Sonderbeitrag: Fritz Schiele

Der Soldat Fritz Schiele stammte aus Hirzenhain, Kr. Büdingen, Oberhessen. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er als Leutnant und Kompanieführer 4. Kompanie des 48. Landwehr-Infanterie-Regiments. Am 06.10.1914 fiel er während der Schlacht bei Schirwindt in Schirwindt (seit 1945 russisch: Kutusowo).

Über die Todesumstände und den Todestag von Fritz Schiele berichtet die Regimentsgeschichte des 48. Landwehr-Infanterie-Regiments:

„Am 6. Oktober früh 5 Uhr versammelte sich die Brigade zum Gefecht auf einem weiten Brachfeld am Ostausgange von Willuhnen. Ueber den Stoppeln lag dichter feuchter Nebel aber bald kämpfte sich die steigende Sonne siegreich durch und ließ die roten Beeren und das herbstliche Laub der die Chaussee säumenden Ebereschen in flammenden Farben aufleuchten.

Um 6 Uhr trat die Vorhut an — II./48 und die Artillerie, die 6. Kompagnie an der Spitze — im Groß marschierte das I. Bataillon, ihm folgte mit 11 Kompagnien das Landwehr-Infanterie-Regiment 24, eine Kompagnie war dem Kommandanten von Tilsit zurückgelassen worden. Um 9 Uhr war Gobverischten erreicht und die Vorhut entwickelte sich rechts der Chaussee zum Angriff auf Schirwindt. Bald schlug ihr feindliches Feuer entgegen. Der
Spitzengang der 6. Kompagnie kam, vom Gelände begünstigt, bis auf 600 m an die russische Stellung heran, ehe ihr die feindlichen Schützen durch wirksames Feuer zwangen, einzugraben und das Gefecht aufzunehmen. Die noch weiter rechts vorgehende 5. Kompagnie näherte sich gleichfalls ohne wesentliche Verluste auf wirksame Schußweite den Gräben des linken Flügels der Sibitrier, über die beiden hart rechts der Chaussee ausgeschwärmten Züge der 6. Kompagnie entlud sich dagegen die ganze Wut des Feindes. Sie kamen in ein rasendes Maschinengewehrfeuer und mußten hinter einer Reihe hölzerner Scheunen Deckung suchen; aber die Deckung war trügerisch. Die Geschosse durchschlugen klappend die Ballenwände der leeren Gebäude und verbreiteten Tod und Verderben in den Reihen der Kämpfer. Feldwebel Gagelmann und Offizierstellvertreter Schäf fielen durch Kopfschuß, mit ihnen bluteten viele tapfere Leute. Inzwischen brachte Generalleutnant Clausius das I. Bataillon und mehrere Kompagnien des Landwehr-Infanterie-Regiments 24 links der Chaussee ins Gefecht; aber auch sie litten schwer unter dem mit verschwenderischem Munitionsumsatz genährten Feuer der Maschinengewehre. Unablässig durchkämmten die Feldbeherr Offiziere und die Scherenfernrohre der Artillerie-Beobachter das Feld, um den Stand der Gewehre zu entdecken; sie mußten sehr hoch eingebaut sein, denn sie überschossen alle niedrigen Deckungen. Die Gläser richteten sich auf die ragenden Türme der Kirche. Dort mußte man sie finden, daran war kein Zweifel mehr. Hinter den großen gotischen Spitzbogenaufsichten am Glockenstuhl des südlichen Turmes regte sich etwas. Die Artillerie schoß sich ein. Dann traf ein Schuß einen Fensterpfeiler, eine Wolke roten Ziegelstaubs stob auf, ein paar verlogene Schüsse, dann klaffte ein großes Loch im Mauerwerk und nach einem Schuß, dann repetierte ein Volltreffer im Glockenturm die Gewehre, die so unheilvoll unter den Kämpfern an der Chaussee gewirkt hatten, schwiegen. Wenige Minuten vorher hatte sich ein letztes Opfer gefordert. Major Dehlmann stürzte, beraubt von den schweren Verlusten seiner Kompagnien unbekümmert um das Pfeifen der Geschosse, an der Schützenlinie entlang, um die Mannschaften zu ermuntern. In einen schwarzen Delmantel gekleidet, war er mit seiner hohen kräftigen Gestalt weithin sichtbar. Von allen Seiten rief man ihm warnend zu, er verfolgte unbeirrt seinen Weg. Da faßte ihn die Geschoßgarbe eines Maschinengewehrs, wie vom Blitz gefällt stürzte er zur Erde. Sterbend wurde er von der Wahlstatt getragen, bevor er verschied ließ ihm der Brigade- kommandeur noch das eiserne Kreuz an die Brust heften.

Es war jetzt 2 Uhr nachmittags. Generalleutnant Clausius hielt die Zeit der Entscheidung für gekommen und gab der Artillerie Befehl den Sturm vorzubereiten. Bis dicht hinter die Schützenlinie jagte in gewohnter Schwung Hauptmann Fletcher mit seinen Batterien heran. Das Feuer richtete sich gegen die Stellungen rechts der Chaussee, aus denen der schärfste Widerstand gekommen war. Es lag vorzüglich; wie dunkle Mützen senkten sich die Wölkchen der berstenden Granaten über den gelben Sand der aufgeworfenen Grabenböschungen. Zwanzig Minuten feuerten die Kanoniere, was sie aus dem Rohr bekamen, dann traten mit aufgepflanztem Bajonett die Reserven an und rissen die Schützenlinien mit. Das Artilleriefeuer hatte mörderisch gewirkt, verstümmelte Russen lagen tot oder verwundet in allen Gräben. Die Überlebenden hoben, als wir auf 50 m heran waren, die Hände und ließen sich gefangen nehmen. Aber es gab unter den zähen Sibiriern auch Männer, die siegen oder sterben wollten. Als sich Major v. Treskow inmitten der Sturmkolonnen des I. Bataillons dem vordersten feindlichen Graben auf 30 Schritt genähert hatte, da legte ein Russe kaltblütig sein Gewehr auf ihn an, sein Schuß traf den Kommandeur am Oberschenkel, im nächsten Augenblick durchbohrten den kecken Schützen die Bajonette der sich auf ihn stürzenden Wehrmänner. Dann schritt der Sturm ohne Widerstand über die Stellungen hinweg. In den von Ruinen eingefassten Straßen des Städtchens, wo die deutsche Artillerie nicht so gründlich gewirkt hatte, entspann sich noch ein kurzer heftiger Nahkampf, bei dem die feldgrau gekleideten Offiziere von den feindlichen Gewehren besonders aufs Korn ge- nommen wurden. Leutnant Schiele fiel an der Spitze seiner Kompagnie. Oberleutnant Thomas, sein Adjutant des II. Bataillons und Leutnant Schwerin, der Führer der 8. Kompagnie wurden schwer verwundet. Gegen 4 Uhr war die gesamte Stellung des Feindes in der Hand der 9. Landwehrbrigade und der Russe auf der Flucht nach dem Walde östlich Wladyslawow. Die Brigade hatte eine überlegene feindliche Streitmacht in stark verschanzer Stellung aufs Haupt geschlagen. An der Kirche von Schirwindt sammelten sich die beim Sturm durcheinandergekommenen Verbände. Generalleutnant Clausius trat an die Kämpfer heran und begrüßte sie mit hallender Stimme: „Euch gehört die Ehre des Tages, Ihr seid Eurer Vorfahren wert, der Feind wird Euch niemals widerstehen“. Dann wandte er sich zu seinen Adjutanten: „Verpflegung aus der eisernen Portion“. Die blutigen Verluste des Feindes waren schwer, verwundete Gefangene wurden nur 200 eingebracht, das Gewirr der Brand- stellen in Schirwindt hatte das Entkommen der Fliehenden erleichtert. Auf dem Südturm der Kirche wurden die Maschinengewehre auf- gefunden, begraben unter den Leichen der von den Granaten er- schlagenen Bedienungsmannschaft. Aber auch die 9. Landwehrbrigade hatte heiß geblutet. Die Kompagnie hatte allein mehr als 60 Mann verloren. Anstelle des gefallenen Majors Dehlmann übernahm Hauptmann d. L. Friedel den Befehl über das II. Bataillon; für den ver- wundeten Major v. Treslow trat Hauptmann d. L. Ruste als Führer des I. Bataillons ein. Die Verbände wurden geordnet, dann brach der Abend herein. Landwehr-Infanterie-Regiment 24 erhielt Befehl Vorposten auf Wladyslawow vorzuschieben. Landwehr- Infanterie-Regiment 48 bezog Biwak zwischen Schirwindt und Gobenfichten; unweit dieses Orts, im Häuschen des Windmüllers auf der Chaussee, schlug der Brigadestab sein Quartier auf. Dunkel (schweigen) trat über die ruhende Truppe. Schienen kamen von dem heißen Kampftage aufgestört zur Ruhe und mancher, der manches Schläfers tauschte sie wieder um den Sammelruf eines mitten Kriegssturm ähnlich zischen und Sausen der Maschinengewehrschüsse vor.“

 

Die Lage des Grabes von Fritz Schiele konnte ich nicht ermitteln.

Die Todesanzeige für Fritz Schiele im Gießener Anzeiger

Sonderbeitrag: Ludwig Jung

Der Soldat Ludwig Jung stammte aus der hessischen Ortschaft Kleinlinden, einem Ortsteil der Universitätsstadt Gießen. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er als Obermatrose der Reserve in einem Marine-Artillerie-Regiment. Am 15.09.1914 starb er in Brüssel, nachdem er im Kampf schwer verwundet worden war.

Man begrub Ludwig Jung auf dem Soldatenfriedhof Brüssel-Evere in Block 4, Reihe 1, Grab 22.

Die Todesanzeige für Ludwig Jung im Gießener Anzeiger

Sonderbeitrag: Ludwig Küspert

Der Soldat Ludwig Küspert (Verlustliste: Küßpert) stammte aus der hessischen Universitätsstadt Gießen. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er als Reservist und Musketier (Volksbund: Landwehrmann) in der 8. Kompanie des 116. Reserve-Infanterie-Regiments. Am 06.10.1914 starb er nach schwerer Verwundung am 24.09.1914 bei Servon in einem Lazarett in der rheinland-pfälzischen Stadt Trier im Alter von 28 Jahren.

Über den Tag der schweren Verwundung von Ludwig Küspert berichtet die Regimentsgeschichte des 116. Reserve-Infanterie-Regiments:

„24.09.1914 Morgens Befehl zum Erneuern des Angriffs. R.I.R. 116 auch in vorderster Linie. 12:00 Uhr soll ohne Rücksicht auf die Nachbarn angetreten werden. Sofort setzt heftiges feindliches Artilleriefeuer ein, I. gewinnt Gelände, II. nicht. Abends Befehl, nach Absuchen des Gefechtsfeldes in die alte Stellung zurückzugehen. Verluste: 8 Offiziere und Offizierstellvertreter. Gefallen Offz.Stellv. Ringen; verwundet Oblt. d. R. Ockel, Oblt. d. L. Sprengel, Lt. d. R. Stimmel, Schemenski, Offz.Stellv. Handwerk, Schürmann, Anton. Verluste an Unteroffizieren und Mannschaften: 30 tot, 104 verwundet. Die Gefechtsstärke des Regiments beträgt noch 15 Offiziere, 1094 Unteroffiziere und Mannschaften. Ausgerückt war das Regiment mit 71 Offizieren, 2852 Unteroffizierenund Mannschaften.“

Die Region, in der Ludwig Küspert schwer verwundet wurde:

Man begrub Ludwig Küspert auf dem Hauptfriedhof Trier Ruwerer Straße in Block G I, Grab 57.

Die Todesanzeige für Ludwig Küspert im Gießener Anzeiger

Sonderbeitrag: Philipp Amend

Der Soldat Philipp Amend wurde am 18.12.1880 in der hessischen Ortschaft Treis an der Lumda geboren, einem Stadtteil von Staufenberg. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er in der 7. Kompanie des 116. Landwehr-Infanterie-Regiments. Am 15.09.1914 fiel er im Alter von 32 Jahren an der Marne in Frankreich bei Cerney-en-Dormois.

