Exkursionsziele in den Herbstferien 2023

In den vergangenen Tagen war ich für eine siebentägige Reise im Münstertal. Ich wohnte in Stoßwihr und konnte von dort aus Exkursionen u. a. an den Lingekopf, unterhalb des Kleinen Bellchen und zu den Soldatenfriedhöfen in Colmar, Münster, Breitenbach und Drei Ähren unternehmen.

Neben umfangreichen Inaugenscheinnahmen von geschichtlichen Orten und Recherchearbeiten nutzte ich die Gelegenheit, alle Gräber auf den Soldatenfriedhöfen in Colmar, Münster und Drei Ähren zu fotografieren. Die so gewonnenen Daten werde ich nutzen, in den nächsten Jahren möglichst alle Schicksale der Gefallenen auf den drei Friedhöfen so weit wie möglich zu recherchieren und zu dokumentieren.

Hugo Schorg – gefallen am Lingekopf

Der Soldat Hugo Schorg wurde am 24.01.1887 in Hauteroda geboren, einem Ortsteil der Stadt An der Schmück im heutigen Bundesland Thüringen. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er als Landsturmann in der 7. Kompanie des 78. Reserve-Infanterie-Regiment.

Am 22.08.1915 fiel er während der Vogesenkämpfe über dem Münstertal am Lingekopf, in der Nähe des Schratzmännle. Er wurde 28 Jahre alt.

Zunächst galt er als vermisst. Am 05.10.1979, also 64 Jahre nach seinem Tod, wurden seine Gebeine bei Aufräumarbeiten am Lingekopf gefunden und exhumiert.

Man bettete Hugo Schorg auf den Soldatenfriedhof Épinonville in Reihe 2, Grab 14. Warum man ihn von den Vogesen so weit nach Norden, nördlich Verdun begrub, erschließt sich mirLothringen, Umbettung nicht.

Das ehemalige Grab von Hugo Schorg am Linkekopf
Das ehemalige Grabkreuz von Hugo Schorg am Lingekopf

Die Gefallenen vom Kloster Arnsburg – Teil 2: Eduard Rudolf

Der Soldat Eduard Rudolf wurde am 11.10.1885 in Kalinow in Oberschlesien (seit 1945 polnisch: Kalinów (Strzelce Opolskie)) bei Großstrehlitz (seit 1945 polnisch: Strzelce Opolskie). Im Ersten Weltkrieg kämpfte er als Reservist in der 5. Kompanie des 51. Reserve-Infanterie-Regiment. Am 24.08.1914 wurde er bei bei den Kämpfen in Frankreich an der Aisne bei Arrancy schwer verwundet. Am28.09.1914 verstarb er an seiner Verwundung im Alter von 18 Jahren im Lazarett der hessischen Stadt Laubach.

Über den Tag und die Umstände der schweren Verwundung von Eduard Rudolf berichtet die Regimentsgeschichte des 51. Reserve-Infanterie-Regiment:

„Arrancy

24. August

Um 3.30 Uhr vormittags befahl die Brigade erneut weitere Nahaufklärung durch Offizier-Patrouillen: „Die Division müsse erfahren, wie stark Dorf Arrancy und die unmittelbar angrenzenden Höhen vom Feinde besetzt seien, besonders die ersten Morgenstunden seien zur Erkundung auszunutzen.

Hierüber brachte die von der 6. Kompanie entsandte Patrouille Leutnant der Reserve Brüning und 5 Mann wertvollen Aufschluss. Leutnant Brüning umging vorsichtig das Dorf, ohne auf eine feindliche Sicherung am Dorfrande zu stoßen. Kurz entschlossen verteilte er seine Leute auf die verschiedenen Dorfgassen, er selbst nahm die Hauptstarße. In den einzelnen Gehöften überraschte er die Franzosen bei der Morgentoilette, sie benahmen sich sorglos wie im Manöver. Er stellte fest, dass außer etwas Artillerie eine Maschinengewehr-Abteilung und ein Infanterie-Regiment im Dorfe lagen.

Auf Grund der einlaufenden Meldung beschloss die 12. Reserve-Division am 24. in planmäßigem Angriff Arrancy und die angrenzenden Höhenstellungen zu nehmen. Der noch während der Dunkelheit beim Regiment eintreffenden Divisions-Angriffsbefehl sagte, dass der Angriff gegen Arrancy und die angrenzenden Höhen gleichzeitig von Osten und Südosten her durch die 22. Reserve-Brigade, von Norden und Nordosten her durch die 23. Reserve-Brigade erfolgen sollte. Reserve-Feldartillerie-Regiment 12 hatte Dorf und Stellung von Osten her durch beschießung sturmreif zu machen und die feindliche Artillerie nieder zu halten. Die I. Fußartillerie-Regiment 10, vom Korps der Division zugeteilt, sollte Dorf, Stellungen und feindliche Artillerie von Norden her fassen. Die 23. Reserve-Brigade befahl daher für das Regiment: Das Reserve-Regiment 51 übernimmt am Bahndamm der Strecke Longuyon-Pierrepont von 5.30 Uhr vormittags an den Feuerschutz im Abschnitt La Maragole Scie. bis 500 Meter östlich von des von Beuville nach Süden führenden Weges für das aus Richtung Lopigneux angreifende Reserve-Regiment 22 und das von Pierrepont vorgehende Reserve-Regiment 38.

Oberstleutnant von Kameke befahl hierauf dem II. Bataillon mit der 2. Kompanie die rechte Hälfte des von der Brigade befohlenen Abschnittes und dem I. Bataillon ebenso die linke Hälfte zu besetzen, die Maschinengewehr-Kompanie sollte sich hinter dem rechten Flügel des II. Bataillons am Bahndamm bereitstellen.

Es war gegen 4.30 Uhr morgens – dichter Nebel bedeckte das Gelände – als der Angriffsbefehl die vorderen Kompanien erreichte. Steif und fröstelnd erhoben sich die Schützen aus ihren flachen Erddeckungen. Man fuhr sich einige Male mit der Hand über die Augen, befreite seine Sachen notdürftig von dem anheftenden Lehm und begann Mantel und Zeltbahn zu rollen. Die Toilette war damit im allgemeinen beendet. Nicht alle Kompanien bekamen Kaffee aus der Feldküche. Unter Ausnutzung des noch herrschenden Halbdunkels und mit möglichster Lautlosigkeit wurden sämtliche Vorbereitungen zum Angriff getroffen.

Um 5.30 Uhr vormittags lagen die Bataillone und Maschinengewehr-Kompanie in ihren Gefechtsstellungen wie folgt: Am rechten Flügel des Regiments die Maschinengewehr-Kompanie mit 6 Gewehren in Lauerstellung, II. Bataillon anschließend am Bahndamm mit der 6. Kompanie nordwestlich des Weges Beuville-Arrancy, 8. Kompanie südöstlich desselben, 7. Kompanie in hinterer Linie als Unterstützung nahe Höhe 269, 5. Kompanie 600 Meter rückwärts am Wege Beuville-Arrancy in einem Kartoffelfeld zur Verfügung des Regiments. Anschließend an die 8. Kompanie lag das I. Bataillon mit der 4. Kompanie weiter südöstlich am Bahndamm, die 3. Kompanie beiderseits des von Beuville in allgemein südlicher Richtung führenden Weges am Bahndamm, die 2. Kompanie 500 Meter hinter der Mitte in hinterer Linie als Unterstützung, die 1. Kompanie als Artillerie-Schutz in Beuville.

