Die Männer des Zweiten Weltkrieges – Teil 2.840: Abbé Jean Brachmond

Der Pater Jean Brachmond wurde am 08.03.1892 in Rueder geboren, einem Ortsteil der luxemburgischen Gemeinde Clerf. Er wurde am 14.07.1918 zum Priester geweiht. Von 1918 bis 1919 war er Koadjutor in Iechternach, dann in Dikrech. Es schlossen sich Stationen als Kaplan in Déifferdeng, Pfarrer in Zowaasch, Kaplan in Stadgronn  (1926 – 1929), Pastor in Knapphouschent  (1929 – 1935), Pastor in Méischdref (Gemeng Mompech) ab dem 26.08.1935.

Am 25. November 1940 wurde er von den Nazis wegen seiner patriotischen Haltung verhaftet und kam schließlich in das Konzentrationslager Sachsenhausen und das KZ Dachau, wo er im Alter von nur 50 Jahren starb.

Über sein Leben und Sterben berichtet eine Broschüre/Buch über die Luxemburgische Kirche im Zweiten Weltkrieg:

„Jean Brachmond stammte aus Roder (Marnach), wurde 1918 zum Priester geweiht und war seit 1935 zum Pfarrer von Moersdorf an der Untersauer bestellt. Nic. Heinen nennt ihn einen Liebhaber der summenden, regsamen Bienen, einen beweglichen Geist, wie wenige, fröhlich und kühn.

Jules Jost schrieb von ihm im Sonntagsblatt:

„Als das Land überfallen wurde, stieg Pfarrer Brochmond ins Gestühl des Kirchturms und schwor, nachdem er die Stränge durchgeschnitten hatte, nun würden die Glocken schweigen, bis sie den Sieg Englands einläuten könnten.

Tempus loquendi? Er konnte nicht schweigen. Ob ihm sein Freund, der amerikanische Geschäftsträger Platt Waller, einen wirklichen Freundschaftsdienst erwies, als er im Herbst 1940 nach Moersdorf zur Kirmesfeier kam, wo Brachmond noch einmal alle nationalen Register seines rednerischen Könnens zog? Doch der Pfarrer stand bereits im schwarzen Buch der erst seit wenigen Monaten anwesesenden Gestapoleuten.

Als der erste im Dorf der VdB beigetreten war, hatte er öffentliche Gebete für die Heimkehr des verlorenen Sohnes verkündet, und als bald darauf sein Gebet erhört wurde, verkündete er ein Rosenkranzgebet in der Kirche, als öffentliche Danksagung. Solche Mätzchen konnte der Gestapo auf Dauer nicht verborgen bleiben, und so schritt sie am 25.011. zur Verhaftung den unbequemen Herrn von Moersdorf. Aus dem Gefängnis von Stadtgrund wurde er immer wieder in die Villa Pauly zum Verhör geholt. Der tollkühne Pfarrer glaubte sich stark genug, die Machthaber des Dritten Reiches direkt anzugreifen. Das Katz-und-Maus-Spiel dauerte bis zum 20.12. Dann kam Pfarrer Brachmond über Trier nach Berlin ins Gefängnis am Alexanderplatz. Von dort führte sein Weg ins Honzentrationslager Sachsenhausen-Oranienburg. Edy Moli schreibt von ihm: „Brachmonds schier unbesiegbare Dynamik wurzelte in einer ungewöhnlichen Körperkraft und einem an Übermut grenzenden Temperament, ließ ihn im Lager wohltuend unter den Häftlingen auffallen. Im Gegensatz zu Redakteur B. Esch hatte er die Belastungen des konzentrationären Lebens damals noch spielend ertrage. Übersprudelnder Optimismus hatte Trost und Freude in die allgemeine Trostlosigkeit gebracht. Dann führte sein Weg weiter nach Dachau.“

Jules Jost erzählt, wie Brachmond auch noch in Dachau nicht schweigen konnte: Er gehörte zu den ganz wenigen, die es wagten, SS-Leuten Aug in Auge zu widerstehen. Der spätere Weihbischof Neuhäusler von München wusste davin eine Episode zu erzählen:

„Eines Tages hatte ein SS-Sturmscharführer vor Hunderten von Geistlichen des Pfarrerblocks in obszöner Weise gegen Gott, Christus und seine Kirche gewettert. Als er schließlich pausierte, erdröhnte aus den Reihen der Kleriker die klare und deutliche Stimme des Luxemburger Pfarrers Johann Brachmond: und die Pforte der Hölle werden sie doch nicht überwältigen! Schrecken erfasste die anderen Geistlichen. Sie bangten um das Leben dieses mutigen Bekenners und fürchteten das Schlimmste für sich selber. Doch der SS-Mann war so betroffen…und feige, dass er sich wortlos umdrehte und wegging.“

Brachmonds schalkhaftes Temperament, das ihn nie verließ, sicherte ihm viel Freunde in den verschiedenen Arbeitskommandos, denen er zugeteilt wurde.