Über den Todestag und die Todesumstände von Philipp Amend berichtet die Regimentsgeschichte des 116. Landwehr-Infanterie-Regiments:

„Am 15.9. 1° vorm. wird das Regiment alarmiert. Abmarsch 2° vorm. in Reihenfolge III., II., I. über Fontaine–Rouvroy nach der Straßengabel 1,5 km südwestl. Cernay-en-Dormois, wo selbst Aufstellung genommen wird. Das Regiment steht der 15. R.D. zur Verfügung. Von 7° vorm. ab liegt die Straße und das Gelände westlich davon unter heftigem Artilleriefeuer. II. und I. nehmen 11³⁰ vorm. Aufstellung nördlich der bewaldeten Höhe, westlich Höhe 155 (la Justice), etwa 1,8 km südwestl. Cernay. III. bleibt an der Straßengabel. 3° nachm. wird bei einem Erkundungsgang der Regiments-Führer, Oberstlt. Krause, schwer verwundet, der stellvertr. Regts.Adj. Lt. Vogt, fällt. Major Müller übernimmt die Führung des Regiments. Um 4° nachm. wird er von einer Abteilung Res.-Feld.Art. 15 dringend um Hilfe gebeten, weil deren rechte Flanke von vorgehender französischer Infanterie bedroht wird. Sofort wird die gerade eben von Bertrix eingetroffene 6. Komp. zum Schutze der Artillerie eingesetzt, der Rest des Bataillons nachgezogen. Die 5. Komp. verlängert die bald im Gefecht stehende 6. Komp. nach rechts, 7. und 8. Komp. bleiben mit zweiter Linie hinter den Flügeln. Die Stärke des Gegners von ein bis zwei Bataillonen veranlaßt auch den Einsatz von 7. und 8. Komp. I. wird herangezogen und verlängert mit 2. und 3. Komp. die Schützenlinie mit dem Befehl, die 191 (später Cherneux) nordwestlich vorgelagerte Höhe, die später Kellerhöhe genannt wurde, zu nehmen. I. wird hierbei von II. unterstützt. Bald darauf treten 1. und 3. Komp. in 191 ein, die anderen nehmen am Angriff teil. Von der genommenen Stellung wird starkes feindliches Artilleriefeuer eröffnet. Im weiteren Verlauf des Nachmittags erfolgt starker Angriff des französischen Gegners, der 191 nimmt. Nach Rückzug der deutschen Artilleriefeuer, aus der Etangschlucht förderndes und verlustbringendes Infanterieflankenfeuer. Trotzdem geht es ruhig vorwärts, auf 191 zu. Gegen Abend suchen von Maßiges aus starke französische Kräfte den rechten Flügel zu umfassen, das flankierende Feuer der Artillerie wird stärker, Unterstützungen für die geschwächten Bataillone treffen nicht ein. Das zur Verfügung der Brigade stehende III. kann nicht rechtzeitig erreicht werden, weil es offenbar dem Regiment zu melden – seinen Standort verlassen hat. I. und II. sehen sich daher unter dem starken Druck des Gegners gezwungen, in die Gräben am Abhang von Punkt 199 zurückzugehen. II. wird nordl. der Höhe in der Nacht gesammelt und bezieht den Westhang der Etangschlucht, I. hält und bleibt in den Gräben auf 199. Während des Tages fallen von Offizieren: Lt. Vogt, Lt. Winkler, Lt. Bär, Off.-Stellv. Hofmann, Off.-Stellv. Thorn. Verwundet werden Spth. Laubis, Lt. Meyer, sämtlich II. Von Unteroffizieren und Mannschaften des I. und II. fielen, vermittelt 56, (nachab alle gefallen, die später nach Erstürmung von Höhe 191 festgestellt wurde), verwundet 180. II. meldet 2 Tote und 12 Verwundete. Am Abend des 15.9. greift das II. außer dem Führer, Major Müller, und dem 3. Komp. um Abiturienten an. Nachdem Lt. Rühl über Offiziere mehr. Die Kompagnien werden von Rießfeldwebeln geführt. Am 16.9. 10 vorm. wird I. auf Höhe 199 abgelöst, II. verbleibt in seiner Stellung. I. wird rechts des II. rückwärts gestaffelt, im Grunde nördlich der Chaußion-Ferme aufgestellt. 7³⁰ nachm. rückt das Regiment auf Befehl der 15. R.D. nach Höhe 155 (la Justice), um die 22. Inf.-Brig. des VI. A.K. abzulösen. III. bezieht die Stellung westlich Punkt 150 an der Straße Cernay–Bille-sur–Tourbe (Brietterie), I. die Stellung an der Ostsee der bewaldeten Kuppe, westlich der Höhe 155, II. verbleibt in Reserve am Nordhang der bewaldeten Kuppe (Sargdebel) westlich 155 (Kreuzhügel). Am 18. 9. übernimmt Lt. Schäfer die Führung des II., während R. 17 unterstellt und löst ein Batl. dieses Regiments westlich Höhe 199 ab. Am 20. 9. 7³⁰ nachm. trifft die Meldung ein, daß feindliche Schützen gegen den rechten Flügel des II. vorgehen. Die in Reserve liegende 5. Komp. wird in die Stellung geschickt; vorgetriebene Kundschafter stellen jedoch fest, daß das Vorgelände vom Feinde frei ist. Trotzdem entwickelt sich gegen 12° nachts ein lebhaftes Feuergefecht, ein Angriff erfolgt jedoch nicht. Die dauernden Schwierigkeiten in der Verpflegung und die andauernd naße Witterung rufen zahlreiche Darmerleiden bei den Mannschaften hervor; die Stimmung leidet dadurch, das Aussehen der Leute wird schlechter, sich zusehends.“

Man begrub Philipp Amend auf dem Soldatenfriiedhof Servon-Melzicourt in einem Massengrab.

Die Todesanzeige für Philipp Amend im Gießener Anzeiger

Sonderbeitrag: Wilhelm Peter

Der Soldat Wilhelm Peter stammte aus der hessischen Gemeinde Reiskirchen. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er als Gefreiter der Reserve in der 5. Kompanie des 116. Infanterie-Regiments. Am 22.08.1914 fiel er während der Kämpfe in der Walonie (Belgien) in der Nähe der Ortschaft Libin. Wilhelm Peter wurde 21 Jahre alt.

Über den Todestag und die Todesumstände von Wilhelm Peter berichtet die Regimentsgeschichte des 116. Infanterie-Regiments:

„Gegen 6 Uhr vorm. (22. August) trat das Regiment als Vorhut den Marsch über Ochamps nach Glaireuse an. Auf den Höhen nördlich von diesem Dorfe stellte es sich bereit. Die Bereitstellung war gegen 9 Uhr vorm. beendet, und die Truppen waren eben aus den Feldküchen verpflegt worden, da traf folgender Befehl ein: „J.R. 116 geht auf dem linken Flügel der 49. Inf.Brig. vor, mit dem linken Flügel an der Südecke von Anloy vorbei, rechts Anschluß an J.R. 115. Die Linie Anloy—Bournonwald soll vorerst nicht überschritten werden.“ Über die allgemeine Lage wurde bekannt, daß die 4. Armee mit dem VI. A.K. und VIII. R.K. die Flanken der angreifenden 3. und 5. Armee decken und in ihrer Mitte am Lesse-Abschnitt (XVIII. A.K.) und bei Neufchâteau (XVIII. R.K.) eine Bereitstellung einnehmen sollte. Die Nachrichten über den Feind waren immer noch sehr unbestimmt. Nach Fliegermeldungen sollten in den Wäldern jenseits des Lessebaches nur Kavallerieabteilungen stehen. Die feindliche Infanterie wurde etwa 50 km dahinter vermutet.

Das Regiment nahm das II. und III. Batl. ins erste Treffen; hinter dem III. Batl. folgte die M.G.K. Das I. Batl. war hinter dem linken Flügel gestaffelt und stand zunächst der Brigade zur Verfügung. In guter Ordnung entfalteten sich die Kompagnien und gingen, nachdem der Südrand von Anloy überschritten war, in Schützenwellen vor. Weiter rechts, wo die 50. Inf.Brig. über Libin gegen Maissin vorging, wurde lebhaftes Gewehr- und Artilleriefeuer laut. Unsere Brigade (49. I.B.) dagegen hatte bereits die befohlene Linie erreicht, ohne auf einen Gegner zu stoßen. So wurde die befohlene Linie im Anschluß an die rechten Nachbartruppen überschritten. Doch kaum hatten die ersten Wellen des II. und III. Batls. gegen 2 Uhr nachm. die Höhen südwestlich von Anloy erreicht, als ihnen aus einer Entfernung von kaum 400 m lebhaftes Infanterie- und M.G.-Feuer entgegenschlug. Und doch war vom Gegner nichts zu sehen. In Getreidefeldern und am Waldrande hielt er sich vorzüglich gedeckt, so daß kein sicherer Schuß auf ihn anzubringen war. Aber dem ungestümen, unserem Infanteristen zur zweiten Natur gewordenen Drang nach vorwärts zeigte sich der Feind nicht gewachsen. Trotz des starken Feuers und trotz der hemmenden Drahtumzäunungen der Felder gelang es nach mehrmaligem Ansturm, die Getreidefelder allmählich vom Feinde zu säubern und die nächsten Waldstücke zu erreichen. Namentlich am rechten Flügel wurde der Angriff mit rasender Schnelligkeit vorgetragen. Trotz schwerer Verluste und trotz der Mahnungen der Offiziere zur Besonnenheit ging alles nach vorn durch.

Im Walde war zunächst das dichte Unterholz ein schwieriges Hindernis und verursachte viele Verluste. Ein weiteres Hemmnis waren die vielen gut versteckten französischen Baumschützen, die dem Angreifer aus unmittelbarer Nähe ihre verderblichen Schüsse entgesandten, eine Kampfesweise, auf die der Deutsche nicht gefaßt war, gegen die er aberbald wirksame Abhilfe fand. Auch das eigene Artilleriefeuer belästigte hier stellenweise die vorgehenden Kompagnien. In wildem Drauflosgehen und hartem Ringen dachte man wenig an die Verbindung nach rückwärts, so daß unsere Artillerie nicht wissen konnte, wie weit der Angriff an den einzelnen Punkten vorgetragen war. Aber alle diese Schwierigkeiten konnten den Siegeslauf der in blinder Wut vorstürmenden Hessen nicht aufhalten. Waldstück auf Waldstück wurde dem Gegner entrissen, wobei sich an den einzelnen Waldrändern besonders erbitterte Kämpfe mit dem zähen Gegner abspielten. Hier war es auch, wo die beiden unerschrockenen Führer der 10. und 11. Komp., die Hauptleute v. Weltzien und Mattel, einen frühen Heldentod fanden. Auch die Führer der 9. und 12. Komp., Hauptleute Wolf und Buhz, mußten schwer verwundet vom Schlachtfeld getragen werden.

So wogte beim II. und III. Batl. der Kampf in der heißen Augustsonne schon die dritte Stunde. Da drohte gegen 4 Uhr nachm. ein gefährlicher Rückschlag: Der vorher schon an Zahl überlegene Gegner des Regiments schob in der Front ein neues Bataillon ein und suchte gleichzeitig unsere linke Flanke mit zwei frischen Jägerbataillonen zu umfassen. Der Angriff in der Front aus dem Walde Derrière-Horimont konnte zunächst vom II. und III. Batl. nicht aufgefangen werden: Die beiden Bataillone waren zu hart mitgenommen, die Verbände zu sehr durcheinandergewürfelt. So mußten sie dem Stoß ausweichen. Aber bald stellte ein M.G.-Zug unter Lt. de Harde sowie eine Kompagnie der 21. Pioniere die Lage wieder her. Lt. Brendel, der Adjutant des II. Batls., warf sich mit etwa 100 Versprengten aus allen Kompagnien gegen die rechte Flanke. Von neuem kam der Angriff in Fluß, auch das frische Bataillon des Gegners wurde geworfen. Teile der 5. und 8. Komp. unterstützten die 4. und 6. Komp. des J.R. 115 beim Sturm auf eine feindliche Batterie, die nach hartem Ringen erobert und trotz mehrfacher wilder Gegenangriffe behauptet wurde. Vizef. Dutiné (8. K.) und Braun (5. K.) zeichneten sich dabei besonders aus.