Inzwischen war die Sonne aufgegangen und ihre ersten Strahlen fielen auf das festungsartig an schroffer Höhe liegende Arrancy. Scharf umrissen hoben sich der Kirchturm und die einzelnen massiven Gebäude mit ihren leuchtend roten Dächern ab. Von den feindlichen Schützengräben an den umliegenden Höhen war mit bloßen Auge fast nichts zu erkennen, sie waren geschickt angelegt, wie der Franzose ja überhaupt Meister in der Anlage von Verteidigungsanlagen war.

Gegen 7 Uhr wurde es recht lebhaft. Reserve-Feldartillerie 12 östlich Beuville in Stellung gegangen, setzte mit seinem Feuer zu machtvoller Ouverture ein. Gelbrote Feuerblitze über Arrancy, denen unmittelbar starke Detonationen folgten, – schwarze Qualmschwäden wälzten sich träge aufwärts – bewiesen, dass auch unsere schweren Feldhaubitzen ihr Ziel erfasst hatten. Doch auch der Gegner blieb mit seiner Artillerie nicht untätig. Er überschüttete die Kompanien des Angreifers lagenweise (Rasales) meist mit Feldgranaten; erfreulicherweise gingen die Geschosse meist zu kurz oder zu weit, sodass unsere am Bahndamm liegenden Kompanien gast gar keine und die weiter rückwärts liegenden nur geringe Verluste hatten. Dröhnend schlug das feindliche Artillerie-Feuer in den harten Kalk- und Felsboden südlich von Beuville, ein gewaltiges Echo hervorrufend. Nur schwer konnte man noch unterscheiden, welche Schüsse von eigener und welche von feindlicher Artillerie berührten, ein unablässiges Heulen, Pfeifen und Rauschen in der Luft. Der Adjutant des II. Bataillons, Leutnant Wogkittel, wurde an einem Steinbruch durch Granatsplitter leicht verwundet, er blieb bei der Truppe. Unsere Feldbatterien östlich Beuville hatten einen schweren Stand, ein Geschütz erhielt Volltreffer, hierbei wurde u. a. auch Hauptmann Mittmann verwundet. – Der Regiments-Stab Reserve-Regiment 51 beobachtete an der Höhe 500 Meter südlich Beuville das Gefecht, als sich feindliche schwere Artillerie auf diesen Hang einschoss. Etwa 40 schwere Granaten gingen dorthin. Während Oberleutnant Brauer zur Beobachtung weiter vorkroch, schlugen 2 Granaten 4 und 5 Schritt neben dem Kommandeur ein, der heftigen Luft- und Erddruck gegen seine Brust verspürte. Ein Granatsplitter fuhr in das Gewehr der neben ihm liegenden Gefechtsordonnanz Sobotta. Kurzum, es war hier oben z. Zt. wenig gemütlich. Einen schmerzlichen Verlust sollte zu gleicher Zeit der Brigade-Stab erleiden. Nahe Beuveille wurde neben dem Brigade-Kommandeur der Adjutant Oberleutnant Rudolph durch Granat-Volltreffer zerrissen in die Luft geschleudert. Generalmajor Freiherr von Wilmowski musste sich infolge hierbei zugezogenem Nervenschocks krankmelden, Oberstleutnant von Kameke übernahm vorübergehend die Führung der 23. Brigade.

Die Wirkung unserer Artillerie gestaltete sich stündlich günstiger. Vom Bahndamm konnte man gut beobachten, wie die feindlichen Gräben durch unsere Granaten und Schrapnells gefasst wurden, mancher Treffer saß drin und veranlasste die Franzosen zum Reißaus. Mit fliegenden Rockschößen sah man französische Infanteristen über den bräunlichen Ackerboden zurückeilen und stürzen, verfolgt von unseren Schrapnells mit weißen Wölkchen und rötlichem Feuerblitz.

Ins Feuergefecht konnten zunächst nur die Maschinengewehr-Kompanie und die vorderen Kompanien des II. Bataillons (6. und 8. Kompanie) erfolgreich eingreifen, den Kompanien des I. Bataillons bot sich wegen zu großer Entfernung vom Feinde noch kein lohnendes Ziel. Um 7 Uhr vormittags kündete das Tak-Tak-Tak der Maschinengewehre am rechten Flügel des Regiments an, dass man hier dem Gegner im Genick saß. Mit Visier 500 – 1.200 wurde der Nordostrand von Arrancy abgestreut, woselbst man feindliche eingenistete Maschinengewehre und Schützen erkannt hatte. Weitere kräftige Feuerstöße richteten sich gegen schwer erkennbare, in dem vorliegenden Haferfeld und in kleinen Buschgruppen eingenistete feindliche Infanterie.

Um 7.30 Uhr vormittags eröffneten die 6. und 8. Kompanie mit Visier 800 bzw. 1100 und 1200 vom Bahndamm aus das Feuer. Es galt dem Feind im Vorgelände hart nordöstlich des Dorfes und am Bahndamm hart östlich von Arrancy. Der 6. Kompanie glückte es mit 2 hohen Visieren (1200 und 1400) eine feindliche Infanterie-Kolonne zu beschießen, die sich unvorsichtig am Nordausgang von Arrancy zeigte. Hauptmann Schacke beobachtete, wie bereits nach der ersten gutliegenden Salve die Franzosen auseinander stoben und in wenigen Augenblicken wieder die schützenden Gehöfte erreichten. Das gegen 9 Uhr einsetzende heftige feindliche Artillerie-Feuer tat den beiden Kompanien wenig.

Bei der 4. und 3. Kompanie konnte man z. Zt. nichts weiter tun, als in voller Deckung hinter dem Bahndamm zu verharren, die Kompanien lagen in eingliedriger Linie dicht an die Böschung gedrückt, nur die Führer beobachteten mit dem Glase scharf nach vorn, um den Augenblick ihres Eingreifens richtig zu erfassen. Da entdeckte Hauptmann Schiedt plötzlich an einem Höhenrand südlich Arrancy mehrere feindliche Reiter, die sich anscheinend etwas zu weit vorgewagt hatten. Sofort ließ er mit einem Zuge diesen feindlichen Stab – ein solcher schien es zu sein – unter Salvenfeuer nehmen. In schnellstem Tempo verschwanden die Reiter hinter der Höhe. In der gleichen Weise wurden auch noch einige feindliche Artillerie-Beobachter verscheucht.

Ein um 10 Uhr vormittags eintreffender Divisions-Befehl besagte, die 23. Reserve-Brigade solle von un an nur hinhaltend kämpfen, da der Einfluss der 11. Reserve-Division von Westen und des XVI. Armee-Korps bzw. des V. Reserve-Korps von Südosten her abgewartet werden müsse. Das Artillerie-Duell nahm inzwischen seinen Fortgang, das Feuer schwoll zeitweise zu ohrenbetäubender Heftigkeit an und flaute wieder ab. Mitunter dröhnte es als ob eiserne Tore aufeinander schlügen. Die Sonne meinte es wieder recht gut, ihre gegen Mittag sengend herniederbrennenden Strahlen dörrten den Gaumen aus und ließen die Zunge festkleben, allenthalben stellte sich Durst ein. Wasser war schwierig zu erreichen. Dafür entdeckte man aber ein gut bestandenes Mohrrübenfeld. Einige Leute krochen hin, füllten sich die Taschen und verteilten die Rüben in der Gefechtslinie. Ein Zugführer der 4. Kompanie hatte weniger Glück. Auf der Suche nach Wasser gelangte er in ein kleines Streckenwärter-Haus, dort die Flasche mit hellgelber Flüssigkeit auf dem Tisch scheint Apfelwein zu enthalten! Er setzt an: Pfui Deibel, Maschinenöl!

