{"id":46679,"date":"2023-04-16T18:00:44","date_gmt":"2023-04-16T16:00:44","guid":{"rendered":"https:\/\/geschichte-hautnah.de\/www\/?p=46679"},"modified":"2023-04-16T17:32:17","modified_gmt":"2023-04-16T15:32:17","slug":"sonderbeitrag-die-suchanzeige-der-mutter-von-heino-schwoon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/geschichte-hautnah.de\/www\/?p=46679","title":{"rendered":"SONDERBEITRAG: Die Suchanzeige der Mutter von Heino Schwoon"},"content":{"rendered":"<p>Beim Ankauf eines Konvoluts norddeutscher Todesanzeigen des Ersten Weltkriegs erwarb ich auch die nachfolgend abgebildete und recherchierte Anzeige der Mutter des Leutnants und Kompanief\u00fchrers Heino Schwoon (laut Regimentsgeschichte war er Zugf\u00fchrer in der 4. Kompanie).<\/p>\n<p>Der Soldat Heino (Heinrich) Schwoon wurde am 04.10.1887 in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Oldenburg_(Oldb)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Oldenburg<\/a> im heutigen Bundesland Niedersachsen geboren. Im Ersten Weltkrieg k\u00e4mpfte er als Leutnant und Kompanief\u00fchrer der 8. Kompanie des 84. Reserve-Infanterie-Regiment. Am 04.08.1916 fiel er, galt jedoch bis Mitte 1917 als vermisst. Er wurde w\u00e4hrend der Schlacht an der Somme bei den Ortschaften Martinpuich-Pozi\u00e8res get\u00f6tet.<\/p>\n<p>\u00dcber den Todestag und die Todesumst\u00e4nde von Heino Schwoon berichtet die Regimentsgeschichte des 84. Reserve-Infanterie-Regiments:<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Die 11. Kompanie brachte den Kompanien des II. Bataillons Essen und Munition in dieser Nacht nach vorn.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Nacht vom 03. zum 04.08.1916 ging zu Ende. Wohl manch einer vom II. Bataillon mag dem kommenden Tag mit Unbehagen entgegengesehen haben. Kommt Tommy endlich heute? Hoffentlich. Denn noch einmal den ganzen Tag wehrlos bei dem hei\u00dfen Wetter liegen, das ist ja nicht mehr zu ertragen. Das strahlende Morgenrot sollte manchem Kameraden zum letzten Mal leuchten:<\/em><\/p>\n<p><em>Morgenrot, Morgenrot,<\/em><\/p>\n<p><em>leuchtest mir zum fr\u00fchen Tod!<\/em><\/p>\n<p><em>Schon fing der Eisenhammer wieder an loszuschlagen. Granaten, Schrapnells, Minen, Gewehrgranaten schlugen in k\u00fcrzester Zeit wieder in Tr\u00fcmmer, was eifrige H\u00e4nde im Dunkel der Nacht gearbeitet hatten. Gegen Mittag war die ganze Stellung des Regiments ein w\u00fcstes Trichterfeld &#8211; Verbindung innerhalb der Kompanie, Z\u00fcge, ja, teilweise zwischen den Gruppen, war nicht vorhanden. Jedweder Verkehr nach hinten und von den St\u00e4ben nach vorn war unm\u00f6glich.<\/em><\/p>\n<p><em>Das Regiment hatte inzwischen die Abl\u00f6sung des II. Bataillons durch das III. Bataillon befohlen.<\/em><\/p>\n<p><em>Gleichzeitig sollte am Abend das I. Bataillon wieder nach vorn r\u00fccken: 1. Kompanie in der Belowstellung, 2. Kompanie in der Riegelstellung, 3. und 4. Kompanie in der Zwischenstellung.<\/em><\/p>\n<p><em>Auch diese beiden Bataillone dachten mit Schrecken an die kommenden Tage, gingen doch manche ihrer Leute &#8211; es waren allerdings nicht mehr viele &#8211; zum dritten Mal in jene H\u00f6lle! Aber was hilft das alles: Befehl ist Befehl. Und dass trotz allem die Stimmung, wenn auch ernst, so doch ungebrochen war, wird am besten durch das tapfere Verhalten des Unteroffizier Mattfeld und Musketier Hubert und Suhr von der 11. Kompanie bewiesen. Als diese mittags h\u00f6rten, dass ihre Kompanie am Abend die 8. Kompanie vorn abl\u00f6sen sollte, da erboten sich diese drei unerschrockenen M\u00e4nner freiwillig, gleich in den ersten Nachmittagsstunden nach vorn zur 8. Kompanie zu gehen, um deren Stellung zu \u00fcbernehmen. Und was unm\u00f6glich schien, sie brachten es fertig, gelangten heil nach vorn. Nachdem sie sich vorn die L\u00f6cher, die den Graben darstellten, angesehen hatten, hasteten und jagten sie wieder durch das Artilleriefeuer zur\u00fcck zu ihrer Kompanie, wo sie zur Freude ihrer Kameraden, wenn auch ersch\u00f6pft, so doch heil und unversehrt wieder anlangten.