Nicht minder schwierig gestaltete sich der Kampf auf dem linken Flügel des Regiments. Hier klaffte eine bedenkliche Lücke in der deutschen Kampffront, da das XVIII. R.K. nach Süden vorgestoßen war. Der Gegner hatte diesen schwachen Punkt bald erkannt und holte von Stunde zu Stunde weiter nach links zur Umfassung aus. Als hier gleich zu Beginn der Schlacht das links gestaffelte I. Batl. in Marschkolonne aus einem Hohlweg südwestlich von Anloy heraustrat, wurde es mit einem Hagel von Geschossen überschüttet, so daß alles volle Deckung nehmen mußte. Die vorderen Kompagnien entwickelten sich gruppenweise nach links und arbeiteten sich in wütendem Infanteriefeuer durch hohe Getreidefelder, ohne indes vom Feinde etwas zu sehen. In einem toten Winkel konnten die 3. und 4. Komp. kurz Atem schöpfen. Ihre drei noch am Leben gebliebenen Zugführer, Lt. Pieper, Locher und Offzst. Petri, ordneten hier, was sich um sie gesammelt hatte, und griffen dann ein von den Haubitzen der 61er sturmreif geschossenes, stark besetztes Waldstück an. Mutig trug der Sergt. Pistler, umzischt von zahlreichen Geschossen, die entfaltete Fahne des Bataillons mit den stürmenden Kompagnien nach vorn. Der Waldstreifen wurde genommen und schnell durchschritten. Aber frische feindliche Kräfte setzten zum Gegenangriff an und trafen namentlich die Leibkompagnie sehr schwer. Viermal hatte sie einen französischen Vorstoß auszuhalten und verlor drei tüchtige Offiziere, Lt. v. Erhardt, Meinberg und Mühlberger. Auch in den Ginsterbüschen jenseits des Waldstücks waren die Kompagnien starkem feindlichen Strichfeuer ausgesetzt, das hohe Verluste brachte und zum Rückzug in das Waldstück zwang.

Entscheidend für die Abwehr der feindlichen Umfassungsversuche wurde das Eingreifen der Maschinengewehre. Ihnen hatte der Regimentskommandeur in richtiger Erkenntnis der Gefahr von vornherein die Sicherung der linken Flanke übertragen. Sie waren daher südlich von Anloy in Stellung gegangen. Dort hatten sie bald drei französische Maschinengewehre, die zwischen den Straßen Anloy—Sart und Anloy—Haie standen, außer Gefecht gesetzt. Infolge der feindlichen Umfassung kam jedoch Hptm. Poly mit den Gewehren in eine bedrängte Lage. Da ritt Oberst Schimmelfennig in schärfstem Galopp zur Artillerie, erhielt dort zwei Geschütze und brachte sie an der gefährdeten Stelle in Front. Ein fürchterliches Blutbad begann. Die beiden Geschütze rissen ungeheure Löcher in die überflügelnden feindlichen Reihen. Schwadenweise mähten die Maschinengewehre die vorgehenden Wellen nieder und schossen mit entsetzlicher Genauigkeit und Unerbittlichkeit die Schützenlinien des Gegners zusammen, so daß jedes Leben in ihnen erstarrte. Gefangene schilderten entsetzt die grauenhafte Wirkung dieses vereinigten Artillerie- und M.G.-Feuers, von der man sich am andern Tage beim Überschreiten des Schlachtfeldes mit Schaudern überzeugen konnte.

So tobte der heiße Kampf den ganzen Nachmittag, hier in wildem Handgemenge mit wüstem Schreien, dort in schrecklichem Zischen und Heulen der todbringenden Geschosse, in Angriff und Gegenangriff um den Besitz einzelner Waldstücke, in wildem Vorstürmen und entsetztem Zurückgehen. Die Wildheit hatte besonders beim II. und III. Batl. jede Einheitlichkeit über den Haufen geworfen. So wird erklärlich, daß Teile der 10. und 11. Komp. weit rechts beim J.R. 117 gegen das Dorf Maissin kämpften. Aber immer noch war die endgültige Entscheidung nicht gefallen. Zwar begann von 5 Uhr nachm. an unsere Artillerie kräftiger zu wirken. Die Waldstücke, in denen sich der Gegner noch hielt, wurden planmäßig beschossen. Immer tiefer stießen die Kompagnien dem Gegner nach Westen nach. Trefflich half dem I. Batl. eine Kompagnie der 21. Pioniere, deren Führer, Hptm. Peters, den Heldentod starb. Doch nur schrittweise gab der Feind eine Stellung nach der anderen auf. Da ertönten gegen 7 Uhr nachm. in unserem Rücken Kommandorufe. Die lang ersehnte Unterstützung war da! In vierstündigem Marsche war die 16. R.D. unter Generallt. Mooz von der Eisenbahn nach dem Schlachtfelde geeilt, um den Kameraden Hilfe zu bringen. Nun schwärmten die Kompagnien des R.J.R. 28 ein. Da gab’s kein Halten mehr. Mit Bajonett und Spaten wurde der bis zum äußersten sich wehrende Gegner aus seinen letzten Stellungen geworfen. Blau und rot quoll es aus den Waldstücken heraus. Auf wenige hundert Meter lief der nach Süden abziehende Gegner in das Flankenfeuer des I. Batls. hinein und erlitt schreckliche Verluste. Erst die Dunkelheit machte dem Kampfe ein Ende. Völlig erschöpft sammelten sich die Bataillone auf der Höhe bei Anloy. Bei der Unsicherheit der Gesamtlage — der rechte Flügel der Division hatte wegen drohender Umfassung das um 5 Uhr nachm. gestürmte Maissin wieder räumen müssen — wurde die Höhe und der Dorfrand zur Verteidigung eingerichtet.

Eine schwere Aufgabe harrte der Ärzte und Krankenträger. Im Kampfe mit Freischärlern, die aus den Häusern auf die durchziehenden Verwundeten schossen und die Gefechtsstaffel zersprengten, hatte Stabsarzt Dr. Szubinski am Westausgang des Dorfes den Verbandplatz des Regiments eingerichtet. Den ganzen Nachmittag über strömten die Verwundeten zu, und bald war alles überfüllt. Eine schier nicht zu bewältigende Arbeit für fünf Ärzte mit wenigen Helfern; dazu in stundenlangem Artilleriefeuer. Nach Mitternacht erschienen die Krankenträger der Sanitätskompagnie mit Fackeln. Sie wurden aber beim Absuchen des Schlachtfeldes noch vielfach vom Feinde beschossen. Trotzdem wurden die meisten der hilflos daliegenden und dem Verschmachten nahen Schwerverwundeten noch während der Nacht zurückgeschafft. Viele aber mußten in ihrer Todespein den kommenden Morgen abwarten, bis sie aufgefunden und geborgen werden konnten.Die erste Schlacht war geschlagen. Der blutigste Tag des ganzen Krieges lag hinter dem Regiment. Der Sieg hatte sich an seine Fahnen geheftet. Ein starker und tapferer Gegner war aus Stellungen gejagt worden, die er sich drei Tage lang mit Sorgfalt ausgesucht und ausgebaut hatte. Rühmliche Taten, die alle der Erwähnung wert wären, waren allerorten vollbracht worden. Aber groß, sehr groß waren auch die Verluste. Kein Tag des Feldzugs hat vom Regiment so viele Opfer gefordert wie der Tag von Anloy. Innerhalb weniger Stunden hat es über 1000 Mann, mehr als ein Drittel seines Bestandes, verloren. 13 Offiziere, darunter außer den schon erwähnten der bewährte Führer der 4. Komp., Hptm. v. Normann, und Oberlt. Ebel von der 6., der am nächsten Morgen seiner schweren Verwundung erlag, ferner Lt. Becker, v. Grolmann, Eichhoff, Klein, Walter und der Fahnenj. Schäfer waren auf dem Schlachtfelde geblieben; 340 brave Unteroffiziere und Mannschaften waren mit ihnen in den Tod gegangen. Fast doppelt so hoch war die Zahl der Verwundeten. Unter ihnen waren 20 Offiziere: Das I. Batl. hatte den Hptm. v. Thümen und die Lts. Locher, Malzahn, Pieper, Scherer und den Fähnr. Marquardt verloren; das II. büßte Lt. Schroeder, Johlen, Hellwig und Buchholz ein; am schwersten aber waren die Verluste beim III., wo außer den vier Kompagnieführern die Lts. Dingeldein, Flotho, Fischer, Loerbrocks, Schmidt, Meyer und Freytag fehlten. In der M.G.K. waren Oberlt. Kienitz und Lt. de Harde (D. E.) verwundet. An Unteroffizieren und Mannschaften waren 599 verwundet, 72 wurden vermißt. Der Name Anloy sollte einen schrecklichen Klang in der hessischen Heimat erhalten. Da war kein Städtchen und Dörfchen, in das nicht die Nachricht gedrungen wäre: „Bei Anloy gefallen!“ Aber darum ist der Name auch zum Ehrennamen der Kämpfer des 22. August geworden. Von allen Kränzen, die sich das Regiment in diesem großen Krieg errungen, ist der Kranz von Anloy der schönste. Er wird nie welken.“

Man begrub Wilhelm Peter auf dem Soldatenfriedhof Anloy-Heide in Block 3, Grab 4.

In seiner Heimatgemeinde Reiskirchen gedenkt man Wilhelm Peter noch heute auf einem Denkmal: http://www.denkmalprojekt.org/2022/reiskirchen_lk-giessen_wk1_wk2_hs.html

Die Todesanzeige für Wilhelm Peter im Gießener Anzeiger

Die Männer des Ersten Weltkriegs – Teil 2.943: Johann Rehm

Der Soldat Johann Rehm wurde am 06.01.1883 in Grafenaschau geboren, einem Ortsteil der bayerischen Gemeinde Schwaigen. Er war Holzarbeiter. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er als Infanterist in der 10. Kompanie des 19. bayerischen Reserve-Infanterie-Regiments. Er wurde mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse und mit dem  bayerischen Militär-Verdienstkreuz ausgezeichnet. Am 13.04.1918 fiel er nach 45 Monaten Kriegsdienst im Alter von 35 Jahren während der Kämpfe in Flandern und bei Armentières in der Nähe von Neuve Chapelle.

Über den Todestag und die Todesumstände von Johann Rehm berichtet die Regimentsgeschichte des 19. bayerischen Reserve-Infanterie-Regiments:

„Das feindliche Artilleriefeuer dauerte auch während der Nacht an. Am 13.04. sollte nach entsprechender Artillerievorbereitung der Angriff gegen den Nieppe-Wald zur Durchführung kommen und zunächst die davorliegenden Gehöfte in die Hand genommen werden. Zu diesem Zwecke wurde rechts von III./R. 19 ein Bataillon Reserve-Infanterie-Regiment 23 und links davon ein Bataillon Reserve-Infanterie-Regiment 22 bereitgestellt. Für das III. Bataillon war als Angriffsziel die Gebäudegruppe Vert Bois bestimmt.

Die feindlichen Flieger waren wieder erschienen, sobald das Wetter sichtig geworden war und leiteten das Artilleriefeuer des Gegners.

Trotzdem kam das Bataillon, das nach kräftiger Artillerievorbereitung 4.30 Uhr nachmittags antrat, zunächst gut vorwärts. Die 10. und 12. Kompanie in vorderer Linie unterstützt durch die Maschinengewehr-Kompanie nahmen in zähem, verlustreichem Ringen ein Gehöft nach dem anderen in Besitz, wobei sich die drei Kompanieführer, Leutnant der Reserve Bengel, Grob und Christmann durch persönlichen Schneid besonders hervortraten.

Die am weitesten nach Norden vorgedrungene 10. Kompanie befand sich fortgesetzt in bedrängtester Lage. Der Gegner versuchte wiederholt sich wieder in den Besitz der ihm abgenommenen Gehöfte zu setzen. Bei einem derartigen Vorstoß bewies der Infanterist Josef gehring große Kaltblütigkeit und Umsicht. Er richtete trotz feindlicher Belästigung das wohlgezielte Feuer seines linken Maschinengewehres von gut gewähltem Platze aus auf die Engländer, wodurch er erreichte, dass der Feind sich eingrub. Als jedoch die eigenen schwachen Kräfte am äußersten linken Flügel vor der drohenden feindlichen Übermacht abbröckeln wollten und dadurch die Gefahr einer Umklammerung der rechts anschließenden Teile verursachten, ermunterte er durch Zuspruch mit erfolg die Wankenden zum Aushalten.

Der Gefreite Georg Högerle, der die Gefahr erkannte, die der Kompanie drohte, sprang aus eigenem Entschluss im heftigsten Infanterie- und Maschinengewehrfeuer zu dem 259 Meter weiter rückwärts in Deckung liegenden Unterstützungszug zurück, schilderte dessen Führer die Lage und erbot sich, den Zug nach vorne zu führen. Beim Vorführen ermunterte er durch Worte und sein eigenes tapferes Beispiel zögernde Kameraden zum Mitgehen und brachte dadurch die dringend notwendige Unterstützung rechtzeitig an Ort und Stelle.

Beide wurden mit der silbernen Tapferkeits-Medaille ausgezeichnet.

Da die linke Anschlusstruppe zurückblieb, gelang es nicht, den stützpunktartig ausgebauten und durch flankierendes Feuer geschützten Westteil von Vert Bois zu nehmen.

Die wackere Truppe musste sich mit dem Erreichbaren begnügen und richtete sich in den genommenen Stellungen zur Verteidigung ein. Um 4 Uhr vormittags wurde das Bataillon durch I./R. 19 abgelöst und rückte als Regiments-Reserve nach Regniers le Clerc südlich des Kanales.“.