Beuveille erhielt am Vormittag wiederholt Artillerie-Feuer. Einmal sah sich der Divisions-Stab genötigt, das Dorf vorübergehend zu verlassen. Auch die Chaussee Beauveille-Arrancy wurde heftig beschossen. Ferner schlugen schwere Granaten anscheinend aus Rimailho-Geschützen, in bedenklicher Nähe der in eingliedriger Formation auf dem vorderen Hang eine Anhöhe liegenden 5. Kompanie ein, die sich mit einem Schritt Zwischenraum von Mann zu Mann eingegraben hatte, um wenigstens gegen Splitterung gedeckt zu sein. Nur diesem ist es zuzuschreiben, dass die Verluste bei der Kompanie gering waren. Den Bachgrund am Bahndamm entlang sah man Verwundete vom Reserve-Jäger-Bataillon 6 sich heranschleppen, ein Zeichen, dass auch Reserve-Regiment 38 nicht mehr weitab sein konnte.

Es war 11 Uhr vormittags. Deutlich erkannte man, wie sich auf den Höhen südöstlich Arrancy Schützenlinien abhoben, gegen das Dorf vorgehend; die 22. Reserve-Brigade war es, an ihrem rechten Flügel Reserve-Regiment 38. Die Maschinengewehr-Kompanie meldete kurz darauf dem Regiment, dass Reserve-Regiment 22 nur noch einige 100 Meter von Arrancy entfernt sei.

Nun brachte Oberstleutnant von Kameke durch Signal den Angriff des Regiments 51 in Bewegung. Am rechten Flügel gelang es der Maschinengewehr-Kompanie geschickt vorzugehen und 3 Gewehre bis an den Dorfrand vorzuschieben, die anderen 3 Gewehre unterstützten dieses Vorgehen durch ihr Feuer. Die Häuser wurden unter Feuer genommen. Die Kompanien des II. Bataillons überschritten den Bahndamm sowie Crusnes-Bach und strebten dem östlichen Dorfrand zu. Beim I. Bataillon gab die 3. Kompanie den Impuls, da sie am weitesten von Arrancy entfernt war.

Vor der Kompanie lag das französische Artillerie-Feuer sehr regelmäßig, d. h. die Granaten schlugen mit so genauen Abständen 50 zu 50 Metern, in den Boden ein, dass man tadellos zwischen den einzelnen Wellen dindurchspringen konnte. Sprungweise in Gruppen und Zügen näherte sich die Kompanie dem Dorfe. Etwa 300 Meter vom Dorfrand entfernt erhielt plötzlich der Führer Hauptmann Schiedt einen Brustschuss. Trotz der stark schmerzenden Wunde schimpfte er noch weidlich darüber, dass er nun nicht mehr mitmachen könne, seine Leute außerdem noch kräftig zum Vorwärtsgehen anfeuernd. Am gleichen Vormittag wurde auch noch Leutnant der Reserve Paur der 3. Kompanie durch Wadenschuss verwundet, sodass innerhalb von 3 Tagen sämtliche Offiziere dieser Kompanie außer Gefecht gesetzt worden waren. Die 4. Kompanie folgte bald, an die 3. Anschluss gewinnen. Wähend die Kompanien des II. Bataillons stürmend den Ostrand von Arrancy erreicht hatten, ereignete sich das Missgeschick, dass unsere schwere Artillerie irrtümlicherweise noch einige Granaten ins Dorf sandte, ohne glücklicherweise Verluste der eigenen Truppe zu verursachen. So fuhr nicht weit von der 5. Kompanie eine schwere Granate donnernd in einen Garten, Offizier-Stellvertreter Knappe erhielt daher von Hauptmann  Wagner den Auftrag, die Artillerie dahin zu verständigen, dass wir uns bereits im Dorfe befänden. Knappe lief auf eine naheliegende Höhe, band sein Taschentuch, das alles andere als weiß war, an ein Gewehr und winkte wie ein Besessener. Endlich hatte die Artillerie das Zeichen verstanden und schickte einen berittenen Offizier ins Dorf, worauf das Feuer sofort eingestellt wurde. Gegen 1 Uhr war das Dorf in unserem Besitz. Ein Teil der Häuser brannte, starker Rauch stieg auf. An vorgefundenen Weinvorräten, meist leicht bekömmlicher Obstwein, löschte der Krieger seinen Durst, die Lebensgeister wurden neu entfacht. Man hielt kurz Umschau im Dorf. Innerhalb der Hecken hatte die französische Infanterie geschickt ihre Schützengräben angelegt, viele Gefallene lagen umher.

Der französischen Artillerie unsere Anerkennung! Sie hatte tapfer den Rückzug ihrer Infanterie gedeckt, am östlichen Dorfrand in einem Obstgarten standen die Reste einer Batterie, deren Bedienungsmannschaften hinter den Geschützen fast ausgerichtet, tot da lagen. Ein Artillerie-Oberstleutnant lag dort ebenfalls gefallen, sein Käppi behielt einer unserer Kameraden zum Andenken. An anderer Stelle bemerkte man dicht nebeneinander liegend noch im Geschirr eine Anzahl aufgedunsener Pferdekadaver, anscheinend die Bespannung eines Geschützes. Unsere Artillerie hatte vortrefflich gewirkt.

Seine Exz. der kommandierende General, der auf seinem Schimmel nach vorn geritten war, wurde in Arrancy von Offizieren und Mannschaften freudig mit Hurrah begrüßt.

Beim Verlassen der Stellungen war die französische Infanterie auch westlich Arrancy in unser Artillerie-Feuer, in das von Südosten her flankierende Feuer des V. Armee-Korps geraten. Dies zeigte sich in einem Hohlweg westlich des Dorfes, wo ganze Haufen toter Franzosen lagen. Man hatte den Eindruck eines Rückzuges Hals über Kopf, besonders an der Straße nach Pillon. Im Gelände verstreut fanden sich hier weggeworfene Gewehre, Tornister, große Kochgeschirre, ein zertrümmertes Maschinengewehr mit Ladestreifen und zahlreiche Päckchen von Infanterie-Munition. Noch sichtbare Feuerreste und Kochgeschirre mit warmer Reissuppe gefüllt, ließen darauf schließen, dass man in der Eile auf den größten Teil der Mahlzeit hatte verzichten müssen. Einige gefallene Franzosen trugen um den Hals gehängt kleine Amulette, die geweiht, gegen Hieb und Schuss das Leben schützen sollten.

Am Nachmittag trafen beim Generalkommando die Glückwünsche des Kaisers zu der vortrefflichen Haltung des VI. Reserve-Korps ein, denen sich auch der Kronprinz anschloss. – Das Korps erhielt Befehl, am 24. nicht weiter vorzugehen, sondern das eroberte Gelände zu halten. Die 12. Reserve-Division ordnete ihre Verbände westlich Arrancy und schob schwache Schützenlinien zur unmittelbaren Sicherung nach Westen vor.

Es war gegen 4 Uhr nachmittags. Da in Gegend Constantine und nördlich gegen Le Haute Bois noch vereinzelt Schüsse fielen und schwaches Infanterie-Feuer aufflackerte, erhielt I. Reserve-Regiment 51 Befehl, das Gelände vor der Front der Division bis an die Chaussee Longuyon-Rouvrois vom Feinde zu säubern. Die Fermen bei Constantine brannten. Das Bataillon entwickelte die 4. Kompanie in breiter Front, während die übrigen Kompanien mit Gefechtsabstand geschlossen folgten. Das II. Bataillon mit Maschinengewehr-Kompanie verblieb 500 Meter westlich Arrancy. Es wurde Essen aus der Feldküche empfangen. Die Schützen der 4. Kompanie erreichten im Vorgehen das Waldstück bei Constantine, ohne auf einen Feind zu stoßen. Da die Hitze sich immer noch sehr stark bemerkbar machte, ließ Oberleutnant Pokorny während des Vorgehens am Brunnen eines Gehöftes Wasser trinken. Rums, Pratsch – pratsch, klatschte und prasselte es in die Baumwipfel. Es waren feindliche Schrapnells, deren Sprengpunkte aber so hoch lagen, dass wirkungslos nur heiße Kugeln und Splitter auf die Trinkenden herabfielen. In den Gehöften hatten die Granaten gewaltig aufgeräumt; wohin man blickte zerschossene Mauern, verbranntes und zerstrümmertes Mobiliar, zerrissene und verbrannte Tapenet. Mehrere ledige Pferde, aus Stall oder Koppel ausgebrochen, galoppierten umher.