<\/em><\/p>\n<p><em>Als sich der Abend \u00fcber diesen 04.08. herniedergesenkt hatte, traten die Kompanien des III. Bataillons zur Abl\u00f6sung an. Wegen des immer noch starken Artilleriefeuers marschierten die einzelnen Z\u00fcge mit 100 Schritt Abstand nach vorn.<\/em><\/p>\n<p><em>Vorn beim II. Bataillon aber atmeten die Leute auf: &#8222;Abl\u00f6sung!&#8220; Wei\u00dft du noch, Kamerad, was uns dies Wort bedeutete, wenn wir Gro\u00dfkampftag hinter uns hatten? Nun blo\u00df noch Stunden, dann noch einmal durchs Feuer durch. Und dann, wenn wir dann in den grauenden Morgen hineinmarschierten, der Sonne entgegen, waren wir da nicht andere Menschen geworden? Herrgott! Wir waren nicht feige, wir waren niemals mutlos! Aber wenn wir so tagelang dort vorn gelegen hatten, ausgehungert, halb verdurstet, wenn wir das Wimmern und St\u00f6hnen unserer verwundeten Kameraden den ganzen Tag \u00fcber mit anh\u00f6ren mussten, wenn wir den gefallenen Freund, mit dem wir noch vor wenigen Minuten sprachen, \u00fcber den Rand unseres Granatlochs behutsam hin\u00fcberschoben, weil wir es einfach nicht \u00fcber uns bringen konnten, dauernd in sein gebrochenes Auge zu sehen, wenn uns dann manchmal &#8211; sprechen wir ruhig im Frontdeutsch &#8211; die Scheo\u00dfe bis oben ran stand &#8211; nun, wir waren eben auch nur Menschen!<\/em><\/p>\n<p><em>So mochten wohl auch vorn die Leute vom II. Bataillon denken, als die Dunkelheit hereingebrochen war. Gott, an die Schie\u00dferei hatte man sich langsam ja gew\u00f6hnt. La\u00df Tommy ruhig auch mit Minen schie\u00dfen, wie er es macht. Hat er die letzten drei Tage nicht angegriffen, dann kann er auch noch warten bis morgen. Warum sollen es schlie\u00dflich die anderen besser haben als wir. &#8222;Marsch! Es ist schon \u00bd 11 Uhr! Die k\u00f6nnen nun auch bald kommen, uns abzul\u00f6sen!&#8220; &#8211; &#8222;Junge, Junge, wenn ich erst heute Nacht hinten bin, aber dann &#8211; schlafen, schlafen und nochmals schlafen!&#8220;<\/em><\/p>\n<p><em>Manch einer der Kameraden vom II. Bataillon sollte nicht zu warten brauchen, bis er hinten war, um schlafen zu k\u00f6nnen. Er sollte nur zu bald zum Schlaf sich hinlegen, allerdings f\u00fcr immer!<\/em><\/p>\n<p><em>Kurz nach 10.30 Uhr abends stie\u00df der Engl\u00e4nder gegen die Front des II. Bataillons in 8 Sturmwellen vor. Die Reste der 5., 6. und 7. Kompanie, von denen \u00fcber die H\u00e4lfte tot, verwundet oder versch\u00fcttet ist, setzen sich tapfer zur Wehr. Infanterie- und Maschinengewehrfeuer m\u00e4ht in die dichten Reihen der Angreifer. Kein Befehl ist n\u00f6tig, kann auch nicht durchgegeben werden, hier 2 Mann, dort 3, hier 5, dort einer allein &#8211; sie sind alle deutsche Soldaten, die beim Angriff des Feindes allein wissen, was sie zu tun haben: schie\u00dfen, schie\u00dfen und nochmals schie\u00dfen. Da braust ein Hurra durch das Tosen der Schlacht: der Angriff stockt, zuviel sind beim Engl\u00e4nder gefallen, er weicht.<\/em><\/p>\n<p><em>Kennst du noch das Gef\u00fchl, Kamerad, das uns beseelte, wenn der Feind zur\u00fcckwich, jenes Gef\u00fchl des Stolzes, des Sieges, der \u00dcberlegenheit \u00fcber den Feind, jenes Gef\u00fchl, das schier die Brust vor Freude sprengen wollte?! Lass ihn noch einmal kommen, den Feind! Dann soll er uns abermals kennen lernen!<\/em><\/p>\n<p><em>Keine Viertelstunde war vergangen, als der Engl\u00e4nder zum zweiten Angriff vorbrach. Inzwischen war im Abschnitt der 5. Kompanie &#8211; ein leuchtendes Zeichen bester, treuester Frontkameradschaft . die zu ihrer Abl\u00f6sung bestimmte 12. Kompanie eingetroffen.