Man begrub Johann Rehm auf dem Soldatenfriedhof Lens-Sallaumines in einem Massengrab.

Sterbebild von Johann Rehm
Rückseite des Sterbebildes von Johann Rehm

Sonderbeitrag: Christian Rühl

Der Soldat Christian Rühl wurde am 28.08.1888 in Burkhardsfelden geboren, einem Ortsteil der hessischen Gemeinde Reiskirchen. Gefreiter 116. Infanterie-Regiment, 8. Kompanie Am 22.08.1914 fiel er im Alter von 25 bei Anloy, einem Ortsteil der belgischen Gemeinde Libin, in der Walonie.

Über den Todestag und die Todesumstände von Christian Rühl berichtet die Regimentsgeschichte des 116. Infanterie-Regiments:

„Gegen 6 Uhr vorm. (22. August) trat das Regiment als Vorhut den Marsch über Ochamps nach Glaireuse an. Auf den Höhen nördlich von diesem Dorfe stellte es sich bereit. Die Bereitstellung war gegen 9 Uhr vorm. beendet, und die Truppen waren eben aus den Feldküchen verpflegt worden, da traf folgender Befehl ein: „J.R. 116 geht auf dem linken Flügel der 49. Inf.Brig. vor, mit dem linken Flügel an der Südecke von Anloy vorbei, rechts Anschluß an J.R. 115. Die Linie Anloy—Bournonwald soll vorerst nicht überschritten werden.“ Über die allgemeine Lage wurde bekannt, daß die 4. Armee mit dem VI. A.K. und VIII. R.K. die Flanken der angreifenden 3. und 5. Armee decken und in ihrer Mitte am Lesse-Abschnitt (XVIII. A.K.) und bei Neufchâteau (XVIII. R.K.) eine Bereitstellung einnehmen sollte. Die Nachrichten über den Feind waren immer noch sehr unbestimmt. Nach Fliegermeldungen sollten in den Wäldern jenseits des Lessebaches nur Kavallerieabteilungen stehen. Die feindliche Infanterie wurde etwa 50 km dahinter vermutet.

Das Regiment nahm das II. und III. Batl. ins erste Treffen; hinter dem III. Batl. folgte die M.G.K. Das I. Batl. war hinter dem linken Flügel gestaffelt und stand zunächst der Brigade zur Verfügung. In guter Ordnung entfalteten sich die Kompagnien und gingen, nachdem der Südrand von Anloy überschritten war, in Schützenwellen vor. Weiter rechts, wo die 50. Inf.Brig. über Libin gegen Maissin vorging, wurde lebhaftes Gewehr- und Artilleriefeuer laut. Unsere Brigade (49. I.B.) dagegen hatte bereits die befohlene Linie erreicht, ohne auf einen Gegner zu stoßen. So wurde die befohlene Linie im Anschluß an die rechten Nachbartruppen überschritten. Doch kaum hatten die ersten Wellen des II. und III. Batls. gegen 2 Uhr nachm. die Höhen südwestlich von Anloy erreicht, als ihnen aus einer Entfernung von kaum 400 m lebhaftes Infanterie- und M.G.-Feuer entgegenschlug. Und doch war vom Gegner nichts zu sehen. In Getreidefeldern und am Waldrande hielt er sich vorzüglich gedeckt, so daß kein sicherer Schuß auf ihn anzubringen war. Aber dem ungestümen, unserem Infanteristen zur zweiten Natur gewordenen Drang nach vorwärts zeigte sich der Feind nicht gewachsen. Trotz des starken Feuers und trotz der hemmenden Drahtumzäunungen der Felder gelang es nach mehrmaligem Ansturm, die Getreidefelder allmählich vom Feinde zu säubern und die nächsten Waldstücke zu erreichen. Namentlich am rechten Flügel wurde der Angriff mit rasender Schnelligkeit vorgetragen. Trotz schwerer Verluste und trotz der Mahnungen der Offiziere zur Besonnenheit ging alles nach vorn durch.

Im Walde war zunächst das dichte Unterholz ein schwieriges Hindernis und verursachte viele Verluste. Ein weiteres Hemmnis waren die vielen gut versteckten französischen Baumschützen, die dem Angreifer aus unmittelbarer Nähe ihre verderblichen Schüsse entgesandten, eine Kampfesweise, auf die der Deutsche nicht gefaßt war, gegen die er aberbald wirksame Abhilfe fand. Auch das eigene Artilleriefeuer belästigte hier stellenweise die vorgehenden Kompagnien. In wildem Drauflosgehen und hartem Ringen dachte man wenig an die Verbindung nach rückwärts, so daß unsere Artillerie nicht wissen konnte, wie weit der Angriff an den einzelnen Punkten vorgetragen war. Aber alle diese Schwierigkeiten konnten den Siegeslauf der in blinder Wut vorstürmenden Hessen nicht aufhalten. Waldstück auf Waldstück wurde dem Gegner entrissen, wobei sich an den einzelnen Waldrändern besonders erbitterte Kämpfe mit dem zähen Gegner abspielten. Hier war es auch, wo die beiden unerschrockenen Führer der 10. und 11. Komp., die Hauptleute v. Weltzien und Mattel, einen frühen Heldentod fanden. Auch die Führer der 9. und 12. Komp., Hauptleute Wolf und Buhz, mußten schwer verwundet vom Schlachtfeld getragen werden.

So wogte beim II. und III. Batl. der Kampf in der heißen Augustsonne schon die dritte Stunde. Da drohte gegen 4 Uhr nachm. ein gefährlicher Rückschlag: Der vorher schon an Zahl überlegene Gegner des Regiments schob in der Front ein neues Bataillon ein und suchte gleichzeitig unsere linke Flanke mit zwei frischen Jägerbataillonen zu umfassen. Der Angriff in der Front aus dem Walde Derrière-Horimont konnte zunächst vom II. und III. Batl. nicht aufgefangen werden: Die beiden Bataillone waren zu hart mitgenommen, die Verbände zu sehr durcheinandergewürfelt. So mußten sie dem Stoß ausweichen. Aber bald stellte ein M.G.-Zug unter Lt. de Harde sowie eine Kompagnie der 21. Pioniere die Lage wieder her. Lt. Brendel, der Adjutant des II. Batls., warf sich mit etwa 100 Versprengten aus allen Kompagnien gegen die rechte Flanke. Von neuem kam der Angriff in Fluß, auch das frische Bataillon des Gegners wurde geworfen. Teile der 5. und 8. Komp. unterstützten die 4. und 6. Komp. des J.R. 115 beim Sturm auf eine feindliche Batterie, die nach hartem Ringen erobert und trotz mehrfacher wilder Gegenangriffe behauptet wurde. Vizef. Dutiné (8. K.) und Braun (5. K.) zeichneten sich dabei besonders aus.

Nicht minder schwierig gestaltete sich der Kampf auf dem linken Flügel des Regiments. Hier klaffte eine bedenkliche Lücke in der deutschen Kampffront, da das XVIII. R.K. nach Süden vorgestoßen war. Der Gegner hatte diesen schwachen Punkt bald erkannt und holte von Stunde zu Stunde weiter nach links zur Umfassung aus. Als hier gleich zu Beginn der Schlacht das links gestaffelte I. Batl. in Marschkolonne aus einem Hohlweg südwestlich von Anloy heraustrat, wurde es mit einem Hagel von Geschossen überschüttet, so daß alles volle Deckung nehmen mußte. Die vorderen Kompagnien entwickelten sich gruppenweise nach links und arbeiteten sich in wütendem Infanteriefeuer durch hohe Getreidefelder, ohne indes vom Feinde etwas zu sehen. In einem toten Winkel konnten die 3. und 4. Komp. kurz Atem schöpfen. Ihre drei noch am Leben gebliebenen Zugführer, Lt. Pieper, Locher und Offzst. Petri, ordneten hier, was sich um sie gesammelt hatte, und griffen dann ein von den Haubitzen der 61er sturmreif geschossenes, stark besetztes Waldstück an. Mutig trug der Sergt. Pistler, umzischt von zahlreichen Geschossen, die entfaltete Fahne des Bataillons mit den stürmenden Kompagnien nach vorn. Der Waldstreifen wurde genommen und schnell durchschritten. Aber frische feindliche Kräfte setzten zum Gegenangriff an und trafen namentlich die Leibkompagnie sehr schwer. Viermal hatte sie einen französischen Vorstoß auszuhalten und verlor drei tüchtige Offiziere, Lt. v. Erhardt, Meinberg und Mühlberger. Auch in den Ginsterbüschen jenseits des Waldstücks waren die Kompagnien starkem feindlichen Strichfeuer ausgesetzt, das hohe Verluste brachte und zum Rückzug in das Waldstück zwang.

Entscheidend für die Abwehr der feindlichen Umfassungsversuche wurde das Eingreifen der Maschinengewehre. Ihnen hatte der Regimentskommandeur in richtiger Erkenntnis der Gefahr von vornherein die Sicherung der linken Flanke übertragen. Sie waren daher südlich von Anloy in Stellung gegangen. Dort hatten sie bald drei französische Maschinengewehre, die zwischen den Straßen Anloy—Sart und Anloy—Haie standen, außer Gefecht gesetzt. Infolge der feindlichen Umfassung kam jedoch Hptm. Poly mit den Gewehren in eine bedrängte Lage. Da ritt Oberst Schimmelfennig in schärfstem Galopp zur Artillerie, erhielt dort zwei Geschütze und brachte sie an der gefährdeten Stelle in Front. Ein fürchterliches Blutbad begann. Die beiden Geschütze rissen ungeheure Löcher in die überflügelnden feindlichen Reihen. Schwadenweise mähten die Maschinengewehre die vorgehenden Wellen nieder und schossen mit entsetzlicher Genauigkeit und Unerbittlichkeit die Schützenlinien des Gegners zusammen, so daß jedes Leben in ihnen erstarrte. Gefangene schilderten entsetzt die grauenhafte Wirkung dieses vereinigten Artillerie- und M.G.-Feuers, von der man sich am andern Tage beim Überschreiten des Schlachtfeldes mit Schaudern überzeugen konnte.

So tobte der heiße Kampf den ganzen Nachmittag, hier in wildem Handgemenge mit wüstem Schreien, dort in schrecklichem Zischen und Heulen der todbringenden Geschosse, in Angriff und Gegenangriff um den Besitz einzelner Waldstücke, in wildem Vorstürmen und entsetztem Zurückgehen. Die Wildheit hatte besonders beim II. und III. Batl. jede Einheitlichkeit über den Haufen geworfen. So wird erklärlich, daß Teile der 10. und 11. Komp. weit rechts beim J.R. 117 gegen das Dorf Maissin kämpften. Aber immer noch war die endgültige Entscheidung nicht gefallen. Zwar begann von 5 Uhr nachm. an unsere Artillerie kräftiger zu wirken. Die Waldstücke, in denen sich der Gegner noch hielt, wurden planmäßig beschossen. Immer tiefer stießen die Kompagnien dem Gegner nach Westen nach. Trefflich half dem I. Batl. eine Kompagnie der 21. Pioniere, deren Führer, Hptm. Peters, den Heldentod starb. Doch nur schrittweise gab der Feind eine Stellung nach der anderen auf. Da ertönten gegen 7 Uhr nachm. in unserem Rücken Kommandorufe. Die lang ersehnte Unterstützung war da! In vierstündigem Marsche war die 16. R.D. unter Generallt. Mooz von der Eisenbahn nach dem Schlachtfelde geeilt, um den Kameraden Hilfe zu bringen. Nun schwärmten die Kompagnien des R.J.R. 28 ein. Da gab’s kein Halten mehr. Mit Bajonett und Spaten wurde der bis zum äußersten sich wehrende Gegner aus seinen letzten Stellungen geworfen. Blau und rot quoll es aus den Waldstücken heraus. Auf wenige hundert Meter lief der nach Süden abziehende Gegner in das Flankenfeuer des I. Batls. hinein und erlitt schreckliche Verluste. Erst die Dunkelheit machte dem Kampfe ein Ende. Völlig erschöpft sammelten sich die Bataillone auf der Höhe bei Anloy. Bei der Unsicherheit der Gesamtlage — der rechte Flügel der Division hatte wegen drohender Umfassung das um 5 Uhr nachm. gestürmte Maissin wieder räumen müssen — wurde die Höhe und der Dorfrand zur Verteidigung eingerichtet.