Der Nachmittag neigte sich dem Ende zu. Da traf von der Division der Befehl ein, dass die 23. Reserve-Brigade für die Dunkelheit Gefechtsvorposten westlich Constantine, übernehmen sollte, der Gegner sei auf Sorbey zurückgegangen. II. Reserve-Regiment 51 übernimmt die Vorposten. Um 5.30 Uhr nachmittags tritt das II. Bataillon mit Marschsicherung auf der Straße Arrancy-Constantine an, die Maschinengewehr-Kompanie hinter dem II. Bataillon, mit 800 Metern Abstand folgte I. Bataillon. Diesseits des Waldstückes bei Constantine schlägt plötzlich Infanterie-Feuer in das II. Bataillon. Major Schaaf entwickelt 5. und 6. Kompanie nördlich und südlich der Chaussee Arrancy-Pillon und nimmt das Feuer gegen das Wäldchen auf. Die 7. und 8. Kompanie bleiben geschlossen und legen sich hin.

Da befiehlt das Regeiment den Angriff nicht weiter fortzusetzen, sondern an Ort und Stelle Gefechtsvorposten auszusetzen. Die beiden entwickelten Kompanien graben sich ein, 7. und 8. Kompanie 300 Meter dahinter in Reserve. Das I. Bataillon bezog westlich Arrancy Notbiwak. Wegen der verhältnismäßig nahen Berührung mit dem Feinde unterblieb beim I. Bataillon ein Aufschlagen der Zelte. In Mantel und Zeltbahnen gehüllt ruhten die Leute bei den zusammengesetzten Gewehren. Patrouillen der 5. und 6. Kompanie stellten während des Abends fest, dass die Fermen von Constantine vom Gegner besetzt seien.

So endete der Ruhmenstag von Arrancy. Während am 1. Kampftage der Schlacht bei Longwy am 22.08. das I. Bataillon sich unter schweren Verlusten so glänzend geschlagen hatte, empfing am 23.08. bei Beuville das II. Bataillon die Feuertaufe und bewies an diesem wie am folgenden Tage gleiches Heldentum. Leutnant der Reserve Maschke 7. Kompanie und 26 Mann waren auf dem Felde der Ehre geblieben, 6 Mann wurden vermisst. 106 Verwundete zählte man beim II. Bataillon, darunter bei der 8. Kompanie die Offizierstellvertreter Paeske und Kowalczyk.

Die nächtliche Ruhe im Biwak beim I. Bataillon sollte etwas gestört werden. Gegen Mitternacht setzte plötzlich lebhaftes feindliches Infanterie-Feuer ein. Die Geschosse schlugen dicht bei den ruhenden Mannschaften ein oder sausten über die Köpfe hinweg. Man vermutete einen Überfall. Im Nu waren die Kompanien an den Gewehren, entwickelten sich auf der Grundlinie, den Gegner erwartend. In der pechschwarzen Nacht erkannten sich Führer und Mannschaften nur notdürftig. Da kam etwas von vorn die Chaussee herabgebraust, – es waren Pferde der Vorposten-Kavallerie, die infolge des Schießens den 4. Reserve-Ulanen durchgegangen waren. Nur mit Mühe wurden die Tiere zum Stehen gebracht. Auch die Pferde des Oberleutnant Pokorny hatten sich der wilden Jagd angeschlossen, da die Zügel den im Chausseegraben schlaftrunken sitzenden Pferdehalter entglitten waren. Oberleutnant Pocorny war beide Pferde mit vollständiger Feldausrüstung und Zubehör los, er hat sie nie wiedergesehen. Weitere Unruhe erregte ein aufgelöst von vorn kommender Mann der 7. Kompanie, die Worte hervorstoßend: „Kommt schnell zu Hilfe, vorn sind sie schon alle weg, es lebt keiner mehr!“ Die sofort mit dem II. Bataillon aufgenommene Verbindung ergab, dass von dieser Hiobspost kein Wort stimmte. Das Schießen war durch Franzosen, die im Walde auf Bäumen saßen, sowie von herankommenden Patrouillen verursacht worden. Der Gegner wurde in kurzer Zeit durch das Feuer der Vorposten-Kompanie zum Schweigen gebracht. – Der geschilderte Vorgang ist bezeichnend für die am Anfang des Krieges mitunter auftretende Kriegsnervosität.“

Man begrub Eduard Rudolf auf dem Soldatenfriedhof Lich-Arnsburg in Grab 108.

Grabstein von Eduard Rudolf
Grab von Eduard Rudolf

Die Männer des Ersten Weltkrieges – Teil 1.975: Johann Aicher

Der Soldat Johann Aicher stammte aus Plattenberg, einem Ortsteil der bayerischen Gemeinde Waging am See, und war der Pflegesohn eines Landwirts. Im Ersten Weltkrieg diente er in der 12. Kompanie des 17. bayerischen Infanterie-Regiments. Am 21.04.1917 fiel er während der Frühjahrsschlacht bei Arras (09.04. – 24.04.1917) nach 30 Monaten Kriegsdienst im Alter von 25 Jahren bei Guémappe in Frankreich.

Über den Zeitraum des Todes von Johann Aicher berichtet die Regimentsgeschichte des 17. bayerischen Infanterie-Regiments:

In den Tagen vom 15. bis 22.04.1917 trat auf dem Gefechtsfeld scheinbare Ruhe ein. Es bestand kein Zweifel, dass der Feind Anstalten zu einem neuen großen Angriff traf. Auf unserer Seite wurde die Zeit dazu benützt, die Verteidigungsfähigkeit der Stellung durch Auslegen von Hindernissen, Anlage von Maschinengewehr-Nestern im Zwischengelände und Schaffung von Deckungen zu verbessern.

Dem III. und II. Bataillon konnten einige Tage Ruhe in Noyelle gewährt werden. Innerhalb der Division wurden die Gefechtsabschnitte neu geregelt. Der Abschnitt des 17. Infanterie-Regiments verschob sich um eine Kompaniebreite nach rechts. Der linke Abschnitt wurde dem 18. Infanterie-Regiment, der rechte dem 23. Infanterie-Regiment zugewiesen.

Ab 21.04. nahm das feindliche Artilleriefeuer auf dei vordere Linie und das Rückengelände bedeutend zu und steigerte sich in den frühen Morgenstunden des 23.04. zu einem zweistündigen wütenden Trommelfeuer.“

Man begrub Johann Aicher auf dem Soldatenfriedhof Neuville-St.Vaast in Block 18, Grab 1221.

Sterbebild von Johann Aicher
Rückseite des Sterbebildes von Johann Aicher

Sonderbeitrag: Willibald Schwind

Der Soldat Willibald Georg Karl Schwind stammte aus Schweinheim, einem Stadtteil der bayerischen Stadt Aschaffenburg und arbeitete für die Dresdner Bank in der hessischen Stadt Frankfurt am Main. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er als Oberjäger in der 1. Kompanie des 2. bayerischen Jäger-Bataillons. Am 21.09.1914 fiel er in Frankreich an der Westfront.