Zusammen mit Batty Esch arbeitete er auf dem Trockenspeicher der Plantage, wo sie eines Tages Suppenpulver klauten, das sich nicht bloß im Nachhinein als ungenießbar erwies, aber für beide noch furchtbare Folgen haben sollte, die letzten Endes den Verzehr ihrer Kräfte beschleunigen sollten. Jean Bernard erzählt:

„Ich habe gestohlen“, sagte Batty Esch mit verschmitztem Lächeln, wie wir uns eines Mittags mit der gefüllten Suppenschüssel in unsere Ecke des Schlafraumes verkriechen.

„Das ist Suppenpulver. Es ist ein Gemisch von verschiedenen Gemüsen, getrocknet und fein gemahlen. Auf dem Trockenspeicher steht ein ganzer Sack voll. Ich wette, das lässt sich gut in der Suppe verwenden. Der Bischof nahm auch davon.“

Wenn das letztere zum Zwecke hatte, moralische Bedenken bei mir zu verscheuchen, so war es überflüssig. Wir taten jeder eine gute Handvoll in die Möhrensuppe.

Doch, was geschah? Das Ding tat sich auf wie Küchenteich, die ganze Suppe wurde völlig steif und bekam einen derart scharfen Geschmack, dass wir schon nach dem ersten Löffel hinausstürzten, um am Wasserhahn den brennenden Mund zu kühlen.

Die Suppe war ungenießbar.

Das Schlimmste sollte noch kommen.

Wie wir am folgenden Tag zu Mittag einrückten, war ziemliche Aufregung vor dem Gewächshaus der Plantage.

Zwei Jammergestalten knieten dort auf dem Pflaster, mit dem Gesicht zur Mauer gedreht. Als wir abmarschierten, blieben sie zurück, von einem Posten bewacht. Es regnete und war windig kalt.

„Es sind zwei Pfarrer, die gestohlen haben“, sagt triumphierend ein Kapo. „Wenn die bis heute abend nicht verreckt sind, kriegen sie 25 auf den Bloßen. Ja, so sind sie alle!“

Eine schreckliche Ahnung stieg in mir auf, die leider bald zur Gewissheit wurde.

Batty Esch und Brachmond fehlten beim Mittagessen…

Wie wir am Nachmittag wieder am Gewächshaus vorbeimarschierten, knieten die Unglücklichen noch immer da, aber völlig nackt und vom Stockwerk herunter gossen SS-Lümmel eimerweise Wasser über sie aus.

Bei der Arbeit wußte jemand den Sachverhalt zu berichten.

Das Kommando war unerwartet gefilzt worden und die Taschenkontrolle fand bei Brachmond grüne Spuren vom Diebstahl am vorigen Morgen vor.

Zum Abendappell erst durften Esch und Brachmond, mehr tot als lebendig, ins Lager zurück.“

A. Turpel erzählt weiter:

„Es gibt Meldung, sagte Esch, und wir fliegen beide aus dem Trockenkommando. Aber das Schlimmste ist, dass wir Schmitz hereingelegt haben. Ich muss gleich morgen zu ihm.

Tatsächlich hatte der Wiener Oberbürgermeister seinen ganzen Einfluss eingesetzt, um zwei Pfarrer ein so feines Kommando zu verschaffen. Und nun hatten beide gestohlen!

Noch ein anderer Gedanke war Batty Esch unerträglich. Meine arme Mutter, sagte er wohl zwanzigmal an jenem Abend, im Trockenkommando hätte ich vielleicht durchgehalten. Nun aber ist es aus. Und ich bin selber schuld daran. Es geschieht mir recht. Aber meine arme Mutter…Es ist auch in unserm Kommando nicht so schlimm, tröstete ich. Und man findet dann und wann etwas zu essen. Wenn alles mal wächst, die Möhren und die Rüben….Gestern schenkte mir aus dem Treibhauskommando einen jungen Rotkohlkopf…

Aber während ich sprach, wurde mir plötzlich vor Schwäche übel, und ich ließ mich rasch auf den Strohsack gleiten.

Wir gehen bald zusammen, sagte er, als er sich zu mir legte.

Ja, sagte ich, und dann schliefen wir ein.

Anderentags wurden die beiden Diebe unserm Kommando zugeteilt, und zwar mit der Weisung, dass sie in Strafe seien.

Die eigentliche Meldung aber und die damit unfehlbar verbundene Strafe von 25 mit dem Ochsenziemer oder die zwei Stunden Baum blieben aus.

Das kam so.

Brachmond hatte sich kurz vorher beim Hauptsturmführer und Verwalter der Plantage als Imker gemeldet. Bienenzucht war das Steckenpferd des Verwalters, und er besaß im Bering der Plantage ein herrliches Bienenhaus. Nun wurde Brachmond dem Gestrengen vorgeführt, um eine Prüfung zu bestehen und gegebenenfalls dem Bienenkommando zugeteilt zu werden.