Eine schwere Aufgabe harrte der Ärzte und Krankenträger. Im Kampfe mit Freischärlern, die aus den Häusern auf die durchziehenden Verwundeten schossen und die Gefechtsstaffel zersprengten, hatte Stabsarzt Dr. Szubinski am Westausgang des Dorfes den Verbandplatz des Regiments eingerichtet. Den ganzen Nachmittag über strömten die Verwundeten zu, und bald war alles überfüllt. Eine schier nicht zu bewältigende Arbeit für fünf Ärzte mit wenigen Helfern; dazu in stundenlangem Artilleriefeuer. Nach Mitternacht erschienen die Krankenträger der Sanitätskompagnie mit Fackeln. Sie wurden aber beim Absuchen des Schlachtfeldes noch vielfach vom Feinde beschossen. Trotzdem wurden die meisten der hilflos daliegenden und dem Verschmachten nahen Schwerverwundeten noch während der Nacht zurückgeschafft. Viele aber mußten in ihrer Todespein den kommenden Morgen abwarten, bis sie aufgefunden und geborgen werden konnten.Die erste Schlacht war geschlagen. Der blutigste Tag des ganzen Krieges lag hinter dem Regiment. Der Sieg hatte sich an seine Fahnen geheftet. Ein starker und tapferer Gegner war aus Stellungen gejagt worden, die er sich drei Tage lang mit Sorgfalt ausgesucht und ausgebaut hatte. Rühmliche Taten, die alle der Erwähnung wert wären, waren allerorten vollbracht worden. Aber groß, sehr groß waren auch die Verluste. Kein Tag des Feldzugs hat vom Regiment so viele Opfer gefordert wie der Tag von Anloy. Innerhalb weniger Stunden hat es über 1000 Mann, mehr als ein Drittel seines Bestandes, verloren. 13 Offiziere, darunter außer den schon erwähnten der bewährte Führer der 4. Komp., Hptm. v. Normann, und Oberlt. Ebel von der 6., der am nächsten Morgen seiner schweren Verwundung erlag, ferner Lt. Becker, v. Grolmann, Eichhoff, Klein, Walter und der Fahnenj. Schäfer waren auf dem Schlachtfelde geblieben; 340 brave Unteroffiziere und Mannschaften waren mit ihnen in den Tod gegangen. Fast doppelt so hoch war die Zahl der Verwundeten. Unter ihnen waren 20 Offiziere: Das I. Batl. hatte den Hptm. v. Thümen und die Lts. Locher, Malzahn, Pieper, Scherer und den Fähnr. Marquardt verloren; das II. büßte Lt. Schroeder, Johlen, Hellwig und Buchholz ein; am schwersten aber waren die Verluste beim III., wo außer den vier Kompagnieführern die Lts. Dingeldein, Flotho, Fischer, Loerbrocks, Schmidt, Meyer und Freytag fehlten. In der M.G.K. waren Oberlt. Kienitz und Lt. de Harde (D. E.) verwundet. An Unteroffizieren und Mannschaften waren 599 verwundet, 72 wurden vermißt. Der Name Anloy sollte einen schrecklichen Klang in der hessischen Heimat erhalten. Da war kein Städtchen und Dörfchen, in das nicht die Nachricht gedrungen wäre: „Bei Anloy gefallen!“ Aber darum ist der Name auch zum Ehrennamen der Kämpfer des 22. August geworden. Von allen Kränzen, die sich das Regiment in diesem großen Krieg errungen, ist der Kranz von Anloy der schönste. Er wird nie welken.“

Man begrub Christian Rühl auf dem Soldatenfriedhof Maissin-National in Grab 535.

Die Todesanzeige für Christian Rühl und Hermann Hoffmann im Gießener Anzeiger

Sonderbeitrag: Ernst Häuser

Der Soldat Ernst Häuser stammte aus Watzenborn, einem Ortsteil der hessischen Stadt Pohlheim. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er als Reservist in der 12. Kompanie des 116. Infanterie-Regiments. Am 22.08.1914 fiel er während der Kämüfe in Belgien bei Anloy, einem Ortsteil der Gemeinde Libin.

Über den Todestag und die Todesumstände von Fritz Dahmen berichtet die Regimentsgeschichte des 116. Infanterie-Regiments:

„Gegen 6 Uhr vorm. (22. August) trat das Regiment als Vorhut den Marsch über Ochamps nach Glaireuse an. Auf den Höhen nördlich von diesem Dorfe stellte es sich bereit. Die Bereitstellung war gegen 9 Uhr vorm. beendet, und die Truppen waren eben aus den Feldküchen verpflegt worden, da traf folgender Befehl ein: „J.R. 116 geht auf dem linken Flügel der 49. Inf.Brig. vor, mit dem linken Flügel an der Südecke von Anloy vorbei, rechts Anschluß an J.R. 115. Die Linie Anloy—Bournonwald soll vorerst nicht überschritten werden.“ Über die allgemeine Lage wurde bekannt, daß die 4. Armee mit dem VI. A.K. und VIII. R.K. die Flanken der angreifenden 3. und 5. Armee decken und in ihrer Mitte am Lesse-Abschnitt (XVIII. A.K.) und bei Neufchâteau (XVIII. R.K.) eine Bereitstellung einnehmen sollte. Die Nachrichten über den Feind waren immer noch sehr unbestimmt. Nach Fliegermeldungen sollten in den Wäldern jenseits des Lessebaches nur Kavallerieabteilungen stehen. Die feindliche Infanterie wurde etwa 50 km dahinter vermutet.

Das Regiment nahm das II. und III. Batl. ins erste Treffen; hinter dem III. Batl. folgte die M.G.K. Das I. Batl. war hinter dem linken Flügel gestaffelt und stand zunächst der Brigade zur Verfügung. In guter Ordnung entfalteten sich die Kompagnien und gingen, nachdem der Südrand von Anloy überschritten war, in Schützenwellen vor. Weiter rechts, wo die 50. Inf.Brig. über Libin gegen Maissin vorging, wurde lebhaftes Gewehr- und Artilleriefeuer laut. Unsere Brigade (49. I.B.) dagegen hatte bereits die befohlene Linie erreicht, ohne auf einen Gegner zu stoßen. So wurde die befohlene Linie im Anschluß an die rechten Nachbartruppen überschritten. Doch kaum hatten die ersten Wellen des II. und III. Batls. gegen 2 Uhr nachm. die Höhen südwestlich von Anloy erreicht, als ihnen aus einer Entfernung von kaum 400 m lebhaftes Infanterie- und M.G.-Feuer entgegenschlug. Und doch war vom Gegner nichts zu sehen. In Getreidefeldern und am Waldrande hielt er sich vorzüglich gedeckt, so daß kein sicherer Schuß auf ihn anzubringen war. Aber dem ungestümen, unserem Infanteristen zur zweiten Natur gewordenen Drang nach vorwärts zeigte sich der Feind nicht gewachsen. Trotz des starken Feuers und trotz der hemmenden Drahtumzäunungen der Felder gelang es nach mehrmaligem Ansturm, die Getreidefelder allmählich vom Feinde zu säubern und die nächsten Waldstücke zu erreichen. Namentlich am rechten Flügel wurde der Angriff mit rasender Schnelligkeit vorgetragen. Trotz schwerer Verluste und trotz der Mahnungen der Offiziere zur Besonnenheit ging alles nach vorn durch.

Im Walde war zunächst das dichte Unterholz ein schwieriges Hindernis und verursachte viele Verluste. Ein weiteres Hemmnis waren die vielen gut versteckten französischen Baumschützen, die dem Angreifer aus unmittelbarer Nähe ihre verderblichen Schüsse entgesandten, eine Kampfesweise, auf die der Deutsche nicht gefaßt war, gegen die er aberbald wirksame Abhilfe fand. Auch das eigene Artilleriefeuer belästigte hier stellenweise die vorgehenden Kompagnien. In wildem Drauflosgehen und hartem Ringen dachte man wenig an die Verbindung nach rückwärts, so daß unsere Artillerie nicht wissen konnte, wie weit der Angriff an den einzelnen Punkten vorgetragen war. Aber alle diese Schwierigkeiten konnten den Siegeslauf der in blinder Wut vorstürmenden Hessen nicht aufhalten. Waldstück auf Waldstück wurde dem Gegner entrissen, wobei sich an den einzelnen Waldrändern besonders erbitterte Kämpfe mit dem zähen Gegner abspielten. Hier war es auch, wo die beiden unerschrockenen Führer der 10. und 11. Komp., die Hauptleute v. Weltzien und Mattel, einen frühen Heldentod fanden. Auch die Führer der 9. und 12. Komp., Hauptleute Wolf und Buhz, mußten schwer verwundet vom Schlachtfeld getragen werden.

So wogte beim II. und III. Batl. der Kampf in der heißen Augustsonne schon die dritte Stunde. Da drohte gegen 4 Uhr nachm. ein gefährlicher Rückschlag: Der vorher schon an Zahl überlegene Gegner des Regiments schob in der Front ein neues Bataillon ein und suchte gleichzeitig unsere linke Flanke mit zwei frischen Jägerbataillonen zu umfassen. Der Angriff in der Front aus dem Walde Derrière-Horimont konnte zunächst vom II. und III. Batl. nicht aufgefangen werden: Die beiden Bataillone waren zu hart mitgenommen, die Verbände zu sehr durcheinandergewürfelt. So mußten sie dem Stoß ausweichen. Aber bald stellte ein M.G.-Zug unter Lt. de Harde sowie eine Kompagnie der 21. Pioniere die Lage wieder her. Lt. Brendel, der Adjutant des II. Batls., warf sich mit etwa 100 Versprengten aus allen Kompagnien gegen die rechte Flanke. Von neuem kam der Angriff in Fluß, auch das frische Bataillon des Gegners wurde geworfen. Teile der 5. und 8. Komp. unterstützten die 4. und 6. Komp. des J.R. 115 beim Sturm auf eine feindliche Batterie, die nach hartem Ringen erobert und trotz mehrfacher wilder Gegenangriffe behauptet wurde. Vizef. Dutiné (8. K.) und Braun (5. K.) zeichneten sich dabei besonders aus.

Nicht minder schwierig gestaltete sich der Kampf auf dem linken Flügel des Regiments. Hier klaffte eine bedenkliche Lücke in der deutschen Kampffront, da das XVIII. R.K. nach Süden vorgestoßen war. Der Gegner hatte diesen schwachen Punkt bald erkannt und holte von Stunde zu Stunde weiter nach links zur Umfassung aus. Als hier gleich zu Beginn der Schlacht das links gestaffelte I. Batl. in Marschkolonne aus einem Hohlweg südwestlich von Anloy heraustrat, wurde es mit einem Hagel von Geschossen überschüttet, so daß alles volle Deckung nehmen mußte. Die vorderen Kompagnien entwickelten sich gruppenweise nach links und arbeiteten sich in wütendem Infanteriefeuer durch hohe Getreidefelder, ohne indes vom Feinde etwas zu sehen. In einem toten Winkel konnten die 3. und 4. Komp. kurz Atem schöpfen. Ihre drei noch am Leben gebliebenen Zugführer, Lt. Pieper, Locher und Offzst. Petri, ordneten hier, was sich um sie gesammelt hatte, und griffen dann ein von den Haubitzen der 61er sturmreif geschossenes, stark besetztes Waldstück an. Mutig trug der Sergt. Pistler, umzischt von zahlreichen Geschossen, die entfaltete Fahne des Bataillons mit den stürmenden Kompagnien nach vorn. Der Waldstreifen wurde genommen und schnell durchschritten. Aber frische feindliche Kräfte setzten zum Gegenangriff an und trafen namentlich die Leibkompagnie sehr schwer. Viermal hatte sie einen französischen Vorstoß auszuhalten und verlor drei tüchtige Offiziere, Lt. v. Erhardt, Meinberg und Mühlberger. Auch in den Ginsterbüschen jenseits des Waldstücks waren die Kompagnien starkem feindlichen Strichfeuer ausgesetzt, das hohe Verluste brachte und zum Rückzug in das Waldstück zwang.

Entscheidend für die Abwehr der feindlichen Umfassungsversuche wurde das Eingreifen der Maschinengewehre. Ihnen hatte der Regimentskommandeur in richtiger Erkenntnis der Gefahr von vornherein die Sicherung der linken Flanke übertragen. Sie waren daher südlich von Anloy in Stellung gegangen. Dort hatten sie bald drei französische Maschinengewehre, die zwischen den Straßen Anloy—Sart und Anloy—Haie standen, außer Gefecht gesetzt. Infolge der feindlichen Umfassung kam jedoch Hptm. Poly mit den Gewehren in eine bedrängte Lage. Da ritt Oberst Schimmelfennig in schärfstem Galopp zur Artillerie, erhielt dort zwei Geschütze und brachte sie an der gefährdeten Stelle in Front. Ein fürchterliches Blutbad begann. Die beiden Geschütze rissen ungeheure Löcher in die überflügelnden feindlichen Reihen. Schwadenweise mähten die Maschinengewehre die vorgehenden Wellen nieder und schossen mit entsetzlicher Genauigkeit und Unerbittlichkeit die Schützenlinien des Gegners zusammen, so daß jedes Leben in ihnen erstarrte. Gefangene schilderten entsetzt die grauenhafte Wirkung dieses vereinigten Artillerie- und M.G.-Feuers, von der man sich am andern Tage beim Überschreiten des Schlachtfeldes mit Schaudern überzeugen konnte.