Sterbeort und Grablage von Willibald Schwind sind unbekannt.

In Schweinheim gedenkt man noch heute Willibald Schwind auf einem Denkmal: http://www.denkmalprojekt.org/2016/schweinheim_stadt_aschaffenburg_wk1_wk2_bay.html

Todesanzeige der Dresdner Bank für Richard Oles, Willy Otto, Richard Quaschnik, Otto Reiser, Paul Rother, Dr. Hermann Ruesch, Julius Schubert, Willibald Schwind, Georg Starck, Martin Strelitz und Hans Vogelgesang

Sonderbeitrag: Die britische Soldatenfriedhof in Le Tréport und die drei gefallenen Deutschen

Während meines derzeitigen Sommerurlaubs in Le Tréport in der Normandie stieß ich durch Zufall auf einen britischen Soldatenfriedhof. Interessant ist, dass auf diesem Soldatenfriedhof auch drei deutsche Soldaten des Ersten Weltkrieges begraben liegen. Sie wurden nicht, wie sonst üblich, nach dem Krieg auf einen deutschen Soldatenfriedhof umgebettet. Es handelt sich dabei um folgende Gefallenen:

Der Gefreite Alfred Meyer stammte aus der Stadt Bochum im heutigen Bundesland Nordrhein-Westfalen. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er in der 8. Kompanie des 15. Infanterie-Regiment. Am 05.06.1915 starb er in Gefangenschaft, in die er während der Schlacht bei La Bassee und Arras geraten war. Man begrub ihn in Block 1 Reihe O Grab 4

Grab von Alfred Meyer

Ersatz-Reservist Theodor Schug aus Hörschhausen im heutigen Bundesland Rheinland-Pfalz. Er kämpfte in der 5. Kompanie des 57. Infanterie-Regiment. Er fiel am 27.05.1916 (Regimentsgeschichte: gestorben am 27.05.1915) und wurde in Block 2 Reihe M Grab 7 begraben.

Grab von Theodor Schug

Der Musketier Karl Terner stammte aus der Hauptstadt des heutigen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er in der 3. Kompanie des 57. Infanterie-Regiment. Am 23.05.1916 (Regimentsgeschichte: 23.05.1915) starb er in französischer Kriegsgefangenschaft. Man begrub ihn in Block 2 Reihe M Grab 8.

Grab von Karl Terner
Hier ein paar fotografische Eindrücke des Friedhofs, der ausgesprochen gut gepflegt wird:

Die Männer des Ersten Weltkrieges – Teil 1.839: Franz Xaver Spiegl

Franz Xaver Spiegl wurde am 12.02.1897 in Bergen geboren, heute ein Ortsteil der bayerischen Gemeinde Affing. Er war Alumnus des Bischöfliches Klerikalseminar in Eichstätt. Im Ersten Weltkrieg diente er in der 5. Kompanie des 7. bayerischen Reserve-Infanterie-Regiments als Vizefeldwebel und Offiziers-Aspirant. Er wurde mit dem Eisernes Kreuz und Militär-Verdienst-Kreuz mit Krone und Schwertern ausgezeichnet. Am 27.09.1918 fiel er im Alter von 21 Jahren bei Nantillois an der Westfront.

Man begrub Franz Xaver Spiegl auf dem Soldatenfriedhof Brieulles-sur-Meuse in einem Massengrab.

Sterbebild von Franz Xaver Spiegl
Rückseite des Sterbebildes von Franz Xaver Spiegl

Die Männer des Ersten Weltkrieges – Sonderbeitrag Frankfurter Volkszeitung 29: Willi Gärtner

Der Soldat Willi (Verlustliste: Wilhelm) Gärtner stammte aus Frankfurt am Main. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er als Gefreiter und Jäger in der 2. Kompanie des 11. Jäger-Bataillons. Am 11.02.1915 fiel er im Alter von 23 Jahren bei La Bassée.

Man begrub Willi Gärtner auf dem Soldatenfriedhof Lens-Sallaumines in Block 7, Grab 212.

Willi Gärtner war 1. Schriftführer des Vereins ehemaliger Domschüler. In der Frauenfriedenskirche gedenkt man Willi Gärtner noch heute auf einem Denkmal: http://www.denkmalprojekt.org/2013/bockenheim-frauenfriedenskirche-ehrenhof_wk1_hs.html

Todesanzeige für Willi Gärtner
Todesanzeige für Willi Gärtner

Die Männer des Ersten Weltkrieges – Sonderbeitrag Frankfurter Volkszeitung 27: Karl Mathäs

Der Soldat Karl Mathäs (vermutlich ist gemeint Jakob Matheis) wurde am 16.05.1888 in Kirchheim-Bolanden geboren und arbeitete in der Frankfurter Firma Schriftgießerei D. Stempel AG. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er als Reservist in der 3. Kompanie des 81. Reserve-Infanterie-Regiment. Am 10.09.1914 fiel er bei Trémont-sur-Saulx.

Die Lage des Grabes von Karl Mathäs ist unbekannt.

Todesanzeige für August Aubel, Alfred Dietz, Heinrich Filsinger, Richard Hofmann und Karl Mathäs

Die Männer des Ersten Weltkrieges – Sonderbeitrag Frankfurter Volkszeitung 26: Richard Hofmann

Der Soldat Richard Hofmann stammte aus der hessischen Stadt Frankfurt am Main. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er als Gefreiter in der 4. Kompanie des 81. Landwehr-Infanterie-Regiment. Am 18.02.1915 fiel er während der Kämpfe in den Vogesen bei La Combe.

Über den Todestag und die Todesumstände von Richard Hofmann berichtet die Regimentsgeschichte des 81. Landwehr-Infanterie-Regiment:

„Der 18. Februar brach an. Eine milde Sonne erhob sich über den Vogesenkämmen, als wolte sie von dem hundertfachen Leid, das die Höhe 600 bald erfüllen sollte, wenigstens die Unbilden der Witterung fernhalten. Bereits in der Dämmerung waren die Kompanien und Pionierzüge in den Schusterwald hinaufgerückt. Das Zentrum der Sturmstellung nahmen sämtliche Kompanien des III. Bataillons ein. Am weitesten links stand Leutnant Kreis mit der 11. Kompanie. Rechts anschließend folgte Hauptmann Kleiner mit seiner 9. Kompanie, deren Führung er, von seinen Wunden genesen, im November aus der Hand des infolge Krankheit ausscheidenden Hauptmanns Schmoidt-Knatz wieder übernommen hatte. Leutnant Trommershausen schloss sich mit der 10. Kompanie Hauptmann Kleiner an. Am rechten Bataillonsflügel stand Oberleutnant Schmidt mit der 12. Kompanie. Die Aufstellung der Flügel erfolgte gemäß den seitens des I. und II. Bataillons vorgesehenen Plänen.

Im Walde herrschte eine größere Stille als sonst. Nur wenig Schüsse hallten durch seine Bäume. Es war Mittag 12 Uhr, als der erste Artillerieschuss rauschend zum „Fensterberg“ hinüberzog. Nach und nach setzte die gesamte Artillerie Oberst Zippelmanns ein, und die Tannen der hochragenden Naturfeste, die „Kahle Höhe“, der Gipfel des „Schusterwaldes“ und La Combe hüllten sich in Wolken. Dazwischen knatterten die Maschinengewehre Leutnant Heinleins am Stein und bei der „Rattenburg“. Sie „schnitten“ feindliche Drahtverhaue durch und „sägten“ hinderliche Bäume um. Stunde um Stunde verging unter dem Toben der Geschosse. Um 2 Uhr erzitterte der deutsche Kampfgraben rechts vom Stein unter einem heftigen Stoße. Für Sekunuden wölbte sich ein wolkenausstoßender Kraterberg über das Zwischengelände, um polternd in einem nachdampfenden Bodentrichter zusammenzusinken. Es war eine französische Sprengung, die zu kurz geriet. Um 3 Uhr erfolgte die deutsche Antwort. Zwei aus je 50 Kilogramm Schwarzpulver bestehenden Minen gingen hoch. Am französischen Graben stand eine mächtige Buche. Ein Stoß hing durch den Baum, die starken Wurzeln rissen wie Garn, und der Riese stürzte mit Wucht auf die französischen Verteidigungsanlagen. Der feindliche Graben war eingedrückt – noch am gleichen Tage sollt es der Augenschein erweisen.

