Sonderbeitrag: Fritz Schiele

Der Soldat Fritz Schiele stammte aus Hirzenhain, Kr. Büdingen, Oberhessen. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er als Leutnant und Kompanieführer 4. Kompanie des 48. Landwehr-Infanterie-Regiments. Am 06.10.1914 fiel er während der Schlacht bei Schirwindt in Schirwindt (seit 1945 russisch: Kutusowo).

Über die Todesumstände und den Todestag von Fritz Schiele berichtet die Regimentsgeschichte des 48. Landwehr-Infanterie-Regiments:

„Am 6. Oktober früh 5 Uhr versammelte sich die Brigade zum Gefecht auf einem weiten Brachfeld am Ostausgange von Willuhnen. Ueber den Stoppeln lag dichter feuchter Nebel aber bald kämpfte sich die steigende Sonne siegreich durch und ließ die roten Beeren und das herbstliche Laub der die Chaussee säumenden Ebereschen in flammenden Farben aufleuchten.

Um 6 Uhr trat die Vorhut an — II./48 und die Artillerie, die 6. Kompagnie an der Spitze — im Groß marschierte das I. Bataillon, ihm folgte mit 11 Kompagnien das Landwehr-Infanterie-Regiment 24, eine Kompagnie war dem Kommandanten von Tilsit zurückgelassen worden. Um 9 Uhr war Gobverischten erreicht und die Vorhut entwickelte sich rechts der Chaussee zum Angriff auf Schirwindt. Bald schlug ihr feindliches Feuer entgegen. Der
Spitzengang der 6. Kompagnie kam, vom Gelände begünstigt, bis auf 600 m an die russische Stellung heran, ehe ihr die feindlichen Schützen durch wirksames Feuer zwangen, einzugraben und das Gefecht aufzunehmen. Die noch weiter rechts vorgehende 5. Kompagnie näherte sich gleichfalls ohne wesentliche Verluste auf wirksame Schußweite den Gräben des linken Flügels der Sibitrier, über die beiden hart rechts der Chaussee ausgeschwärmten Züge der 6. Kompagnie entlud sich dagegen die ganze Wut des Feindes. Sie kamen in ein rasendes Maschinengewehrfeuer und mußten hinter einer Reihe hölzerner Scheunen Deckung suchen; aber die Deckung war trügerisch. Die Geschosse durchschlugen klappend die Ballenwände der leeren Gebäude und verbreiteten Tod und Verderben in den Reihen der Kämpfer. Feldwebel Gagelmann und Offizierstellvertreter Schäf fielen durch Kopfschuß, mit ihnen bluteten viele tapfere Leute. Inzwischen brachte Generalleutnant Clausius das I. Bataillon und mehrere Kompagnien des Landwehr-Infanterie-Regiments 24 links der Chaussee ins Gefecht; aber auch sie litten schwer unter dem mit verschwenderischem Munitionsumsatz genährten Feuer der Maschinengewehre. Unablässig durchkämmten die Feldbeherr Offiziere und die Scherenfernrohre der Artillerie-Beobachter das Feld, um den Stand der Gewehre zu entdecken; sie mußten sehr hoch eingebaut sein, denn sie überschossen alle niedrigen Deckungen. Die Gläser richteten sich auf die ragenden Türme der Kirche. Dort mußte man sie finden, daran war kein Zweifel mehr. Hinter den großen gotischen Spitzbogenaufsichten am Glockenstuhl des südlichen Turmes regte sich etwas. Die Artillerie schoß sich ein. Dann traf ein Schuß einen Fensterpfeiler, eine Wolke roten Ziegelstaubs stob auf, ein paar verlogene Schüsse, dann klaffte ein großes Loch im Mauerwerk und nach einem Schuß, dann repetierte ein Volltreffer im Glockenturm die Gewehre, die so unheilvoll unter den Kämpfern an der Chaussee gewirkt hatten, schwiegen. Wenige Minuten vorher hatte sich ein letztes Opfer gefordert. Major Dehlmann stürzte, beraubt von den schweren Verlusten seiner Kompagnien unbekümmert um das Pfeifen der Geschosse, an der Schützenlinie entlang, um die Mannschaften zu ermuntern. In einen schwarzen Delmantel gekleidet, war er mit seiner hohen kräftigen Gestalt weithin sichtbar. Von allen Seiten rief man ihm warnend zu, er verfolgte unbeirrt seinen Weg. Da faßte ihn die Geschoßgarbe eines Maschinengewehrs, wie vom Blitz gefällt stürzte er zur Erde. Sterbend wurde er von der Wahlstatt getragen, bevor er verschied ließ ihm der Brigade- kommandeur noch das eiserne Kreuz an die Brust heften.