So tobte der heiße Kampf den ganzen Nachmittag, hier in wildem Handgemenge mit wüstem Schreien, dort in schrecklichem Zischen und Heulen der todbringenden Geschosse, in Angriff und Gegenangriff um den Besitz einzelner Waldstücke, in wildem Vorstürmen und entsetztem Zurückgehen. Die Wildheit hatte besonders beim II. und III. Batl. jede Einheitlichkeit über den Haufen geworfen. So wird erklärlich, daß Teile der 10. und 11. Komp. weit rechts beim J.R. 117 gegen das Dorf Maissin kämpften. Aber immer noch war die endgültige Entscheidung nicht gefallen. Zwar begann von 5 Uhr nachm. an unsere Artillerie kräftiger zu wirken. Die Waldstücke, in denen sich der Gegner noch hielt, wurden planmäßig beschossen. Immer tiefer stießen die Kompagnien dem Gegner nach Westen nach. Trefflich half dem I. Batl. eine Kompagnie der 21. Pioniere, deren Führer, Hptm. Peters, den Heldentod starb. Doch nur schrittweise gab der Feind eine Stellung nach der anderen auf. Da ertönten gegen 7 Uhr nachm. in unserem Rücken Kommandorufe. Die lang ersehnte Unterstützung war da! In vierstündigem Marsche war die 16. R.D. unter Generallt. Mooz von der Eisenbahn nach dem Schlachtfelde geeilt, um den Kameraden Hilfe zu bringen. Nun schwärmten die Kompagnien des R.J.R. 28 ein. Da gab’s kein Halten mehr. Mit Bajonett und Spaten wurde der bis zum äußersten sich wehrende Gegner aus seinen letzten Stellungen geworfen. Blau und rot quoll es aus den Waldstücken heraus. Auf wenige hundert Meter lief der nach Süden abziehende Gegner in das Flankenfeuer des I. Batls. hinein und erlitt schreckliche Verluste. Erst die Dunkelheit machte dem Kampfe ein Ende. Völlig erschöpft sammelten sich die Bataillone auf der Höhe bei Anloy. Bei der Unsicherheit der Gesamtlage — der rechte Flügel der Division hatte wegen drohender Umfassung das um 5 Uhr nachm. gestürmte Maissin wieder räumen müssen — wurde die Höhe und der Dorfrand zur Verteidigung eingerichtet.

Eine schwere Aufgabe harrte der Ärzte und Krankenträger. Im Kampfe mit Freischärlern, die aus den Häusern auf die durchziehenden Verwundeten schossen und die Gefechtsstaffel zersprengten, hatte Stabsarzt Dr. Szubinski am Westausgang des Dorfes den Verbandplatz des Regiments eingerichtet. Den ganzen Nachmittag über strömten die Verwundeten zu, und bald war alles überfüllt. Eine schier nicht zu bewältigende Arbeit für fünf Ärzte mit wenigen Helfern; dazu in stundenlangem Artilleriefeuer. Nach Mitternacht erschienen die Krankenträger der Sanitätskompagnie mit Fackeln. Sie wurden aber beim Absuchen des Schlachtfeldes noch vielfach vom Feinde beschossen. Trotzdem wurden die meisten der hilflos daliegenden und dem Verschmachten nahen Schwerverwundeten noch während der Nacht zurückgeschafft. Viele aber mußten in ihrer Todespein den kommenden Morgen abwarten, bis sie aufgefunden und geborgen werden konnten.Die erste Schlacht war geschlagen. Der blutigste Tag des ganzen Krieges lag hinter dem Regiment. Der Sieg hatte sich an seine Fahnen geheftet. Ein starker und tapferer Gegner war aus Stellungen gejagt worden, die er sich drei Tage lang mit Sorgfalt ausgesucht und ausgebaut hatte. Rühmliche Taten, die alle der Erwähnung wert wären, waren allerorten vollbracht worden. Aber groß, sehr groß waren auch die Verluste. Kein Tag des Feldzugs hat vom Regiment so viele Opfer gefordert wie der Tag von Anloy. Innerhalb weniger Stunden hat es über 1000 Mann, mehr als ein Drittel seines Bestandes, verloren. 13 Offiziere, darunter außer den schon erwähnten der bewährte Führer der 4. Komp., Hptm. v. Normann, und Oberlt. Ebel von der 6., der am nächsten Morgen seiner schweren Verwundung erlag, ferner Lt. Becker, v. Grolmann, Eichhoff, Klein, Walter und der Fahnenj. Schäfer waren auf dem Schlachtfelde geblieben; 340 brave Unteroffiziere und Mannschaften waren mit ihnen in den Tod gegangen. Fast doppelt so hoch war die Zahl der Verwundeten. Unter ihnen waren 20 Offiziere: Das I. Batl. hatte den Hptm. v. Thümen und die Lts. Locher, Malzahn, Pieper, Scherer und den Fähnr. Marquardt verloren; das II. büßte Lt. Schroeder, Johlen, Hellwig und Buchholz ein; am schwersten aber waren die Verluste beim III., wo außer den vier Kompagnieführern die Lts. Dingeldein, Flotho, Fischer, Loerbrocks, Schmidt, Meyer und Freytag fehlten. In der M.G.K. waren Oberlt. Kienitz und Lt. de Harde (D. E.) verwundet. An Unteroffizieren und Mannschaften waren 599 verwundet, 72 wurden vermißt. Der Name Anloy sollte einen schrecklichen Klang in der hessischen Heimat erhalten. Da war kein Städtchen und Dörfchen, in das nicht die Nachricht gedrungen wäre: „Bei Anloy gefallen!“ Aber darum ist der Name auch zum Ehrennamen der Kämpfer des 22. August geworden. Von allen Kränzen, die sich das Regiment in diesem großen Krieg errungen, ist der Kranz von Anloy der schönste. Er wird nie welken.“

Man begrub Ernst Häuser auf dem Soldatenfriedhof Anloy-Heide in Block 3, Grab 299.

Die Todesanzeige für Ernst Häuser im Gießener Anzeiger

Sonderbeitrag: Fritz Dahmen

Der Soldat Fritz Dahmen stammte aus der hessischen Universitätsstadt Gießen. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er als Reservist und Musketier in der 8. Kompanie des 116. Infanterie-Regiments. Am 22.08.1914 fiel er in Belgien, in der Walonie, nahe der Ortschaft Anloy im Alter von 22 Jahren.

Über den Todestag und die Todesumstände von Fritz Dahmen berichtet die Regimentsgeschichte des 116. Infanterie-Regiments:

„Gegen 6 Uhr vorm. (22. August) trat das Regiment als Vorhut den Marsch über Ochamps nach Glaireuse an. Auf den Höhen nördlich von diesem Dorfe stellte es sich bereit. Die Bereitstellung war gegen 9 Uhr vorm. beendet, und die Truppen waren eben aus den Feldküchen verpflegt worden, da traf folgender Befehl ein: „J.R. 116 geht auf dem linken Flügel der 49. Inf.Brig. vor, mit dem linken Flügel an der Südecke von Anloy vorbei, rechts Anschluß an J.R. 115. Die Linie Anloy—Bournonwald soll vorerst nicht überschritten werden.“ Über die allgemeine Lage wurde bekannt, daß die 4. Armee mit dem VI. A.K. und VIII. R.K. die Flanken der angreifenden 3. und 5. Armee decken und in ihrer Mitte am Lesse-Abschnitt (XVIII. A.K.) und bei Neufchâteau (XVIII. R.K.) eine Bereitstellung einnehmen sollte. Die Nachrichten über den Feind waren immer noch sehr unbestimmt. Nach Fliegermeldungen sollten in den Wäldern jenseits des Lessebaches nur Kavallerieabteilungen stehen. Die feindliche Infanterie wurde etwa 50 km dahinter vermutet.

Das Regiment nahm das II. und III. Batl. ins erste Treffen; hinter dem III. Batl. folgte die M.G.K. Das I. Batl. war hinter dem linken Flügel gestaffelt und stand zunächst der Brigade zur Verfügung. In guter Ordnung entfalteten sich die Kompagnien und gingen, nachdem der Südrand von Anloy überschritten war, in Schützenwellen vor. Weiter rechts, wo die 50. Inf.Brig. über Libin gegen Maissin vorging, wurde lebhaftes Gewehr- und Artilleriefeuer laut. Unsere Brigade (49. I.B.) dagegen hatte bereits die befohlene Linie erreicht, ohne auf einen Gegner zu stoßen. So wurde die befohlene Linie im Anschluß an die rechten Nachbartruppen überschritten. Doch kaum hatten die ersten Wellen des II. und III. Batls. gegen 2 Uhr nachm. die Höhen südwestlich von Anloy erreicht, als ihnen aus einer Entfernung von kaum 400 m lebhaftes Infanterie- und M.G.-Feuer entgegenschlug. Und doch war vom Gegner nichts zu sehen. In Getreidefeldern und am Waldrande hielt er sich vorzüglich gedeckt, so daß kein sicherer Schuß auf ihn anzubringen war. Aber dem ungestümen, unserem Infanteristen zur zweiten Natur gewordenen Drang nach vorwärts zeigte sich der Feind nicht gewachsen. Trotz des starken Feuers und trotz der hemmenden Drahtumzäunungen der Felder gelang es nach mehrmaligem Ansturm, die Getreidefelder allmählich vom Feinde zu säubern und die nächsten Waldstücke zu erreichen. Namentlich am rechten Flügel wurde der Angriff mit rasender Schnelligkeit vorgetragen. Trotz schwerer Verluste und trotz der Mahnungen der Offiziere zur Besonnenheit ging alles nach vorn durch.

Im Walde war zunächst das dichte Unterholz ein schwieriges Hindernis und verursachte viele Verluste. Ein weiteres Hemmnis waren die vielen gut versteckten französischen Baumschützen, die dem Angreifer aus unmittelbarer Nähe ihre verderblichen Schüsse entgesandten, eine Kampfesweise, auf die der Deutsche nicht gefaßt war, gegen die er aberbald wirksame Abhilfe fand. Auch das eigene Artilleriefeuer belästigte hier stellenweise die vorgehenden Kompagnien. In wildem Drauflosgehen und hartem Ringen dachte man wenig an die Verbindung nach rückwärts, so daß unsere Artillerie nicht wissen konnte, wie weit der Angriff an den einzelnen Punkten vorgetragen war. Aber alle diese Schwierigkeiten konnten den Siegeslauf der in blinder Wut vorstürmenden Hessen nicht aufhalten. Waldstück auf Waldstück wurde dem Gegner entrissen, wobei sich an den einzelnen Waldrändern besonders erbitterte Kämpfe mit dem zähen Gegner abspielten. Hier war es auch, wo die beiden unerschrockenen Führer der 10. und 11. Komp., die Hauptleute v. Weltzien und Mattel, einen frühen Heldentod fanden. Auch die Führer der 9. und 12. Komp., Hauptleute Wolf und Buhz, mußten schwer verwundet vom Schlachtfeld getragen werden.

So wogte beim II. und III. Batl. der Kampf in der heißen Augustsonne schon die dritte Stunde. Da drohte gegen 4 Uhr nachm. ein gefährlicher Rückschlag: Der vorher schon an Zahl überlegene Gegner des Regiments schob in der Front ein neues Bataillon ein und suchte gleichzeitig unsere linke Flanke mit zwei frischen Jägerbataillonen zu umfassen. Der Angriff in der Front aus dem Walde Derrière-Horimont konnte zunächst vom II. und III. Batl. nicht aufgefangen werden: Die beiden Bataillone waren zu hart mitgenommen, die Verbände zu sehr durcheinandergewürfelt. So mußten sie dem Stoß ausweichen. Aber bald stellte ein M.G.-Zug unter Lt. de Harde sowie eine Kompagnie der 21. Pioniere die Lage wieder her. Lt. Brendel, der Adjutant des II. Batls., warf sich mit etwa 100 Versprengten aus allen Kompagnien gegen die rechte Flanke. Von neuem kam der Angriff in Fluß, auch das frische Bataillon des Gegners wurde geworfen. Teile der 5. und 8. Komp. unterstützten die 4. und 6. Komp. des J.R. 115 beim Sturm auf eine feindliche Batterie, die nach hartem Ringen erobert und trotz mehrfacher wilder Gegenangriffe behauptet wurde. Vizef. Dutiné (8. K.) und Braun (5. K.) zeichneten sich dabei besonders aus.