Um 4.30 Uhr war der allgemeine Sturm angesetzt. Um 4 Uhr traten die ersten Sturmstaffeln der Bataillone mit aufgepflanzten Seitengewehren an. Sonst hatte sich jedermann streng in den Gräben bewegen müssen, um die französischen Kugeln zu vermeiden. Im Schusterwalde wars jetzt, als gälten sie nichts mehr. Hinter den Gräben, frei im Walde, standen die Männer, Tannenzweige an den Helmen. Jeder von ihnen hatte den Franzosen etwas heimzuzahlen. Es ging noch einmal der Befehl durch die Reihen, nicht zu schießen. Nur mit dem Seitengewehr und der Handgranate sollte „gearbeitet“ werden. Die Staffeln ordneten sich. Die Mannschaften der ersten, unter ihnen eine große Anzahl Pioniere mit Drahtscheren, führten Handgranaten, Sturmbrücken und Leitern mit sich. Die nächsten Staffeln waren mit Äxten, Schaufeln und Pickeln ausgerüstet. Wer führt die erste Staffel, hieß es in den Bataillonen. Bei der 11. Kompanie stritten sich zwei erprobte Kämpfen, Feldwebel-Leutnant Busch und der baumlange Feldwebel-Leutnant Otte um diese Ehre. Keiner wollte nachgeben. Schließlich einigeten sie sich, dass jeder einen Halbzug der 1. Staffel führte. Die beiden vordersten Kolonnen der Bataillone bestanden ausschließlich aus Freiwilligen.

Es kam Hauptmann Bernhard darauf an, eine besondere Gruppe beherzter Männer auf ein französisches Maschinengewehr, dessen Stellung bekannt war, einzusetzen. Ein Kölner Wehrmann namens Höfler hatte sich eifrig dazu erboten und empfing jetzt die letzten Weisungen. „Kann ich noch ein paar Handgranaten han?“ fragte der Rheinländer. „Mer gon dann erop durch die Mulde. Ich han noch so e paar Kamerade, die sinn all good. Mer sinn ja all‘ nit verhierat. Dat macht dann nix. Nur einer is verhierat, dä is aber noch gefährlicher, als wie die Leddige.“ – „Pflanzen Sie Ihr Seitengewehr auf“ sagte Hauptmann Bernhard. – Och, dat brauche mer nit. Mer nemme jeder en Beilche met, da geht dat viel besser.“ Die Leute sahen ungeduldig nach der Uhr. 4.30 Uhr – die Zeit des Sturmbeginns ist da. Jeder fasst seine Waffe fester. Welch ein Augenblick, man möchte sich hinter die Rippen greifen, um das unruhig springende Herz zu bändigen. Noch einmal fliegen die Gedanken zur Heimat, dann aber werden sie zu Augen, Faust und zusammengebissenen Zähnen.

Jetzt ging eine Bewegung durch die Sturmkolonnen. Vom Boden, wo er gesessen, erhebt sich Feldwebel-Leutnant Otte in seiner ganzen Länge. Ein Blick auf seine wartende Mannschaft – alles ist bereit. Mit den Worten: „Nun Jungens aber feste drauf“ will er, allen voran, sich auf den Feind stürzen – da tönt ein Halt durch die Reihen. Es war Befehl gekommen, den Angriff bis 5.45 Uhr zu verschieben, weil die Artilleriewirkung an den vom Regiment Ertl am „Fensterberg“ zu durchbrechenden Drahtverhau noch ungenügend sei. Eine grimmige Enttäuschung malte sich auf den Gesichtern der Leute. Man hatte sich durch alles Menschliche hindurchgebissen, der ganze Kerl war zu Waffe und Wut geworden, und jetzt war auf einmal der alte Mensch wieder da, dem das Stehen und Warten die Glieder lähmt, das ununterbrochene Getöse des Artilleriekampfes die Sinne stumpft, und dem Vernichtungsgedanken die Brust umschnüren. Wie langsam quält sich der Zeiger der oft gezogenen Uhr vorwärts. Wie unendlich erscheint die Strecke der neu auferlegten Stunde! Endlich geht auch die zu Ende. Das Feuer der Artillerie verstärkt sich zu einem Rasen. Dicht über die Köpfe der Sturmbereiten zischen die Geschosse hinweg, zerwühlen drüben das sturmgeweihte Gelände, das wie ausgestorben daliegt. Unaufhörlich bebt der Boden. Jeder fühlt, dass die Entscheidung hart bevorsteht. In der vierten Sturmstaffel stand „Schorsch“. Die verheirateten Wehrleute hatte man tunlichst in den hintersten Kolonnen untergebracht. „Schorsch“ war einsilbig geworden. Seine Kameraden hatten in der letzten Wartestunde kein erheiterndes Wort von ihm gehört. Neben ihm stand sein Freund, wie er verheiratet. Der wandte sich jetzt zu dem Dicken mit einem bedeutsamen Blick. Wenn mir was passiert, Schorsch, Du weißt Bescheid. Gerade wollte „Schorsch“ ihm das zusichern, für den Fall, dass er selbst davon käme, als vorne eine Bewegung durch die Kolonnen ging. Die deutsche Artillerie hatte auf einmal geschwiegen, und eine grauenhafte Stille war gefolgt. Am Stein stand Hauptmann Bernhard und hatte seinen Arm hochgereckt – das Zeichen zum Sturm.

Einige Vorwitzige hatten es nicht abwarten können, bis das Ganze losbrach. Sie waren keck über das Zwischengelände zu dem feindlichen Graben hinübergekrochen. Ein bayerischer Pionier namens Hölzl lag ganz vorne, lachte wie ein Teufel rasch in den feindlichen Graben hinein, schnellte wieder zurück und ergriff eine Handgranate. Im kleinen Bogen, nicht größer als wenn ein Kind seinen Ball wirft, ließ er die schwälende Konservenbüchse zwischen die gedrängt mit aufgepflanzten Bajonetten stehenden Franzosen hüfen. Ein ängstliches Drängen und Rufen in der Grabentiefe, dann ein Krach, ein vielstimmiges Jammergeschrei…Doch jetzt krachte und Knatterte es schon rechts und links. Der ganze Schwall der Stürmenden war über die eigenen Gräben und das Gewirr der Hindernisse des Zwischengeländes vorgebrochen. Mit funkensprühenden Lunten wirbelten die deutschen Wurfgeschosse durch die Luft. Bersten und Flammenschein, Rauch und spritzendes Eisen tobte in den französischen Gräben – der Handgranatenkampf hatte begonnen. Zwischen die deutschen Reihen schwirrten die „Parisen Modedamen“, Lücken reißend, dazu wütet das Feuer der feindlichen Schützen und Maschinengewehre. Doch wie sich Wasser über hineingeworfenen Steinen wieder schließt, so schlossen immer neue Kämpfer die entstandenen Lücken. Vor dem ersten französischen Graben staute es sich eine kleine Weile. Dann aber gings quer über die Köpfe der Franzosen hinweg an den nächsten. Hinterher stürzte die zweite Kolonne und nahm den Kampf mit der Besatzung des vorderen Grabens auf. Die Franzosen wehrten sich erbittert, schossen und stachen durch die Drahtgitter hindurch, die über ihnen als Schutz gegen die deutschen Handgranaten lagen. Ein ganzer Trupp hatte sich schon ergeben. Andere hatten aber nur zum Schein die Hände erhoben und schossen erneut, als man sie herausholen wollte. Da kochte die deutsche Wut auf. Die Angreifer machten sich über den Feind her, der Graben füllte sich mit Leichen.