Der Verwalter erkannte Brachmond sofort als den vor wenigen Tagen ertappten Dieb.

Nun wurde der Unglückliche erst einmal ordentlich verhauen: wie er sich unterstehen könne…usw..

Dann entspann sich ein psychologisch-diplomatischer Zweikampf: Der Hauptsturmführer brüllte nur von Diebstahl und Pfarrergesindel: Brachmond sprach nur von Honig und süßen Dingen.

Und er siegte.

Zwar erhielt er das Bienenkommando nicht, noch wurden die beiden in den Trockenspeicher zurückbestellt, an der Meldung aber kamen sie vorbei.“

Nun waren Brachmond und Esch also auch in der Plantage. Im Moorwasser stehend mussten die Häftlinge Gräben ausheben, Torf ausstechen, Wälle aufwerfen und Lehmerde zur Bodenverbesserung herbeischleppen. Pfarrer wurden als Pflug und Egge gespannt, um den Boden zu beackern. Auf den riesigen Feldern hockten Hunderte von Geistlichen in langen Reihen auf den Knien, stundenlang, um Setzlinge in die Erde zu stecken. Die Köpfe mussten ständig gesenkt bleiben. Richtete ein Häftling sich auf, so erhielt er vom SS-Aufseher unbarmherzig den strafenden Schuss in den Rücken.

Mit dem verhängnisvollen Einsatz in der Plantage ging es auf einmal mit den Kräften der Priesterhäftlinge rasch bergab. Bereits im Frühjahr 1942 hatten Brachmonds Kräfte schnell abgenommen. Er, der starke Mann, wurde eines der ersten Opfer der Plantage. Anfang Juli war er total erschöpft. So wurde er in den Block 7 des Reviers verlegt, wo ebenfalls Bernard und Wampach todkrank lagen. Jean Bernard berichtet: Brachmonds Körper war mit Phlegmonen übersät. Wenn er vom Verbinden kam, war er vom Kopf bis zu den Füßen in Papier gehüllt, so dass er einer Mumie glich.

Der Oberpfleger, auch ein Häftling, nannte ihn nicht anders wie das Schreckgespenst. Ich hatte in meiner Umgebung geflissentlich von Brachmonds Resistenz-Husarenstück erzählt und ein Echo davon war bis zum Oberpfleger gedrungen. Das brachte Brachmond eine gewisse Sympathie beim ganzen Revierpersonal ein, und man ließ ihn gerne von der Heimat erzählen.

Die Phlegmonen an Kopf und Hals verursachten dem Schreckgespenst empfindliche Kopfschmerzen. Dann sah er nichts und hörte nichts, zog eine Rolle Abortpapier hervor und zeichnete stundenlang immer neue Modelle von Bienenkästen.

Eines Tages wurde ich erwischt, wie ich mit Brachmonds Decke in den Abortraum schlich, um sie heimlich auszuwaschen.

Wo ist der Saufing? Raus mit ihm, nach Stube 4.

Während die Anstalten für den Transport des Freundes getroffen wurden, wankte ich zurück zu seinem Lager, ihm ein Wort des Trostes zu sagen. Dabei glaubte ich jeden Augenblick zusammenzubrechen.

Dort erwartete mich das Schwerste, was ich in Dachau erlebte: der Freund war von Sinnen. Er redete wirres Zeug. Trotzdem erkannte er mich und fing plötzlich an, mir bittereste Vorwürfe zu machen. Weshalb, verstand ich nicht mehr.

Denn auf einmal wurde mir schwarz vor Augen. Ich sagte etwas und hörte, dass ich nicht das sagte, was ich sagen wollte.

Mit Mühe schlich ich zu meinem Lager zurück, glitt unter die Decke, hörte noch, wie Brachmond an mir hinausgetragen wurde, und befand mich plötzlich in einer anderen Welt.

Plötzlich wurde dicht neben meinem Kopf ans halboffene Fenster geklopft. Dann hörte ich die Stimme von Batty Esch: Brachmond ist tot…jetzt eben…in meinen Armen…Anderentags war Brachmonds Leiche noch nicht weg, lag aber ganz zuunterst auf dem Leichenhaufen, sodass wir nichts von ihm sehen konnten. Die Toten wurden im Waschraum nackt ausgezogen und vor der Baracke wie Holzscheite aufgeschichtet, bis das Kommando Krematorium sie mit dem Wagen abholen kam.“

Der kühne Pfarrer Brachmond von Moersdorf war 50 Jahre alt. Die Urne mit seinen Überresten wurde am 07.09.1942 in aller Stille auf dem Kirchhof von Roder beigesetzt.“

Sterbebild von Jean Brachmond
Rückseite des Sterbebildes von Jean Brachmond