Nicht minder schwierig gestaltete sich der Kampf auf dem linken Flügel des Regiments. Hier klaffte eine bedenkliche Lücke in der deutschen Kampffront, da das XVIII. R.K. nach Süden vorgestoßen war. Der Gegner hatte diesen schwachen Punkt bald erkannt und holte von Stunde zu Stunde weiter nach links zur Umfassung aus. Als hier gleich zu Beginn der Schlacht das links gestaffelte I. Batl. in Marschkolonne aus einem Hohlweg südwestlich von Anloy heraustrat, wurde es mit einem Hagel von Geschossen überschüttet, so daß alles volle Deckung nehmen mußte. Die vorderen Kompagnien entwickelten sich gruppenweise nach links und arbeiteten sich in wütendem Infanteriefeuer durch hohe Getreidefelder, ohne indes vom Feinde etwas zu sehen. In einem toten Winkel konnten die 3. und 4. Komp. kurz Atem schöpfen. Ihre drei noch am Leben gebliebenen Zugführer, Lt. Pieper, Locher und Offzst. Petri, ordneten hier, was sich um sie gesammelt hatte, und griffen dann ein von den Haubitzen der 61er sturmreif geschossenes, stark besetztes Waldstück an. Mutig trug der Sergt. Pistler, umzischt von zahlreichen Geschossen, die entfaltete Fahne des Bataillons mit den stürmenden Kompagnien nach vorn. Der Waldstreifen wurde genommen und schnell durchschritten. Aber frische feindliche Kräfte setzten zum Gegenangriff an und trafen namentlich die Leibkompagnie sehr schwer. Viermal hatte sie einen französischen Vorstoß auszuhalten und verlor drei tüchtige Offiziere, Lt. v. Erhardt, Meinberg und Mühlberger. Auch in den Ginsterbüschen jenseits des Waldstücks waren die Kompagnien starkem feindlichen Strichfeuer ausgesetzt, das hohe Verluste brachte und zum Rückzug in das Waldstück zwang.

Entscheidend für die Abwehr der feindlichen Umfassungsversuche wurde das Eingreifen der Maschinengewehre. Ihnen hatte der Regimentskommandeur in richtiger Erkenntnis der Gefahr von vornherein die Sicherung der linken Flanke übertragen. Sie waren daher südlich von Anloy in Stellung gegangen. Dort hatten sie bald drei französische Maschinengewehre, die zwischen den Straßen Anloy—Sart und Anloy—Haie standen, außer Gefecht gesetzt. Infolge der feindlichen Umfassung kam jedoch Hptm. Poly mit den Gewehren in eine bedrängte Lage. Da ritt Oberst Schimmelfennig in schärfstem Galopp zur Artillerie, erhielt dort zwei Geschütze und brachte sie an der gefährdeten Stelle in Front. Ein fürchterliches Blutbad begann. Die beiden Geschütze rissen ungeheure Löcher in die überflügelnden feindlichen Reihen. Schwadenweise mähten die Maschinengewehre die vorgehenden Wellen nieder und schossen mit entsetzlicher Genauigkeit und Unerbittlichkeit die Schützenlinien des Gegners zusammen, so daß jedes Leben in ihnen erstarrte. Gefangene schilderten entsetzt die grauenhafte Wirkung dieses vereinigten Artillerie- und M.G.-Feuers, von der man sich am andern Tage beim Überschreiten des Schlachtfeldes mit Schaudern überzeugen konnte.

So tobte der heiße Kampf den ganzen Nachmittag, hier in wildem Handgemenge mit wüstem Schreien, dort in schrecklichem Zischen und Heulen der todbringenden Geschosse, in Angriff und Gegenangriff um den Besitz einzelner Waldstücke, in wildem Vorstürmen und entsetztem Zurückgehen. Die Wildheit hatte besonders beim II. und III. Batl. jede Einheitlichkeit über den Haufen geworfen. So wird erklärlich, daß Teile der 10. und 11. Komp. weit rechts beim J.R. 117 gegen das Dorf Maissin kämpften. Aber immer noch war die endgültige Entscheidung nicht gefallen. Zwar begann von 5 Uhr nachm. an unsere Artillerie kräftiger zu wirken. Die Waldstücke, in denen sich der Gegner noch hielt, wurden planmäßig beschossen. Immer tiefer stießen die Kompagnien dem Gegner nach Westen nach. Trefflich half dem I. Batl. eine Kompagnie der 21. Pioniere, deren Führer, Hptm. Peters, den Heldentod starb. Doch nur schrittweise gab der Feind eine Stellung nach der anderen auf. Da ertönten gegen 7 Uhr nachm. in unserem Rücken Kommandorufe. Die lang ersehnte Unterstützung war da! In vierstündigem Marsche war die 16. R.D. unter Generallt. Mooz von der Eisenbahn nach dem Schlachtfelde geeilt, um den Kameraden Hilfe zu bringen. Nun schwärmten die Kompagnien des R.J.R. 28 ein. Da gab’s kein Halten mehr. Mit Bajonett und Spaten wurde der bis zum äußersten sich wehrende Gegner aus seinen letzten Stellungen geworfen. Blau und rot quoll es aus den Waldstücken heraus. Auf wenige hundert Meter lief der nach Süden abziehende Gegner in das Flankenfeuer des I. Batls. hinein und erlitt schreckliche Verluste. Erst die Dunkelheit machte dem Kampfe ein Ende. Völlig erschöpft sammelten sich die Bataillone auf der Höhe bei Anloy. Bei der Unsicherheit der Gesamtlage — der rechte Flügel der Division hatte wegen drohender Umfassung das um 5 Uhr nachm. gestürmte Maissin wieder räumen müssen — wurde die Höhe und der Dorfrand zur Verteidigung eingerichtet.

Eine schwere Aufgabe harrte der Ärzte und Krankenträger. Im Kampfe mit Freischärlern, die aus den Häusern auf die durchziehenden Verwundeten schossen und die Gefechtsstaffel zersprengten, hatte Stabsarzt Dr. Szubinski am Westausgang des Dorfes den Verbandplatz des Regiments eingerichtet. Den ganzen Nachmittag über strömten die Verwundeten zu, und bald war alles überfüllt. Eine schier nicht zu bewältigende Arbeit für fünf Ärzte mit wenigen Helfern; dazu in stundenlangem Artilleriefeuer. Nach Mitternacht erschienen die Krankenträger der Sanitätskompagnie mit Fackeln. Sie wurden aber beim Absuchen des Schlachtfeldes noch vielfach vom Feinde beschossen. Trotzdem wurden die meisten der hilflos daliegenden und dem Verschmachten nahen Schwerverwundeten noch während der Nacht zurückgeschafft. Viele aber mußten in ihrer Todespein den kommenden Morgen abwarten, bis sie aufgefunden und geborgen werden konnten.Die erste Schlacht war geschlagen. Der blutigste Tag des ganzen Krieges lag hinter dem Regiment. Der Sieg hatte sich an seine Fahnen geheftet. Ein starker und tapferer Gegner war aus Stellungen gejagt worden, die er sich drei Tage lang mit Sorgfalt ausgesucht und ausgebaut hatte. Rühmliche Taten, die alle der Erwähnung wert wären, waren allerorten vollbracht worden. Aber groß, sehr groß waren auch die Verluste. Kein Tag des Feldzugs hat vom Regiment so viele Opfer gefordert wie der Tag von Anloy. Innerhalb weniger Stunden hat es über 1000 Mann, mehr als ein Drittel seines Bestandes, verloren. 13 Offiziere, darunter außer den schon erwähnten der bewährte Führer der 4. Komp., Hptm. v. Normann, und Oberlt. Ebel von der 6., der am nächsten Morgen seiner schweren Verwundung erlag, ferner Lt. Becker, v. Grolmann, Eichhoff, Klein, Walter und der Fahnenj. Schäfer waren auf dem Schlachtfelde geblieben; 340 brave Unteroffiziere und Mannschaften waren mit ihnen in den Tod gegangen. Fast doppelt so hoch war die Zahl der Verwundeten. Unter ihnen waren 20 Offiziere: Das I. Batl. hatte den Hptm. v. Thümen und die Lts. Locher, Malzahn, Pieper, Scherer und den Fähnr. Marquardt verloren; das II. büßte Lt. Schroeder, Johlen, Hellwig und Buchholz ein; am schwersten aber waren die Verluste beim III., wo außer den vier Kompagnieführern die Lts. Dingeldein, Flotho, Fischer, Loerbrocks, Schmidt, Meyer und Freytag fehlten. In der M.G.K. waren Oberlt. Kienitz und Lt. de Harde (D. E.) verwundet. An Unteroffizieren und Mannschaften waren 599 verwundet, 72 wurden vermißt. Der Name Anloy sollte einen schrecklichen Klang in der hessischen Heimat erhalten. Da war kein Städtchen und Dörfchen, in das nicht die Nachricht gedrungen wäre: „Bei Anloy gefallen!“ Aber darum ist der Name auch zum Ehrennamen der Kämpfer des 22. August geworden. Von allen Kränzen, die sich das Regiment in diesem großen Krieg errungen, ist der Kranz von Anloy der schönste. Er wird nie welken.“

Man begrub Fritz Dahmen auf dem Soldatenfriedhof Anloy-Heide in Block 3, Grab 66.

Die Todesanzeige für Fritz Dahmen im Gießener Anzeiger

Sonderbeitrag: Hermann Stehling

Der Soldat Hermann Stehling stammte aus der hessischen Universitätsstadt Gießen. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er als Musketier in der 5. Kompanie des 116. Infanterie-Regiments. Am 22.08.1914 fiel er im Alter von 19 Jahren bei Anloy in Belgien (Walonie).

Über den Todestag und die Todesumstände von Hermann Stehling berichtet die Regimentsgeschichte des 116. Infanterie-Regiments:

„Gegen 6 Uhr vorm. (22. August) trat das Regiment als Vorhut den Marsch über Ochamps nach Glaireuse an. Auf den Höhen nördlich von diesem Dorfe stellte es sich bereit. Die Bereitstellung war gegen 9 Uhr vorm. beendet, und die Truppen waren eben aus den Feldküchen verpflegt worden, da traf folgender Befehl ein: „J.R. 116 geht auf dem linken Flügel der 49. Inf.Brig. vor, mit dem linken Flügel an der Südecke von Anloy vorbei, rechts Anschluß an J.R. 115. Die Linie Anloy—Bournonwald soll vorerst nicht überschritten werden.“ Über die allgemeine Lage wurde bekannt, daß die 4. Armee mit dem VI. A.K. und VIII. R.K. die Flanken der angreifenden 3. und 5. Armee decken und in ihrer Mitte am Lesse-Abschnitt (XVIII. A.K.) und bei Neufchâteau (XVIII. R.K.) eine Bereitstellung einnehmen sollte. Die Nachrichten über den Feind waren immer noch sehr unbestimmt. Nach Fliegermeldungen sollten in den Wäldern jenseits des Lessebaches nur Kavallerieabteilungen stehen. Die feindliche Infanterie wurde etwa 50 km dahinter vermutet.

Das Regiment nahm das II. und III. Batl. ins erste Treffen; hinter dem III. Batl. folgte die M.G.K. Das I. Batl. war hinter dem linken Flügel gestaffelt und stand zunächst der Brigade zur Verfügung. In guter Ordnung entfalteten sich die Kompagnien und gingen, nachdem der Südrand von Anloy überschritten war, in Schützenwellen vor. Weiter rechts, wo die 50. Inf.Brig. über Libin gegen Maissin vorging, wurde lebhaftes Gewehr- und Artilleriefeuer laut. Unsere Brigade (49. I.B.) dagegen hatte bereits die befohlene Linie erreicht, ohne auf einen Gegner zu stoßen. So wurde die befohlene Linie im Anschluß an die rechten Nachbartruppen überschritten. Doch kaum hatten die ersten Wellen des II. und III. Batls. gegen 2 Uhr nachm. die Höhen südwestlich von Anloy erreicht, als ihnen aus einer Entfernung von kaum 400 m lebhaftes Infanterie- und M.G.-Feuer entgegenschlug. Und doch war vom Gegner nichts zu sehen. In Getreidefeldern und am Waldrande hielt er sich vorzüglich gedeckt, so daß kein sicherer Schuß auf ihn anzubringen war. Aber dem ungestümen, unserem Infanteristen zur zweiten Natur gewordenen Drang nach vorwärts zeigte sich der Feind nicht gewachsen. Trotz des starken Feuers und trotz der hemmenden Drahtumzäunungen der Felder gelang es nach mehrmaligem Ansturm, die Getreidefelder allmählich vom Feinde zu säubern und die nächsten Waldstücke zu erreichen. Namentlich am rechten Flügel wurde der Angriff mit rasender Schnelligkeit vorgetragen. Trotz schwerer Verluste und trotz der Mahnungen der Offiziere zur Besonnenheit ging alles nach vorn durch.

