentr\u00e4ger und genie\u00dft bei ihr das gr\u00f6\u00dfte Ansehen. Oftmals hat er auf seinen breiten ostpreu\u00dfischen Schultern noch einen Verwundeten aus der ersten Linie, den im Angesicht des nachdr\u00e4ngenden Feindes keiner mehr holen wollte, zur\u00fcckgetragen. Er ist etwas schwerh\u00f6rig und tr\u00e4gt auf seinen Gesichtsz\u00fcgen jenes unbestimmte, etwas unsichere L\u00e4cheln, das Leute seines Leidens oft kennzeichnet. Seine Ohrmuscheln haben dabei f\u00f6rmlich einen fragenden Ausdruck. &#8211;<\/p>\n<p>Dort sitzt einer im fahlen Mondlicht halb aufgerichtet in seinem Erdloch und hat vor sich, still und zufrieden, fast selig dreinblickend, ein feldbraunes, kaum noch als solches erkennbares Hemd. Er ist &#8222;Naturforscher&#8220; und ist mit den Lieblingspl\u00e4tzen jener kleinen Tierchen, welche durchaus nicht schlafen wollen, wenn er schlafen will, wohl vertraut. Tags \u00fcber hat er mit seinen gro\u00dfen Feinden zu tun gehabt, jetzt mu\u00df er die kleinen mit dem Fingernagel kunstgerecht erlegen und sich immer noch plagen<\/p>\n<p>Indes wird unsere Artillerie aller Kaliber wieder lebhaft, um etwaige Bereitstellungen des Feindes im Braquemont-Walde, dem Walde uns gegen\u00fcber, zu fassen und zu zerstreuen. Denn er wird sicher etwas vorhaben.<\/p>\n<p>Doch er nimmt wohl auch dasselbe von uns an, umsomehr, als unsere Artillerie immer kr\u00e4ftiger dreinhaut. &#8211;<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich gehen beim Feinde gr\u00fcne Leuchtkugeln mit Ver\u00e4stelung zum Himmel empor, das Zeichen wird nach hinten zur Artillerie weitergegeben &#8211; und schon ist es da &#8211; das Gef\u00fcrchtete &#8211; das Sperrfeuer des Feindes! Im dichten &#8222;Vorhang&#8220; senkt es sich nieder und haut hinein in unsere Reihen. Wie die Kaninchen liegen wir geduckt in den L\u00f6chern, umnebelt von Qualm, bespritzt von Dreck, die schauerliche Grabesmusik der gro\u00dfen und kleinen Splitter in den Ohren. Ein Splitter f\u00e4llt auf meinen rechten Stiefel, kam von weit her und ist ohne Kraft. Schon schreien wieder Verwundete, jetzt, wo es unm\u00f6glich ist, sich auch nur etwas aus dem Graben zu erheben. Hier und da ruft es: &#8222;Herrmann&#8220;, &#8222;Herrmann!&#8220; Keiner darf jetzt auf das Geschrei etwas geben, es w\u00e4re Wahnsinn. &#8211; Da erhebt es sich riesengro\u00df im Loch neben mir und heraus taucht, den Stahlhelm tief in die Stirn gedr\u00fcckt, einen Beutel mit Verbandstoffen an der Seite, der brave Herrmann M\u00fcller und st\u00fcrzt sich hinein in das tosende Meer! Ich will ihm, dem Schwerh\u00f6rigen noch zurufen: &#8220; Mann bist du wahnsinnig? &#8211; So warte doch ab!&#8220; &#8211; doch schon ist er fort. Er h\u00f6rt nichts mehr. &#8211;<\/p>\n<p>Und als das Sperrfeuer abflaut, da wird es gewiss, was wir alle ahnten, und ein Mann rufts dem anderen zu: &#8222;Herrmann ist getroffen!&#8220; &#8211;<\/p>\n<p>Ich finde ihn neben einem gro\u00dfen Trichter liegen mit einem gro\u00dfen Loch im R\u00fccken und mit Splittern in beiden Beinen. Ich kann nicht umhin, ich streichle ihm seine wetterharten Wangen und seine Stirn, wie eine Mutter ihr Kind. Ich gebe ihm Morphium, das seine zitternden Lippen gierig erhaschen. Kein Klagelaut dringt \u00fcber seine Lippen. Schweigend ertr\u00e4gt er die Schmerzen, die ihm die Granate schlug, ihm, der selbst so vielen Helfer war. &#8211;<\/p>\n<p>Wieviel stilles, deutsches Heldentum liegt in Frankreichs Erde ungek\u00fcndet begraben! &#8211;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus einem Feldpostbrief von Stabsarzt Dr. Zechlin Unser Heeresbericht meldete k\u00fcrzlich: &#8222;Nordwestlich von Roye schlug eine seit dem 9. August an Brennpunkten des Kampfes fechtende aus Garde- und nieders\u00e4chsischen Reserve-Regimentern bestehende Division erneute starke Angriffe des Feinde ab. Im eigenen Vorsto\u00df in die feindlichen Linien machte sie Gefangene.&#8220; &#8211; Das ist meine 79. Res.-Division! 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