Es war jetzt 2 Uhr nachmittags. Generalleutnant Clausius hielt die Zeit der Entscheidung für gekommen und gab der Artillerie Befehl den Sturm vorzubereiten. Bis dicht hinter die Schützenlinie jagte in gewohnter Schwung Hauptmann Fletcher mit seinen Batterien heran. Das Feuer richtete sich gegen die Stellungen rechts der Chaussee, aus denen der schärfste Widerstand gekommen war. Es lag vorzüglich; wie dunkle Mützen senkten sich die Wölkchen der berstenden Granaten über den gelben Sand der aufgeworfenen Grabenböschungen. Zwanzig Minuten feuerten die Kanoniere, was sie aus dem Rohr bekamen, dann traten mit aufgepflanztem Bajonett die Reserven an und rissen die Schützenlinien mit. Das Artilleriefeuer hatte mörderisch gewirkt, verstümmelte Russen lagen tot oder verwundet in allen Gräben. Die Überlebenden hoben, als wir auf 50 m heran waren, die Hände und ließen sich gefangen nehmen. Aber es gab unter den zähen Sibiriern auch Männer, die siegen oder sterben wollten. Als sich Major v. Treskow inmitten der Sturmkolonnen des I. Bataillons dem vordersten feindlichen Graben auf 30 Schritt genähert hatte, da legte ein Russe kaltblütig sein Gewehr auf ihn an, sein Schuß traf den Kommandeur am Oberschenkel, im nächsten Augenblick durchbohrten den kecken Schützen die Bajonette der sich auf ihn stürzenden Wehrmänner. Dann schritt der Sturm ohne Widerstand über die Stellungen hinweg. In den von Ruinen eingefassten Straßen des Städtchens, wo die deutsche Artillerie nicht so gründlich gewirkt hatte, entspann sich noch ein kurzer heftiger Nahkampf, bei dem die feldgrau gekleideten Offiziere von den feindlichen Gewehren besonders aufs Korn ge- nommen wurden. Leutnant Schiele fiel an der Spitze seiner Kompagnie. Oberleutnant Thomas, sein Adjutant des II. Bataillons und Leutnant Schwerin, der Führer der 8. Kompagnie wurden schwer verwundet. Gegen 4 Uhr war die gesamte Stellung des Feindes in der Hand der 9. Landwehrbrigade und der Russe auf der Flucht nach dem Walde östlich Wladyslawow. Die Brigade hatte eine überlegene feindliche Streitmacht in stark verschanzer Stellung aufs Haupt geschlagen. An der Kirche von Schirwindt sammelten sich die beim Sturm durcheinandergekommenen Verbände. Generalleutnant Clausius trat an die Kämpfer heran und begrüßte sie mit hallender Stimme: „Euch gehört die Ehre des Tages, Ihr seid Eurer Vorfahren wert, der Feind wird Euch niemals widerstehen“. Dann wandte er sich zu seinen Adjutanten: „Verpflegung aus der eisernen Portion“. Die blutigen Verluste des Feindes waren schwer, verwundete Gefangene wurden nur 200 eingebracht, das Gewirr der Brand- stellen in Schirwindt hatte das Entkommen der Fliehenden erleichtert. Auf dem Südturm der Kirche wurden die Maschinengewehre auf- gefunden, begraben unter den Leichen der von den Granaten er- schlagenen Bedienungsmannschaft. Aber auch die 9. Landwehrbrigade hatte heiß geblutet. Die Kompagnie hatte allein mehr als 60 Mann verloren. Anstelle des gefallenen Majors Dehlmann übernahm Hauptmann d. L. Friedel den Befehl über das II. Bataillon; für den ver- wundeten Major v. Treslow trat Hauptmann d. L. Ruste als Führer des I. Bataillons ein. Die Verbände wurden geordnet, dann brach der Abend herein. Landwehr-Infanterie-Regiment 24 erhielt Befehl Vorposten auf Wladyslawow vorzuschieben. Landwehr- Infanterie-Regiment 48 bezog Biwak zwischen Schirwindt und Gobenfichten; unweit dieses Orts, im Häuschen des Windmüllers auf der Chaussee, schlug der Brigadestab sein Quartier auf. Dunkel (schweigen) trat über die ruhende Truppe. Schienen kamen von dem heißen Kampftage aufgestört zur Ruhe und mancher, der manches Schläfers tauschte sie wieder um den Sammelruf eines mitten Kriegssturm ähnlich zischen und Sausen der Maschinengewehrschüsse vor.“

 

Die Lage des Grabes von Fritz Schiele konnte ich nicht ermitteln.

Die Todesanzeige für Fritz Schiele im Gießener Anzeiger