Einige Franzosen hatten sich verschossen, da schleuderten sie noch ihre Bajonette den Deutschen entgegen. Was von der vorderen Besatzung übrig blieb, suchte sich in den nächsten Graben zu retten. Auch dort tobte bereits ein wilder Kampf. Vor allem machte ein Meschinengewehr zu schaffen, das frei auf der Grabenböschung stand und das Angriffsgelände unter Feuer nahm. Die französische Bedienungsmannschaft hielt mit Todesverachtung auf ihrem Posten aus, doch einer nach dem anderen fiel, zuletzt der Führer, ein Leutnant. Auch das Maschinengewehr gegenüber der „Rattenburg“ wurde von den Franzosen tapfer verteidigt. Der letzte Mann, der von ihnen übrig blieb, bediente dasselbe noch, als er sich bereits im Nahkampf wehren musste. Ein wohlgezielter Beilhieb streckte ihn nieder. Den erbittertsten Widerstand leistete der Feind im dritten Graben. Die erste Sturmwelle war auch über den zweiten hinübergesetzt, die folgende Kolonne war hintendrein gestürzt und hatte die Erledigung der Franzosen hinter ihr der dritten und vierten Kolonne überlassen. Vor dem letzten Graben der Franzosen hatten die Stürmenden, von einem lebhaften Feuer empfangen, zunächst Stellung nehmen müssen, zumal sie von dem zu diesem Zeitpunkt noch hartnäckig weiterarbeitenden zweiten Maschinengewehr in der rechten Flanke gefasst wurden. Da sprangen mit herzhaftem Entschluss Otte und Busch gegen den feindlichen Graben vor und stachen mit ihren Seitengewehren auf die zähen Verteidiger ein. Mitgerissen durch dieses Beispiel stürzte alles nach. Die Handgranaten waren ausgegangen, man schleuderte Steine auf die Köpfe der Franzosen. Doch sie wichen nicht und ihr Feuer forderte neue Opfer unter den Angreifern. Diesen wuchs der Grimm über die Hartnäckigkeit des Widerstandes. Koste es was es wolle, jetzt hinab in die Gräben! Drunten in der Enge rang Mann gegen Mann. Es war ein furchtbarer Kampf und man übersah das Flehen hochgehobener Hände.

Auf dem linken Flügel war Leutnant Kettler, wirksam unterstützt durch die Maschinengewehre Leutnant Jeschkas mit seiner 4. Kompanie und Teilen der 2. aus dem Chaigetal herauf gegen die rechte Flanke des Feindes vorgedrungen und hatte, trotz des schwierigen Aufstieges, trotz der blutigen Verluste, den tapfer kämpfenden Gegner aus seinem Graben geworfen. Dann war er flankierend in Richtung auf den Schusterrücken auf das Zentrum der feindlichen Gräben vorgestoßen, wo sich der Gegner verzweifelt gegen die Angriffe des III. Bataillons wehrte. Von zwei Seiten gefasst, mussten die Franzosen jetzt dort zurückweichen. Auch die rechts vom III. Bataillon kämpfende 7. Kompanie unter Oberleutnant Ries mit Teilen der 8. Kompanie hatten sich mit höchster Tapferkeit auf den Gegner geworfen, der nach hartem Kampf den Widerstand aufgab. Jetzt ging er auf der ganzen Linie zurück.

Die Ärzte befanden sich auf den Verbandplätzen bis tief in die Nacht in anstrengender Tätigkeit. Manche Verletzte kehrten gleich, nachdem sie sich hatten verbinden lassen, zum nahen Kampfplatze zurück. So Offizierstellvertreter Jatho der 12. Kompanie, der, kaum dass ihm das Blut gestillt war, wie ein Tobender aufs neue zu Berge stieg.

Dem geworfenen Feinde wurde keine Ruhe gegönnt. Mit entschlossenem Stoß drangen die Sturmkolonnen nach, bis der Gipfel, die Höhe 600 erreicht war. Über diese hinweg und nach Westen gegen La Combe hinab wichen die Franzosen zurück.

Während im Zentrum die nur wenig unterhalb der Kuppe des „Schusterberges“ liegenden Sturmstellungen den Kolonnen erlaubten, den ersten Sprung mit großer Gewalt auf die nahen und nicht viel höher liegenden französischen Gräben zu tun, hatte der rechte Flügel des Regiments, welcher La Combe nehmen sollte, einen ungleich schwierigeren Stand. Die 6. Kompanie unter Leutnant Klingenspohr sollte sich dort aus dem Schützengraben, welcher den Kopf der engen, südlich des „Viereckwaldes“ hinaufziehenden Sappe bildete, über den steilen Hang gegen die feindlichen Gräben heranarbeiteten. Die erste Sturmkolonne unter Führung von Vizefeldwebel Ganß drang aus dem östlichen Arm des Grabens vor. Im heftigen feindlichen Feuer gelangte sie bis an den feindlichen Drahtverhau, der aber von der deutschen Artillerie so gut wie unberührt geblieben war. Was half die Opfertat besonders wagemutiger Leute, ihn unter den nahen französischen Gewehren durchschneiden zu wollen. Wer sich ihm nahte, erlag einer Kugel. Gleichzeitig mit der ersten Sturmstaffel war die zweite unter Leutnant Schletz mit Hurrah aus dem westlichen Arm des Schützengrabens vorgestürzt. Sie erhielt in dem nackten Gelände von vorne und aus der nordwestlich La Combe gelegenen feindlichen Stellung von der Flanke ein mörderisches Feuer. Vergebens, dass Vizefeldwebel Meyer und Feldwebel-Leutnant Happel ihre Sturmgruppen links und rechts in die gelichteten Reihen der beiden vorderen Kolonnen warfen. An der Schwierigkeit des Geländes und der unerschütterten französischen Stellung scheiterte verlustreich der Angriff.

Es war kein Leichtes, in der einzigen Sappe, die eine gedeckte Verbindung des Angriffsgrabens mit dem „viereckwald“ gewährte, wo Hauptmann Pothe seinen Gefechtsstand hatte, den ganzen Verkehr hinauf und hinab sich vollziehen zu lassen. Während sich die Sturmtruppen dort Mann hinter Mann aufwärts schoben, wurden an diesen vorbei die stöhnenden Verwundeten durch den engen Schlund abwärts geschleppt. Ein Glück, dass die französische Artillerie nicht in diesen wurstartig mit Menschen verstopften Graben hineinschoss. Hauptmann Karsten hatte die Aufgabe, mit der 5. Kompanie die Franzosen im Walde westlich La Combe und im „Totenwäldchen“ zu beschäftigen. Ein Zug der 5. Kompanie ging unter Offizierstellvertreter Belz und Vizefeldwebel Kiefer gegen das „Totenwäldchen“ vor, erhielt am Nordrand des Waldstückes Infanteriefeuer und wurde aus einem abgebrannten Hause südwestlich Herbaupaire von einem Maschinengewehr beschossen. Die Kolonne zog sich im Schutze der Dunkelheit nach Herbaupaire zurück. Ein zweiter Zug ging unter Leutnant Herold von Foubourg über Le Devant gegen die stark besetzte französische Sappe an. Nach einigen Stunden wurde das Gefecht abgebrochen.