Im Walde war zunächst das dichte Unterholz ein schwieriges Hindernis und verursachte viele Verluste. Ein weiteres Hemmnis waren die vielen gut versteckten französischen Baumschützen, die dem Angreifer aus unmittelbarer Nähe ihre verderblichen Schüsse entgesandten, eine Kampfesweise, auf die der Deutsche nicht gefaßt war, gegen die er aberbald wirksame Abhilfe fand. Auch das eigene Artilleriefeuer belästigte hier stellenweise die vorgehenden Kompagnien. In wildem Drauflosgehen und hartem Ringen dachte man wenig an die Verbindung nach rückwärts, so daß unsere Artillerie nicht wissen konnte, wie weit der Angriff an den einzelnen Punkten vorgetragen war. Aber alle diese Schwierigkeiten konnten den Siegeslauf der in blinder Wut vorstürmenden Hessen nicht aufhalten. Waldstück auf Waldstück wurde dem Gegner entrissen, wobei sich an den einzelnen Waldrändern besonders erbitterte Kämpfe mit dem zähen Gegner abspielten. Hier war es auch, wo die beiden unerschrockenen Führer der 10. und 11. Komp., die Hauptleute v. Weltzien und Mattel, einen frühen Heldentod fanden. Auch die Führer der 9. und 12. Komp., Hauptleute Wolf und Buhz, mußten schwer verwundet vom Schlachtfeld getragen werden.

So wogte beim II. und III. Batl. der Kampf in der heißen Augustsonne schon die dritte Stunde. Da drohte gegen 4 Uhr nachm. ein gefährlicher Rückschlag: Der vorher schon an Zahl überlegene Gegner des Regiments schob in der Front ein neues Bataillon ein und suchte gleichzeitig unsere linke Flanke mit zwei frischen Jägerbataillonen zu umfassen. Der Angriff in der Front aus dem Walde Derrière-Horimont konnte zunächst vom II. und III. Batl. nicht aufgefangen werden: Die beiden Bataillone waren zu hart mitgenommen, die Verbände zu sehr durcheinandergewürfelt. So mußten sie dem Stoß ausweichen. Aber bald stellte ein M.G.-Zug unter Lt. de Harde sowie eine Kompagnie der 21. Pioniere die Lage wieder her. Lt. Brendel, der Adjutant des II. Batls., warf sich mit etwa 100 Versprengten aus allen Kompagnien gegen die rechte Flanke. Von neuem kam der Angriff in Fluß, auch das frische Bataillon des Gegners wurde geworfen. Teile der 5. und 8. Komp. unterstützten die 4. und 6. Komp. des J.R. 115 beim Sturm auf eine feindliche Batterie, die nach hartem Ringen erobert und trotz mehrfacher wilder Gegenangriffe behauptet wurde. Vizef. Dutiné (8. K.) und Braun (5. K.) zeichneten sich dabei besonders aus.

Nicht minder schwierig gestaltete sich der Kampf auf dem linken Flügel des Regiments. Hier klaffte eine bedenkliche Lücke in der deutschen Kampffront, da das XVIII. R.K. nach Süden vorgestoßen war. Der Gegner hatte diesen schwachen Punkt bald erkannt und holte von Stunde zu Stunde weiter nach links zur Umfassung aus. Als hier gleich zu Beginn der Schlacht das links gestaffelte I. Batl. in Marschkolonne aus einem Hohlweg südwestlich von Anloy heraustrat, wurde es mit einem Hagel von Geschossen überschüttet, so daß alles volle Deckung nehmen mußte. Die vorderen Kompagnien entwickelten sich gruppenweise nach links und arbeiteten sich in wütendem Infanteriefeuer durch hohe Getreidefelder, ohne indes vom Feinde etwas zu sehen. In einem toten Winkel konnten die 3. und 4. Komp. kurz Atem schöpfen. Ihre drei noch am Leben gebliebenen Zugführer, Lt. Pieper, Locher und Offzst. Petri, ordneten hier, was sich um sie gesammelt hatte, und griffen dann ein von den Haubitzen der 61er sturmreif geschossenes, stark besetztes Waldstück an. Mutig trug der Sergt. Pistler, umzischt von zahlreichen Geschossen, die entfaltete Fahne des Bataillons mit den stürmenden Kompagnien nach vorn. Der Waldstreifen wurde genommen und schnell durchschritten. Aber frische feindliche Kräfte setzten zum Gegenangriff an und trafen namentlich die Leibkompagnie sehr schwer. Viermal hatte sie einen französischen Vorstoß auszuhalten und verlor drei tüchtige Offiziere, Lt. v. Erhardt, Meinberg und Mühlberger. Auch in den Ginsterbüschen jenseits des Waldstücks waren die Kompagnien starkem feindlichen Strichfeuer ausgesetzt, das hohe Verluste brachte und zum Rückzug in das Waldstück zwang.

Entscheidend für die Abwehr der feindlichen Umfassungsversuche wurde das Eingreifen der Maschinengewehre. Ihnen hatte der Regimentskommandeur in richtiger Erkenntnis der Gefahr von vornherein die Sicherung der linken Flanke übertragen. Sie waren daher südlich von Anloy in Stellung gegangen. Dort hatten sie bald drei französische Maschinengewehre, die zwischen den Straßen Anloy—Sart und Anloy—Haie standen, außer Gefecht gesetzt. Infolge der feindlichen Umfassung kam jedoch Hptm. Poly mit den Gewehren in eine bedrängte Lage. Da ritt Oberst Schimmelfennig in schärfstem Galopp zur Artillerie, erhielt dort zwei Geschütze und brachte sie an der gefährdeten Stelle in Front. Ein fürchterliches Blutbad begann. Die beiden Geschütze rissen ungeheure Löcher in die überflügelnden feindlichen Reihen. Schwadenweise mähten die Maschinengewehre die vorgehenden Wellen nieder und schossen mit entsetzlicher Genauigkeit und Unerbittlichkeit die Schützenlinien des Gegners zusammen, so daß jedes Leben in ihnen erstarrte. Gefangene schilderten entsetzt die grauenhafte Wirkung dieses vereinigten Artillerie- und M.G.-Feuers, von der man sich am andern Tage beim Überschreiten des Schlachtfeldes mit Schaudern überzeugen konnte.

So tobte der heiße Kampf den ganzen Nachmittag, hier in wildem Handgemenge mit wüstem Schreien, dort in schrecklichem Zischen und Heulen der todbringenden Geschosse, in Angriff und Gegenangriff um den Besitz einzelner Waldstücke, in wildem Vorstürmen und entsetztem Zurückgehen. Die Wildheit hatte besonders beim II. und III. Batl. jede Einheitlichkeit über den Haufen geworfen. So wird erklärlich, daß Teile der 10. und 11. Komp. weit rechts beim J.R. 117 gegen das Dorf Maissin kämpften. Aber immer noch war die endgültige Entscheidung nicht gefallen. Zwar begann von 5 Uhr nachm. an unsere Artillerie kräftiger zu wirken. Die Waldstücke, in denen sich der Gegner noch hielt, wurden planmäßig beschossen. Immer tiefer stießen die Kompagnien dem Gegner nach Westen nach. Trefflich half dem I. Batl. eine Kompagnie der 21. Pioniere, deren Führer, Hptm. Peters, den Heldentod starb. Doch nur schrittweise gab der Feind eine Stellung nach der anderen auf. Da ertönten gegen 7 Uhr nachm. in unserem Rücken Kommandorufe. Die lang ersehnte Unterstützung war da! In vierstündigem Marsche war die 16. R.D. unter Generallt. Mooz von der Eisenbahn nach dem Schlachtfelde geeilt, um den Kameraden Hilfe zu bringen. Nun schwärmten die Kompagnien des R.J.R. 28 ein. Da gab’s kein Halten mehr. Mit Bajonett und Spaten wurde der bis zum äußersten sich wehrende Gegner aus seinen letzten Stellungen geworfen. Blau und rot quoll es aus den Waldstücken heraus. Auf wenige hundert Meter lief der nach Süden abziehende Gegner in das Flankenfeuer des I. Batls. hinein und erlitt schreckliche Verluste. Erst die Dunkelheit machte dem Kampfe ein Ende. Völlig erschöpft sammelten sich die Bataillone auf der Höhe bei Anloy. Bei der Unsicherheit der Gesamtlage — der rechte Flügel der Division hatte wegen drohender Umfassung das um 5 Uhr nachm. gestürmte Maissin wieder räumen müssen — wurde die Höhe und der Dorfrand zur Verteidigung eingerichtet.

Eine schwere Aufgabe harrte der Ärzte und Krankenträger. Im Kampfe mit Freischärlern, die aus den Häusern auf die durchziehenden Verwundeten schossen und die Gefechtsstaffel zersprengten, hatte Stabsarzt Dr. Szubinski am Westausgang des Dorfes den Verbandplatz des Regiments eingerichtet. Den ganzen Nachmittag über strömten die Verwundeten zu, und bald war alles überfüllt. Eine schier nicht zu bewältigende Arbeit für fünf Ärzte mit wenigen Helfern; dazu in stundenlangem Artilleriefeuer. Nach Mitternacht erschienen die Krankenträger der Sanitätskompagnie mit Fackeln. Sie wurden aber beim Absuchen des Schlachtfeldes noch vielfach vom Feinde beschossen. Trotzdem wurden die meisten der hilflos daliegenden und dem Verschmachten nahen Schwerverwundeten noch während der Nacht zurückgeschafft. Viele aber mußten in ihrer Todespein den kommenden Morgen abwarten, bis sie aufgefunden und geborgen werden konnten.Die erste Schlacht war geschlagen. Der blutigste Tag des ganzen Krieges lag hinter dem Regiment. Der Sieg hatte sich an seine Fahnen geheftet. Ein starker und tapferer Gegner war aus Stellungen gejagt worden, die er sich drei Tage lang mit Sorgfalt ausgesucht und ausgebaut hatte. Rühmliche Taten, die alle der Erwähnung wert wären, waren allerorten vollbracht worden. Aber groß, sehr groß waren auch die Verluste. Kein Tag des Feldzugs hat vom Regiment so viele Opfer gefordert wie der Tag von Anloy. Innerhalb weniger Stunden hat es über 1000 Mann, mehr als ein Drittel seines Bestandes, verloren. 13 Offiziere, darunter außer den schon erwähnten der bewährte Führer der 4. Komp., Hptm. v. Normann, und Oberlt. Ebel von der 6., der am nächsten Morgen seiner schweren Verwundung erlag, ferner Lt. Becker, v. Grolmann, Eichhoff, Klein, Walter und der Fahnenj. Schäfer waren auf dem Schlachtfelde geblieben; 340 brave Unteroffiziere und Mannschaften waren mit ihnen in den Tod gegangen. Fast doppelt so hoch war die Zahl der Verwundeten. Unter ihnen waren 20 Offiziere: Das I. Batl. hatte den Hptm. v. Thümen und die Lts. Locher, Malzahn, Pieper, Scherer und den Fähnr. Marquardt verloren; das II. büßte Lt. Schroeder, Johlen, Hellwig und Buchholz ein; am schwersten aber waren die Verluste beim III., wo außer den vier Kompagnieführern die Lts. Dingeldein, Flotho, Fischer, Loerbrocks, Schmidt, Meyer und Freytag fehlten. In der M.G.K. waren Oberlt. Kienitz und Lt. de Harde (D. E.) verwundet. An Unteroffizieren und Mannschaften waren 599 verwundet, 72 wurden vermißt. Der Name Anloy sollte einen schrecklichen Klang in der hessischen Heimat erhalten. Da war kein Städtchen und Dörfchen, in das nicht die Nachricht gedrungen wäre: „Bei Anloy gefallen!“ Aber darum ist der Name auch zum Ehrennamen der Kämpfer des 22. August geworden. Von allen Kränzen, die sich das Regiment in diesem großen Krieg errungen, ist der Kranz von Anloy der schönste. Er wird nie welken.“

Man begrub Karl Burk auf dem Soldatenfriedhof Anloy-Heide in Block 3, Grab 1.

Hermann Stehling

Die Todesanzeige für Hermann Stehling im Gießener Anzeiger