<\/em><\/p>\n<p><em>Gemeinsam nahmen die Kompanien wieder die Abwehr auf. Die in Sappe 3 am linken Fl\u00fcgel &#8211; wo am 29.07. Hauptmann Schlettwein fiel &#8211; eingedrungenen Engl\u00e4nder wurden im kurz darauf einsetzenden Gegensto\u00df wieder hinausgeworfen. Kann sich die 5. Kompanie des Feindes erwehren, so gelingt es diesem, trotz aller Anstrengungen der 6. und 7. Kompanie in deren Graben einzudringen.<\/em><\/p>\n<p><em>Der Kampf verebbt. So schnell wie m\u00f6glich eilen die anderen Kompanien des III. Bataillons nach vorn, um ihren Kameraden vorn zu helfen in ihrer Bedr\u00e4ngnis. Sie gehen querbeet durch das Gel\u00e4nde in Richtung auf die ungef\u00e4hre Lage der Stellung der abzul\u00f6senden Kompanien los, um ja keine Zeit zu vers\u00e4umen.<\/em><\/p>\n<p><em>Die 9. Kompanie, die sich an der gro\u00dfen Stra\u00dfe entlangtastet, erkennt schon rechts die Baumst\u00fcmpfe des Weges Courcelette-Pozieres. Jetzt muss sie ja dicht am Graben der 8. Kompanie sein. Eben hat sie den Pozieres-Riegel \u00fcberschritten, da schl\u00e4gt ihr auf einmal ein verheerendes Gewehr- und Maschinengewehr-Feuer entgegen aus der Stellung der 8. Kompanie. Kein Zweifel! Die Stellung der 8. Kompanie ist vom Feind besetzt. &#8222;Stellung!&#8220; schreit Oberleutnant Engel seiner Kompanie zu. Die bringen sofort ihre Gewehre vor, legen Handgranaten bereit. Und es war h\u00f6chste Zeit. Denn schon dr\u00e4ngt Tommy wieder beiderseits der Stra\u00dfe vor, um seinen Erfolg zu erweitern und wom\u00f6glich durchzubrechen. An der heldenmutigen 9. Kompanie aber zerschellt sein Angriff!<\/em><\/p>\n<p><em>In der Mitte des Regimentsabschnittes liegt die 6. Kompanie. Sie soll durch die 10. Kompanie abgel\u00f6st werden. Auch diese Kompanie hastet querbeet nach vorn. Mit keuchendem Atem kommt die Kompanie vorn an. Tak &#8211; tak &#8211; tak &#8211; tak &#8211; tak &#8212;-jagt Maschinengewehr-Feuer, krachen Handgranaten ihr entgegen. Auch hier sitzt Tommy in der deutschen Stellung. &#8222;Drauf!&#8220; schreit Leutnant Lassen, der Kompanief\u00fchrer, und st\u00fcrmt seinen ihm ohne Bedenken folgenden Leuten voran. Vergeblich. Die susgepumpten Leute kommen nicht so schnell im Trichtergel\u00e4nde vorw\u00e4rts. Inzwischen aber speien die englischen Maschinengewehre und Handgranaten Tod und Verderben zwischen die Reihen der st\u00fcrmenden 10. Kompanie und halten grausige Ernte. Leutnant Lassen f\u00e4llt, mit ihm viele brave Musketiere. Von der Kompanie selbst bleiben nur noch Tr\u00fcmmer \u00fcbrig..&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Die Lage des Grabes von Heino Schwoon ist unbekannt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_46678\" aria-describedby=\"caption-attachment-46678\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-46678\" src=\"https:\/\/geschichte-hautnah.de\/www\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Heino-Schwoon.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"314\" srcset=\"https:\/\/geschichte-hautnah.de\/www\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Heino-Schwoon.jpg 800w, https:\/\/geschichte-hautnah.de\/www\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Heino-Schwoon-300x118.jpg 300w, https:\/\/geschichte-hautnah.de\/www\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Heino-Schwoon-768x301.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-46678\" class=\"wp-caption-text\">Suchanzeige der Mutter von Heino Schwoon<\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim Ankauf eines Konvoluts norddeutscher Todesanzeigen des Ersten Weltkriegs erwarb ich auch die nachfolgend abgebildete und recherchierte Anzeige der Mutter des Leutnants und Kompanief\u00fchrers Heino Schwoon (laut Regimentsgeschichte war er Zugf\u00fchrer in der 4. 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