Inzwischen war es dunkel geworden. Die 4. Kompanie hatte den Südhang der Höhe 600 erreicht. Teile der 2. Kompanie waren durch das „Pistolenwäldchen“ vorgegangen und hielten im Anschluss an die 4. Kompanie nach links den gegen die „Kahle Höhe“ schauenden Waldrand. Das I. Bataillon hatte nach rechts Fühlung mit dem III. Bataillon genommen. Rechts von letzterem war eine Lücke entstanden, indem der Hauptstoß des III. Bataillons gegen Südwesten gegangen war, jedoch der rechte Flügel der auf dem „Schusterberg“ fechtenden 7. und 8. Kompanie nebst Teilen des III. Bataillons in westlicher Richtung weiter gedrungen waren. Doch auch hier gaben die Franzosen den Widerstand auf.

Es war volle Nacht geworden. Wohl waren die Leute von dem heißen Drange beseelt, sich an die Fersen des weichenden Feindes zu heften. Doch es war bei der Finsternis des Waldes und der völligen Unbekanntheit mit dem Gelände nur noch ein blindes Tappen in den Gräben. Hier stieß man gegen die durch ein deutsches Geschoss zermalmten Bohlen, die den Graben sperrten. Dort stolperte man über Leichen und allerlei kriegsgerät. Die frei im Wald sich vorwärts Tastenden stürzten in die Tiefe eines der zahlreichen Laufgräben. Dazu krachten Salven von irgendwo her aus der Finsternis. Hauptsächlich kamen die Schüsse aus der rechten Flanke. Wie sehr diese bedroht war, wusste man nicht. Und links? Von Anschlusstruppen war nichts zu hören. Dagegen pfiffen auch von dort Kugeln herüber. Die Unsicherheit der Lage erheischte dringend, von einer weiteren Verfolgung des Feindes Abstand zu nehmen und den verlorenen Anschluss an das III. Bataillon wieder zu gewinnen. Es war schwer, den im größeren und kleineren Trupps zerstreuten und gegen die Finsternis des Waldes ankämpfenden Leuten den dahingehenden Befehl zu übermitteln.

Zu den Fallstricken der Irre trat ein weiteres Übel. In der Ferne zuckten rasch hintereinander zwei kleine Blitze auf. Dann hörte man ein wohlbekanntes Zischen und jäh hinterher in der Tiefe des Schusterwaldes zwei Einschläge. Der Auftakt zum französischen Artillerieangriff. Die Stürmer der Höhe 600 waren bisher von der feindlichen Artillerie unbehelligt geblieben. Kein Wunder bei der Enge des Kampfbereiches. Nur Lusse, die Fabrik, La Parriée und die Chaigetal-Stellung des I. Bataillons hatte einige Granaten abbekommen, während die „Eselspritschen“, wie die Wehrleute die französischen Gebirgsgeschütze nannten, von westlich des „Fensterberges“ her nur die Bäume des „Schusterwaldes“ anrasiert und einige Granaten fazwischen gestreut hatten, ohne den bereitstehenden Sturmstaffeln Schaden zu tun. Jetzt begann es auch westlich des „Fensterberges“ aufzublitzen, und bald splitterte der Wald, der am Tage vorher von den deutschen Geschossen verheert worden war, von dem Kreuzfeuer des Gegners. Das Verwirrende der einschlagenden Geschosse bewirkte in Verbindung mit der Nacht und dem schwierigen Gelände, dass sich eine ganze Anzahl der Leute in dem Irrgarten der feindlichen Gräben verlief und den Franzosen in die Hände fiel. Doch das Gros der 7. und 8. Kompanie mit verschiedenen Teilen anderer Kompanien erreichte noch in der Nacht den Anschluss an das III. Bataillon.

Die Hauptmasse der Sturmstaffeln hatte sich auf der Höhe 600 zusammengezogen, um sich dort zur Verteidigung einzurichten. Auch hier war die Orientierung nicht leicht. Und doch galt es, die neue Kampflinie auf das sorgfältigste zu wählen, da von ihrem richtigen Verlauf das Schicksal der neuen Stellung abhing. Diese Aufgabe gelöst zu haben, war eine aufopfernde Tat der beiden Pionieführer Hauptmann Fuchs und Oberleutnant Meißner. Sie legten in der Nacht zusammen mit Hauptmann Kleiner die Richtpunkte der auszuhebenden Gräben fest. „Alles hängt davon ab, dass wir klar sehen, wo wir sind“, sagte Oberleutnant Meißner und ließ den Strahl seiner Taschenlampe in das Gelände fallen. Ein Blick auf den jetzt deutlich erkennbaren Höhenrand, und die Hauptlinie war geborgen. Hauptmann Fuchs hatte aber einen Schuss im linken Arm sitzen. Er achtete es nicht, während es rings in den Bäumen klatschte und krachte. „Nur noch einen Blick, um die Biegung festzulegen“, sagte Meißner wieder. Ein Lichtstrahl glänzte den Hang entlang, und auch diese Linie war gesichert. Doch als das Licht erlosch, da war auch das Heldenleben des treuen Meißner dahin. Eine Kugel hatte seinen Kopf durchbohrt.

Es war, als ob diese Nacht ihr dunkles Gewand besonders langsam über die blutige Höhe schleppte. Und doch sollte sie den Bergstürmern zum Heile werden. Die Linie bestmöglicher Verteidigung lag fest. Jetzt hieß es, mit allen Kräften sich ihr entlang in den Boden zu wühlen. Unter den Tannen des Gipfels regte sich hackend und schaufelnd eine graue Menge, die durcheinander gewürfelten Teilke der Sturmstaffeln, deren Führung Hauptmann Kleiner übernommen hatte. Links anschließend lag Leutnant Kettler und baute den auf dem Westhang der Höhe verlaufenden Franzosengraben um. So wuchs die Fuchs-Meißnersche Linie als Wall aus dem Boden empor und war so gut gelegen, dass sie später das Hauptgerüst des Bollwerkes „Höhe 600“ bleib.

Die Franzosen suchten mit allen Mitteln die Verankerung des Gegners auf dem entrissenen Gipfel zu verhindern. Im Licht ihrer an seidenen Fallschirmen schwebenden Raketen jagten sie von der gegenüberliegenden Höhe und aus der Tiefe von Lam Combe heruaf salve auf Salve gegen die Schanzenden. Dazwischen krachten Artillerieeinschläge.“

Die Lage des Grabes von Richard Hofmann ist unbekannt. Ich vermute jedoch, dass er anonym in einem Massengrab auf dem Soldatenfriedhof Bertrimoutier begraben wurde, wo man auch seine Regimentskameraden begrub, die im gleichen Zeitraum fielen, u. a.

  • Ersatz-Reservist Georg Jung, gefallen am 18.02.1915, begraben auf dem Soldatenfriedhof Bertrimoutier in Block 2, Grab 616;
  • Oberleutnant Theodor Meißner, gefallen am 19.02.1915, begraben auf dem Soldatenfriedhof Bertrimoutier in Block 1, Grab 580;
  • Ersatz-Reservist Theodor Kirchner, gefallen am 19.02.1915, begraben auf dem Soldatenfriedhof Bertrimoutier in Block 1, Grab 602;
  • Ersatz-Rekrut Wilhelm Weigand, gefallen am 19.02.1915, begraben auf dem Soldatenfriedhof Bertrimoutier in Block 2, Grab 571;
  • Gefreiter Anton Manger, gefallen am 18.02.1915, begraben auf dem Soldatenfriedhof Bertrimoutier in Block 2, Grab 570.

 

Todesanzeige für August Aubel, Alfred Dietz, Heinrich Filsinger und Richard Hofmann